Kann man ohne Konsum glücklich sein?
Minimalistisch leben

Minimalismus extrem: Ein Jahr kauffrei

Minimalistisch leben -  Finanzjournalistin und Bloggerin Michelle McGagh wollte sich vom Konsumzwang befreien und beschloss, ein Jahr lang nichts zu kaufen. Sie verrät ecowoman, warum man trotzdem zufrieden sein kann.

 „Sind auf der Suche nach irgendwas. Sind auf der Suche nach etwas mehr. Sind auf der Suche nach irgendwas. Nur was es ist, kann keiner erklär'n. Hauptsache, ein bisschen mehr.“ Yvonne Catterfeld trifft mit ihrem neuen Song „Irgendwas“ den Nagel auf den Kopf. Noch ein Pullover, noch ein Lippenstift, das größere Auto, die schickere Wohnung…ein nie enden wollender Konsumrausch, der sich nur kurz befriedigen lässt und dann erneut von uns Besitz ergreift. 

Nichts kaufen und trotzdem zufrieden sein?

Ist Kaufen die moderne Religion des 21. Jahrhunderts? Mit rationaler Bedürfnisbefriedigung hat es jedenfalls nicht mehr viel zu tun. Langeweile, der fehlende Sinn im Leben und die Suche nach etwas, das Halt gibt, sind inzwischen zu den treibenden Kräften unseres Konsumverhaltens geworden. Wir kaufen immer mehr, was wir eigentlich gar nicht brauchen. So ging es auch Michelle McGagh aus London, bis sie - vom Minimalimus-Fieber gepackt - das Kaufen für ein Jahr komplett einstellte.

Was brauchen wir wirklich, um glücklich zu sein?

Immer mehr Menschen sehnen sich nach einem Leben ohne belastenden Besitz.

Michelle’s Experiment: Das Kaufe-Nichts-Jahr

Es mag extrem klingen, aber aufgewachsen in einer Konsumgesellschaft, dachte Michelle es würde ihre Beziehung zum Geld für immer verändern, wenn sie ein Jahr lang nichts mehr kaufen würde. Michelle erwischte sich in langweiligen Phasen ihres Lebens immer wieder auf Seiten verschiedener Online-Shops, die ihr mit einem Mausklick zu kurzfristiger Freude verhalfen.

Als sie begann sich mehr und mehr für das Thema „Minimalismus“ zu interessieren, entdeckte sie auf amerikanischen Webseiten den „Kaufe-Nichts-Tag“, bei dem Menschen dazu aufgefordert werden, einen Tag lang gar nichts zu kaufen. Und sie fragte sich, ob sie das nicht auch ein Jahr lang schaffen würde. „Ein ganzes Jahr lang nichts zu kaufen, würde wohl Wunder tun für meine Brieftasche und mich davon abhalten meine Regale mit unnützem Zeug zu befüllen“, schrieb Michelle.

Nur noch das Nötigste

Am 26. November 2015 zog die Londonerin endgültig einen Strich unter ihre Konsumvergangenheit und wurde Minimalistin. Sie hörte auf, ihr Haus mit Besitz und sinnlosen Einkäufen zu überladen und nahm sich vor, ihr Geld nur noch für das Notwendigste auszugeben. Dazu zählten die Hypothek auf ihrem Haus, Rechnungen, Versicherungen und das Spenden für wohltätige Zwecke. So sparte sie jeden Monat satte 2.200 $.

Außerdem hielt sich Michelle beim Kauf von Hygieneartikeln und Reinigungsmitteln zurück und gab für Nahrung nur noch etwa 45 $ pro Woche aus, da sie anfing in größeren Mengen zu kochen. „Es gab kein Budget für Luxus“, schrieb sie. Das bedeutete: Keine Kino-Abende, keine Nächte in Kneipen, keine Essensbestellungen, keine Restaurantbesuche, keine neue Kleidung, keinen Urlaub, keine Fitnessstudio-Mitgliedschaften, und nicht mal einen Schokoriegel oder Käsekuchen aus dem Supermarkt.

Michelle gab auch kein Geld mehr für Transportmittel aus und stieg auf ihr Fahrrad um. Häufig musste sie Familie und Freunde davon abhalten, ihr Bustickets und Taxifahrten bezahlen zu wollen.

Es war nicht immer einfach

Das Jahr der Konsumabstinenz war nicht immer einfach und Michelle fragte sich zwischenzeitlich, ob sie mit ihrer Entscheidung nicht einen Fehler begangen habe und nun, wie ein einsamer Einsiedler, ein Jahr lang in ihrer Wohnung hocken würde.

Doch sie schaffte es sogar durch die Weihnachtszeit hindurch, ohne Geschenke zu kaufen oder zu verschenken. Anstrengend wurde es jedoch in den Wintermonaten, wenn sie mit betrunkenen Freunden im Pub saß: „Die Wintermonate zogen sich und jedes Mal, wenn mir der Wind auf meinem Fahrrad ins Gesicht peitschte, war ich sauer auf mich selbst, dass ich kein Geld für öffentliche Verkehrsmittel dabeihatte.“

Doch dann geschah etwas Wundervolles: es wurde Frühling. „Als das Wetter milder wurde, wollten meine Freunde durch Galerien und Museen bummeln oder sich für einen Spaziergang im Park treffen“, so Michelle.

Glück kann man nicht kaufen

Sie begann mit verschiedenen Aktivitäten, um ihr Sozialleben aufrecht zu erhalten und lernte das Sitzen im Park bei Sonnenschein mit einem günstigen, hausgemachten Falafel-Salat zu schätzen: „Diese einfachen Dinge machten mich glücklicher als irgendwelche teuren Restaurantbesuche“, so Michelle.

Ein weiterer Vorteil, den Michelle durch ihren Konsumverzicht erfuhr, war, dass sie und ihr Mann sich näherkamen und die wahre Bedeutung des Satzes „Glück kann man nicht kaufen“ verstanden.

Als ihr Experiment am 26. November 2016 endete, gab sie ihr Geld als erstes für eine Runde Getränke aus, um sich bei ihren Freunden und ihrer Familie zu bedanken.

Auch wenn sie nun wieder alles kaufen durfte, wollte sie das Ansammeln von unwichtigen Dingen nicht wieder zu einer Gewohnheit machen. Sie ersetzte lediglich abgetragene Jeans, zerfetzte Sneakers und kaputte T-Shirts.

27.000 $ gespart

Michelle McGagh lebte ein Jahr ohne etwas zu kaufen.

Sie hat es geschafft: Michelle kaufte ein Jahr lang nichts und ist trotzdem glücklich.

In dem konsumfreien Jahr hat Michelle satte 27.000 $ gespart, die sie dazu verwendete, einen großen Teil ihrer Hypothek abzuzahlen. „Nach einem Jahr des nichts Kaufens, bemerkte ich, dass mir finanzielle Sicherheit wichtiger ist als materieller Besitz: Ich möchte nicht mehr dazu gezwungen sein, so viel zu arbeiten, nur um für die nächsten zwanzig Jahre das Darlehen meines Hauses abzubezahlen und noch mehr Zeug anzusammeln“, so Michelle.

„Ich habe außerdem verstanden, dass ich keine Sachen brauche, um glücklich zu sein. Zeit mit den Menschen zu verbringen, die ich liebe, macht mich glücklicher. Und wenn ich Geld zur Verfügung habe, gebe ich es lieber für sie aus und reise beispielsweise zu meinem Großvater oder besuche Freunde in Australien.“

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Quellen: londonminimalists.co.uk/, nypost.com, Bildquellen: Petar Paunchev, inesbazdar, Text: Meike Riebe