Traktor Pestizide
Der Hormonskandal

EU will Pestizid-Gesetz lockern

Jeder weiß inzwischen, dass hormonell wirksame Pestizide eine Gefahr für Umwelt und Gesundheit darstellen. Aus diesem Grund wollte die EU diese zunächst verbieten. Doch die Chemieindustrie hat einen Weg gefunden, das zu verhindern.

Zahlreiche Studien haben belegt, dass Pestizide und bestimmte Chemikalien in ihrem Aufbau Hormonen gleichen. Hormone sind Botenstoffe des Körpers, die wichtige Aufgaben, wie das Knochenwachstum, den Zucker- und Fettstoffwechsel, die Verdauung und die Sexualentwicklung steuern. Werden die körpereigenen Hormone durch Fremde Hormone (sog. Endokrine Disruptoren (EDC)) gestört, kann es zu Krankheiten, wie Hoden- und Brustkrebs, Fettleibigkeit, Diabetes, Unfruchtbarkeit und vieles mehr kommen. An die 800 Chemikalien gelten derzeit als potentielle EDC. Aus diesem Grund wollte die EU Verbraucher besser vor hormonähnlichen Pestiziden schützen, doch Chemiekonzerne wissen das zu verhindern.

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Die Gefahr ist schon lange bekannt

Wissenschaftler warnen bereits seit den 1990er Jahren vor den Gefahren durch hormonähnliche Stoffe. Doch die Politik tat lange nichts. Die Europäische Union brachte 1999 zwar eine „Strategie für Umwelthormone“ auf den Weg, blieb bis zum Jahr 2009 aber tatenlos.

Im Jahr 2009 wurde die hormonelle Wirkung von Pestiziden und Bioziden dann untersucht und sollte anschließend vom europäischen Parlament verboten werden. Allerdings fehlte bislang ein abgestimmtes Verfahren zur Identifizierung dieser Stoffe. Deshalb gab das Parlament der Europäischen Kommission bis Dezember 2013 Zeit, um die entsprechenden Kriterien durch die „General-Direktion-Umwelt“ festzulegen. Anfang 2012 lag der Report „State of the Art Assessment of Endocrine Disrupters“ schließlich vor, der die gesundheitsschädlichen Eigenschaften der Ackergifte bestätigte. 

Gemüse und Obst

Die EU wollte Verbraucher besser vor hormonähnlichen Pestiziden schützen, doch Chemiekonzerne wissen das zu verhindern.

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Wirtschaftliche Interessen in Gefahr

Schlechte Nachrichten also für Chemiekonzerne, die hormonell wirksame Pestizide auf der ganzen Welt im Einsatz haben. Der Chemie- und Pharmariese Bayer verfügt allein über mehr als 37 Pestizide, die vom Markt genommen werden müssten, wenn Endokrine Disruptoren verboten würden. „Allein der Bann der Antipilz-Mittel aus der Gruppe der Triazole, zu denen etwa die BAYER-Produkte PROVOST OPTI, FOLICUR und NATIVO gehören, würde zu einem Produktivitätsrückgang von 20 Prozent und zu Ernte-Verlusten bis zu 40 Prozent führen“, heißt es auf der Webseite „Coordination gegen Bayer-Gefahren“.

Durch den Report der „General-Direktion-Umwelt“ alarmiert, schlossen sich verschiedene Chemiekonzerne zusammen und übten Druck auf die EU aus. Unter anderem wurden eigene Wissenschaftler angeheuert, die die Ergebnisse des Reports der „General-Direktion-Umwelt“ wiederlegten.

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Erfolg für die Industrie

Das hatte zur Folge, dass Einfluss der „General-Direktion-Umwelt“ begrenzt wurde du bedeutete einen ersten Erfolg für die Chemiekonzerne. Die Aufgabe, ein abgestimmtes Verfahren zur Identifizierung der hormonähnlichen Stoffe festzulegen, wurde nun an die industrie-freundlichere „Europäische Behörde für Lebensmittel-Sicherheit“ (EFSA) übertragen. Die EFSA setzte die Beweislast für hormonell schädliche Wirkung eines Stoffes so hoch, dass nun kaum ein Stoff noch als EDC identifiziert und verboten werden kann. Ihr Ergebnis: Von Endokrinen Disruptoren geht keine besondere Gefahr aus.

Wirtschaftliche Interessen gehen vor

Die EU-Kommission ist damit den Forderungen der Chemieindustrie nachgekommen, die neue Pestizidverbote im Hinblick auf die Verhandlungen zu den transatlantischen Handelsabkommen TTIP und CETA unter allen Umständen verhindern will.

Schlimm genug, dass die Regulation der giftigen Substanzen schon seit Jahren von Seiten der Politik verschleppt wird und der Verbraucher es ausbaden muss. Wenn nun aber, die vorgeschlagenen Gesetzesänderungen der EU-Kommission umgesetzt werden, hieße das, ein Hormongift könnte nur dann verboten werden, wenn konkrete Wirkungen bekannt sind und nicht mehr allein wegen seiner gefährlichen Eigenschaften. Potentiell krankmachende Stoffe könnten dann praktisch eingesetzt werden, solange sie keinen Schaden anrichten bzw. man ihren Schaden nicht feststellen kann. Damit würde bereits geltendes Recht abgeschwächt und das in der Europäischen Union verankerte Vorsorgeprinzip untergraben werden. Der Schutz von Verbraucher und Umwelt vor gesundheitsschädlichen Chemikalien wäre damit um Jahre zurückgeworfen.

Umweltschutzorganisationen fordern Deutschland zum Handeln auf

Schweden, Frankreich und Dänemark fordern erhebliche Nachbesserungen bei den Vorschlägen der EU-Kommission zum Schutz von Verbrauchern und Umwelt und würden im Ernstfall auch vor dem Europäischen Gerichtshof klagen.

Die Organisationen BUND, WECF, PAN Germany, das Umweltinstitut München, CBG, SumOfUs und HEJSupport fordern die Bundesregierung ebenfalls auf, sich für strikte Kriterien im Sinne des vorbeugenden Gesundheits- und Umweltschutzes in den Verhandlungen stark zu machen. Doch die größte Chemieindustrie Europas haben wir hierzulande. Vermutlich ein Grund dafür, warum Deutschland zu dem Thema bislang schweigt.

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Quellen:  Bilder: Depositphotos/fotokostic, elenathewise, Text: Meike Riebe