Nyke Slawik - die erste Transfrau im Landtag von NRW?
Geschlechterkampf

Nyke Slawik - die erste Transfrau im Landtag von NRW?

Vom stillen Mitglied zur rhetorisch starken Aktivistin: Die junge Geisteswissenschaftlerin Nyke Slawik (23 Jahre) ist bei der bevorstehenden Landtagswahl NRW auf Listenplatz 29 der GRÜNEN. Seit ihrem Outing setzt sie sich zunehmend für mehr Rechte in genderspezifischen Belangen ein. 

ecowoman: Du hast in den letzten Jahren eine steile politische Karriere hingelegt. Wie hast du das geschafft?

Nyke Slawik: Naja, was heißt „steile politische Karriere“? Man muss sagen, dass Politik so viel mehr ist, als nur die Menschen, die zur Wahl stehen oder Menschen, die in Parlamenten sitzen. Parteien bestehen ja aus vielen Tausend Menschen, die sich mit ihren Ansichten einbringen und die Inhalte der Parteien und der Demokratie bestimmen. Deswegen stört mich sehr diese Elitenfeindlichkeit, die momentan um sich greift und Leute sagen: „Die da oben haben den Kontakt zur Politik verloren“. Wenn man selber schon jahrelang in einer politischen Vereinigung dabei ist, du dich engagierst, dann siehst du eben, dass Politik aus viel mehr besteht als nur aus einer kleinen Gruppe von Menschen.

Ich bin 2009 dem Jugendverband der Grünen NRW beigetreten. Das war zu der Zeit als schwarz-gelb im Bund die Mehrheit holte und ich einfach viele der damaligen Vorhaben als einen großen Rückschritt erlebt habe. In meinen späteren Teeniejahren, in denen ich mich dann auch als trans geoutet habe, spielten Themen wie „Geschlechtergerechtigkeit“, „Sichtbarkeit von queren Menschen“ eine immer größere Rolle für mich.

Einen weiteren Schub der Politisierung hatte ich, als ich ein Praktikum im EU-Parlament bei Terry Reintke gemacht habe. Sie ist die jüngste Abgeordnete im EU-Parlament, die sich auch sehr für die Themen Geschlechtergerechtigkeit einsetzt. Diese Erfahrungen haben mir Lust auf mehr gemacht. Die vielen Menschen die ich auf europäischer Ebene kennengelernt habe und sich für quere, also genderübergreifende Rechte einsetzen, gaben mir Mut, offener mit meiner Identität umzugehen und  in der Landespolitik für diese Themen zu streiten.

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Nyke Slawik - die erste Transfrau im Landtag von NRW?

ecowoman: Was war ausschlaggebend für dich, damit an die Öffentlichkeit zu gehen? Und wovon hast du den Zeitpunkt abhängig gemacht?

Nyke Slawik: Als ich diesen persönlich stark aufwühlenden Prozess in meiner Schulzeit hinter mir hatte und ich nach Düsseldorf umgezogen bin, hatte ich das Gefühl, diesen Kampf geschafft zu haben. Ich konnte endlich mein Geschlecht und meinen Namen ändern lassen, ich habe diese Operation gemacht und ich wollte einfach nur Frau sein. Einerseits habe ich gedacht, dass mich das glücklich machen würde. Aber auf der anderen Seite war das Empfinden, dass so viel Ungerechtigkeit herrscht. Ich musste gegen so vieles kämpfen und habe beobachtet, wie auch andere Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation wie ich befanden, tagtäglich diese Kämpfe um Anerkennung austragen mussten. In feministischen und queren Kreisen, in denen ich unterwegs war, fehlten mir an vorderster Front andere Transpersonen, die offen für unsere Rechte einstehen. Irgendwann habe ich gesehen, dass man nicht ständig darauf warten kann, dass von alleine eine Änderung erfolgt. Man muss auch selbst aktiv werden. Deswegen ging ich diesen Schritt und sagte: „Hey, ich stehe hier offen mit meiner Identität und möchte damit auch anderen Menschen Mut machen“.

ecowoman: Inwiefern beeinflusst deine persönliche Geschichte die Art und Weise, wie du Politik machst?

Nyke Slawik: Meines Erachtens ist Politik immer dann besonders überzeugend, wenn man es mit einer privaten Geschichte verknüpfen kann. Wenn man zeigt, dass Politik und Entscheidungen, die wir politisch treffen, kein abstraktes Geschwafel von Gender und Feminismus sind, sondern dass es konkret das Leben vieler Menschen beeinflusst.

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ecowoman: Hast du manchmal Angst, darauf reduziert zu werden?

Nyke Slawik: Das ist ein wenig ambivalent: Einerseits muss ich schon sagen, dass meine persönliche Geschichte natürlich auch einen großen Teil meiner Motivation ausmacht. Ich weiß nicht, wie politisch aktiv ich wäre, wenn ich nicht diese Lebensgeschichte mitbringen würde. Wahrscheinlich würde ich mich dann auch politisch engagieren, nur würde ich mich dann vielleicht für andere Themen leidenschaftlicher einsetzen. Ich habe schon das Gefühl, dass ich manchmal aufgrund dessen nur in diesem Themenbereich wahrgenommen werde, was ich schade finde, weil ich natürlich auch für andere Themen wie Umwelt oder der Europäischen Union sehr brenne. 

Ich war vor kurzem erst auf dem Kongress der Europäischen Grünen Partei, also der Mutterpartei aller europäischen grünen Parteien. Ich habe aus diesen Tagen so viel Inspiration mitgenommen, weil ich von Menschen aus verschiedenen Regionen der Welt erfuhr, wie sie sich für eine Veränderung einsetzen. Ich traf viele Feministinnen, die die unterschiedlichsten Kämpfe austragen. Von der Frau in einem Inselstaat im Pazifik, die dafür kämpft, dass es endlich mal mehr als nur eine Frau in ihrem Landesparlament gibt, über die junge Aktivistin in Brasilien, die sehr emotional davon erzählte, dass alle 90 Minuten in Brasilien eine Frau ermordet wird. So schockierend das auch alles ist, nehme ich auch Kraft von dieser Konferenz mit, weil ich mich nicht so alleine fühle. Ich merke, dass sich weltweit Menschen für diese Bewegung und für diesen Kampf einsetzen. 

ecowoman: Gab es einen ausschlaggebenden Moment, in dem du wusstest, dass du in deinem ursprünglichen Körper nicht mehr weiter leben kannst?

Nyke Slawik: Eigentlich ist es ein Mythos dass man meint, dass es diesen einen Moment gibt, an dem Leute sagen: „Hey, ich fühle mich in meinem Körper unwohl, eigentlich muss das anders laufen“. Die meisten Transpersonen – ich zähle mich da auch zu – tragen von Kindesbeinen an dieses Gefühl mit sich, dass etwas nicht stimmt. Dass man sich selber nicht so fühlt und so identifiziert, wie das die Eltern, die Familie und die Gesellschaft von einem erwarten. In meinem Leben haben sich oft Phasen abgewechselt, in denen ich sehr stark einfach ein Mädchen sein wollte mit Phasen in denen ich versucht habe, diesen gesellschaftlichen Erwartungen gerecht zu werden.

Es gab einen ausschlaggebenden Abschnitt in meinem Leben als ich in einer queren Theatergruppe in Köln war, wo wir uns sehr viel mit Identität beschäftigt haben. Die Offenheit des Theaterspielens und der anderen Menschen dort hat mir letztendlich die Kraft gegeben, mich zu outen.

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Nyke Slawik - die erste Transfrau im Landtag von NRW?

ecowoman: Wo besteht deiner Meinung nach bei Gender-Themen noch der größte Aufklärungsbedarf in der Gesellschaft?

Nyke Slawik: Auf landespolitischer Ebene ist es unglaublich wichtig, dass wir weiterhin in der Schule Aufklärung betreiben. In meiner Schulzeit haben beispielsweise im Sexualkundeunterricht nur heterosexuelle Identitäten eine Rolle gespielt. Es gab keine Aufklärung darüber, was es bedeutet, schwul, lesbisch, bisexuell oder trans zu sein und auch zu zeigen, dass es eigentlich zwei unterschiedliche Ebenen sind. Zum einen, wie man sein Geschlecht definiert und zum anderen, wie man sich auf einer sexuellen Ebene orientiert. Da ist noch sehr viel Potenzial da. Es gibt so viele junge Menschen für die es wichtig wäre zu wissen, dass sie nicht alleine sind.

ecowoman: Welche Gesetze würdest du – auf Deutschland bezogen – erlassen, wenn du die Möglichkeit dazu hättest?

Nyke Slawik: Das ist aber schwierig, sich da zu entscheiden! Ich würde mich dafür einsetzen, dass es weniger bürokratische Hürden gibt wenn Menschen ihren Geschlechtseintrag und ihre Namensänderung eintragen lassen können. Dass es auch für intersexuelle Menschen ein Leben lang die Möglichkeit gibt, dass sie sich nicht entscheiden müssen. Es wäre so viel einfacher, wenn es eine dritte Option für Menschen geben würde, die mit nicht-eindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren wurden.

ecowoman: Meinst du, dass man nicht nur ein Häkchen bei männlich oder weiblich setzen kann, sondern auch eine dritte Möglichkeit angegeben werden kann?

Nyke Slawik: Ja, genau. Es sollte ein Geschlechtervielfaltsgesetz geben, das die Identitäten von trans- und intergeschlechtlichen Menschen schützt. Das wäre mir eine Herzensangelegenheit. Auf der Ebene der Landespolitik wäre mir wichtig, dass mehr in Lehrpläne gegangen wird, Lehrkräfte sensibilisiert werden und bereits existierende Projekte gegen Homo- und Transphobie ausgebaut werden.

ecowoman: Wie würdest du die junge grüne nachhaltige Politikerin von heute beschreiben?

Nyke Slawik: Ich bin kein Fan von Prototypen. Ich bin für eine vielfältige Gesellschaft und dafür, dass wir für einen Feminismus streiten, einen ökologischen Feminismus, für einen Aktivismus, der aus sehr vielfältigen, verschiedenen Menschen besteht. Zu dem alle mit ihrer eigenen Identität beitragen, so wie sie sind. Ich mag an Prototypen auch nicht, dass sie oft zu Ausgrenzung führen. Ich glaube wir sollten alle mehr betonen, dass wir für die gleiche Bewegung, für die gleichen Ziele und Ideale streiten und auch die kleinen Beiträge, die wir alle in unserem Privatleben oder unserem politischen Engagement leisten, wertschätzen. 

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Quellen: Nyke Slawik, Bilder: Giacomo Zucca, GRÜNE JUGEND, Text: Jasmine Barendt