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Schwangere Frau mit Rose
Roses Revolution Day

Frauen setzen weltweit ein Zeichen gegen Gewalt in der Geburtenhilfe

Die Aktion "Roses Revolution - gegen Respektlosigkeit und Gewalt in der Geburtshilfe“ fand am 25.11.2017 zum 5. Mal statt: Rosen werden als Zeichen des Protests vor die Kreißsäle deutscher Krankenhäuser gelegt, Fotos gepostet oder Geburtsberichte auf Facebook veröffentlicht, die den alltäglichen Skandal bezeugen. Wir haben uns zu den Hintergründen dieser Aktion einmal umgehört.

"...Aber da ging es auch schon los. Die Hebamme sagte mir: „Ich muss Sie kurz untersuchen.“ Sie tastete, und dann, ohne jede Vorwarnung, durchfuhr mich ein schneidender Schmerz, der buchstäblich durch Mark und Bein ging. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet - ich stöhnte laut und mein Körper bäumte sich auf. Es war mir peinlich, aber ich konnte mich selbst nicht daran hindern. Während ich mich zitternd aufrichtete, Adrenalin bis in die Haarspitzen, erklärte mir die Hebamme, dass sie meinen Gebärmutterhals über den Muttermund geschoben hatte. Ich weiß nur noch, wie ich da halb benommen auf der Liege saß und stumm dachte: WIESO HAT SIE MIR DAS NICHT VORHER ERKLÄRT? Ist es nicht selbstverständlich, einer Frau zu erklären, wozu ein Handgriff notwendig ist und sie darauf hinzuweisen, dass das kurz wehtun wird - BEVOR man ihn ausführt?"

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Dieses ist ein Zitat aus dem Bericht Nr. 63 der Roses Revolution Deutschland 2016 und längst kein Einzelfall. Studien haben ergeben, dass etwa jede 20. Geburt in Deutschland traumatisch verläuft. Viele Frauen erleben u. a. aufgrund von Personalmangel, fehlendem Respekt oder aus Routine physische und/ oder mentale Gewalt unter der Geburt. Sie sprechen vom Ausgeliefertsein und vom Kontrollverlust, von schmerzhaften Untersuchungen und Handlungen, von maßregelnden Kommentaren und von immer neuen Anweisungen, die wie das Personal ständig wechseln. Schuldgefühle, Depressionen und Traumata können die Folge sein. Ein Thema, das in Deutschland noch weitestgehend tabuisiert wird.

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Interventionen unter der Geburt nehmen zu

"In der Geburtshilfe hat die Interventionsrate in den normalen Verlauf erschreckende Ausmaße angenommen. Mütter und Kinder sehen sich mit einem System konfrontiert, das wirtschaftliche Ausrichtung und haftungsrechtliche Absicherung über Ihre Rechte nach Autonomie, Selbstbestimmung und körperlicher Unversehrtheit stellt. Auch das ist Gewalt, auch das führt zu unnötiger Traumatisierung“, kritisiert Martina Klenk, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes (DHV).

In ihrem Buch „Gewalt unter der Geburt“ hat die Soziologin Christina Mundlos die Zahlen der Eingriffe in Kliniken mit den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verglichen und festgestellt, dass bei 40 bis 50 Prozent aller Geburten Frauen bedroht, beleidigt oder gegen ihren Willen aufgeschnitten werden. So liegt die Dammschnittrate in deutschen Kliniken inzwischen bei rund 24 Prozent, obwohl sie laut WHO nur bei fünf Prozent der Geburten nötig wären. 

Zeit- und Personalmangel

Medizinische Kontrollen, wie die dauerhafte Überwachung mittels CTG (Herzton/Wehenschreiber) werden zunehmend eingesetzt, obwohl sie eigentlich nur im Notfall erforderlich wären. Die Technik ermöglicht es dem Klinikpersonal im Überwachungsraum bis zu vier Schwangere gleichzeitig zu betreuen. „Gebärende werden in den Kliniken zunehmend schlechter versorgt, es fehlt an Personal und Zeit“, schreibt der DHV weiter. 

Nicht selten bedeutet das für die Gebärende fehlende Kommunikation und Aufklärung, so dass sie Routineprozessen häufig ausgeliefert und an Entscheidungsprozessen nicht immer beteiligt ist.

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Natürliche Geburt zu teuer

Geburten müssen heute schnell gehen, damit die Kosten möglichst gering bleiben. „Es ist der alltägliche Wahnsinn, der Kostendruck, unter dem Kliniken heutzutage stehen“, schreibt Christina Mundlos. Kein Wunder also, dass Wehenbeschleuniger und Dammschnitte im Krankenhaus schneller zum Einsatz kommen als bei Entbindungen im Geburtshaus.

„Die Geburtshilfe ist der am schlechtesten dotierte Bereich im Gesundheitswesen“, sagt Dr. Wolf Lütje, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe im Amalie-Sieveking-Krankenhaus Hamburg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Für einen Kaiserschnitt zahlen Kassen wesentlich mehr als bei einer natürlichen Geburt. „Doch eine natürliche Geburt kann 20 Stunden und länger dauern und ist personalintensiv. Ein Kaiserschnitt ist meist nach 30 Minuten passiert“, so Lütje. Ein weiterer Grund, der natürliche Geburten in Krankenhäusern erschwere, seien die horrenden Beiträge für die Haftpflichtversicherungen in der Geburtshilfe. „Wir nehmen etwa 1 000 Euro pro Geburt ein, zahlen aber bis zu 500 Euro Haftpflichtversicherung“, so Lütje. Würden die Beiträge anders finanziert, könnten Kliniken viel mehr Hebammen beschäftigen.

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Die Rechte der Gebärenden

Um die Würde des Patienten wieder mehr in den Mittelpunkt zu stellen, wurde nun eine moderne Version des hippokratischen Eides bzw. des Genfer Gelöbniseses für Ärzte veröffentlicht. Der Weltärztebund verabschiedete auf seiner Generalversammlung in Chicago eine überarbeitete Fassung, die stärker als zuvor auf die Autonomie des Patienten abzielt. 

Auch die WHO forderte in ihrem Bericht „Vermeidung und Beseitigung von Geringschätzung und  Misshandlung bei Geburten in geburtshilflichen Einrichtungen“ den Schutz und die Achtung der Rechte von Frauen, Schwangeren, Gebärenden, Müttern und Kindern ein. 

Gebärende haben, wie alle Menschen, das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit. Dieses Recht beinhaltet sowohl das Recht auf Einverständniserklärung als auch auf Behandlungsverweigerung.

Roses Revolution – gegen Respektlosigkeit und Gewalt in der Geburtenhilfe

Roses Revolution

Um gegen Respektlosigkeit und Gewalt in der Geburtshilfe vorzugehen, können Frauen an der weltweiten Aktion „Roses Revolution“ teilnehmen. Am 25. November, dem internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen, legen Betroffene an den Orten, an denen sie Gewalt während der Geburt, in der Schwangerschaft oder im Wochenbett erlebten, einen Brief und eine Rose nieder, um ein Zeichen für würdevolle Geburtsbegleitung zu setzten. Online wird die Aktion auf der Facebook-Seite „Roses Revolution Deutschland“ begleitet.

Weitere Informationen zu der Aktion findest du hier: www.gerechte-geburt.de

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Quellen: Roses Revolution, Bilder: Roses Revolution; Depositphotos/alenkasm, Text: Meike Riebe