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Werden Hausgeburten in Deutschland bald verboten?
Hausgeburten vor dem aus

Bald Verbot von Hausgeburten

Wenn man das aktuelle Geschehen verfolgt, könnte man meinen, das Recht auf Hausgeburten soll nach und nach abgeschafft werden. Die Politik ermächtigt allein Ärzte dazu über den Ablauf einer Geburt zu entscheiden. Der Wille der Mutter wird dabei häufig übergangen und Hebammen kämpfen um ihre Existenz. Verlieren Gebärende bald ganz das Recht auf Selbstbestimmung?

Nur zwei Prozent aller Geburten in Deutschland sind geplante Hausgeburten. In Tschechien sind es sogar nur ein paar Einzelfälle, da das Recht zu Hause zu gebären dort, genau wie in Australien, einigen US-Bundesstaaten und vielen weiteren Ländern so gut wie verboten wurde. Das bedeutet, in Tschechien brauchen Hebammen eine Genehmigung der Gesundheitsbehörden, die jedoch kaum zu beschaffen ist. Bei Nichteinhaltung der Vorlagen droht den Hebammen die strafrechtliche Verfolgung. Selbst die Eintragung des Kindes beim Standesamt wird nach einer „illegalen“ Hausgeburt erschwert.

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Geburten werden immer unnatürlicher

98 Prozent aller Geburten finden also in einer Klinik statt. Bei 93 Prozent dieser Geburten wird von außen eingegriffen. Dazu zählen: Schmerzmittel, Periduralanästhesie (PDA), Saugglocke, Zange oder Kaiserschnitt. Eine erschreckend hohe Zahl, die den Eindruck erweckt, als sei der menschliche Körper ohne Intervention nicht in der Lage ein Kind zu gebären. Zudem geht der Trend immer mehr zu geplanten Geburten, die entweder nach Terminabsprache eingeleitet und mit Schmerzmitteln oder PDAs begleitet werden oder gleich per Kaiserschnitt durchgeführt werden.

In einer im Dezember 1993 vorgestellten Studie des Schweizerischen Hebammenverbandes wurden innerhalb von vier Jahren 489 Frauen mit geplanter Hausgeburt und 385 Frauen mit geplanter Klinikgeburt untersucht. Dabei zeigte sich, dass 38 % der Frauen mit Hausgeburt keine Dammverletzungen hatten, bei Frauen mit Klinikgeburt waren es 9 %. Weiterhin wurden bei den Hausgeburten deutlich weniger Geburtseinleitungen, Kaiserschnitte oder Vakuum- bzw. Zangen­ent­bindungen durchgeführt und seltener wehenfördernde und schmerzstillende Medikamente verabreicht. Bei den Neugeborenen beider Gruppen wurden keine Unterschiede in den untersuchten Gesundheitsmerkmalen gefunden.

Hebammen unter Druck

Da die Kosten für die Haftpflichtversicherung von Hebammen in den letzten Jahren explosionsartig angestiegen sind, können es sich viele Hebammen nicht mehr leisten Hausgeburten zu begleiten. Die wenigen, die Gebärende noch Zuhause begleiten, tun das meist aus Idealismus - lohnen tut es sich jedoch nicht mehr.

98 Prozent aller Geburten finden in einer Klinik stat

98 Prozent aller Geburten finden in einer Klinik statt

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Ausschlusskriterien für Hausgeburten

Zudem wurden 2015 scheinbar völlig willkürlich Ausschlusskriterien für Hausgeburten festgelegt, deren Nutzen nicht erwiesen sind. Dazu zählt zum Beispiel die Überschreitung des errechneten Geburtstermins um drei Tage. Wer mindestens drei Tage über den errechneten Termin liegt, muss auf die Zustimmung eines Arztes zur Hausgeburt hoffen. Frauen haben damit keine Möglichkeit mehr den Geburtsort frei zu wählen, obwohl das eigentlich gesetzlich zugesichert ist.

Weitere Ausschlusskriterien für eine Hausgeburt sind zudem: Wehen oder Blutungen während der Schwangerschaft, zu hoher Blutdruck, Diabetes, Mehrlingsgeburten, die „falsche“ Kindslage, Anomalien in Funktion und Lage des Mutterkuchens oder andere Anomalien.

Hebammen haften für „illegale“ Hausgeburten

Die Regelungen der Schiedsstelle bedeuten, dass ohne ärztliche Zustimmung zur Hausgeburt bei sogenannten relativen Ausschlusskriterien sowie immer bei absoluten Ausschlusskriterien eine Hebamme, die eine Hausgeburt durchführt, gegen den Vertrag mit den gesetzlichen Krankenkassen verstößt. In der Folge kann sie vom Vertrag ausgeschlossen werden. Gesetzlich versicherte Frauen erhalten in diesen Fällen keine Hebammenbetreuung auf Kosten der Krankenkasse. Auch haftungsrechtlich sind die Konsequenzen vermutlich weitreichend – eine Hausgeburt durchzuführen würde dann in den meisten Fällen als grob fahrlässiges Verhalten der Hebamme gewertet werden können.

Hebammen haften für ?illegale? Hausgeburten

Keine Erlaubnis zur Hausgeburt 

„Wir gehen davon aus, dass die meisten Ärztinnen und Ärzte allein aus der Furcht vor haftungsrechtlichen Folgen zukünftig keine Zustimmung zur Hausgeburt geben werden. Vielerorts können Frauen diese Erlaubnis schon deshalb nicht bekommen, da Arztpraxen üblicherweise an Wochenenden und Feiertagen gar nicht besetzt sind“, meint Katharina Jeschke, Präsidiumsmitglied des Deutschen Hebammenverbandes.

Dieses Ausschlusskriterium stellt einen schweren Einschnitt in das Berufsrecht der Hebammen dar, der vom Hebammenverband stark kritisiert wird und zukünftig vermutlich zu einer schleichenden Abschaffung der Hausgeburten führen wird.

„Ein jahrtausendealter Beruf, der Geburtshilfe in hoher Qualität erbringt, werde damit ohne wissenschaftlich fundierte Begründung in seinen Grundzügen verändert. Das Vertrauen in die Kompetenz der Frauen geht immer mehr verloren. Technische Hilfsmittel werden immer mehr in den Vordergrund geschoben, da sie vermeintlich Sicherheit bieten. Es gebe jedoch keine empirisch belegbaren Beweise, dass eine Hausgeburt weniger sicher ist als eine Geburt in der Klinik oder dass dabei mehr Komplikationen auftreten“, so Martina Klenk, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes.

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Hausgeburten sind befremdlich

Das Kino lebt es vor: es gibt keinen Hollywood-Film, in dem die Frau nicht zur Geburt in ein Krankenhaus fährt. Hausgeburten spielen in der Öffentlichkeit keine Rolle und sind, wenn überhaupt, mit negativen Vorstellungen assoziiert. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt eine Hausgeburt in vielen Industrieländern als exotisch und unvernünftig.

Schuld daran ist mitunter das strikt durchorganisierte Medizinsystem mit seinen Vorsorgeuntersuchungen, Messfehlern, Normierungsversuchen und Falsch-Positiv-Messungen, die zu einer starken Verunsicherung der Schwangeren führen können. Dass alle Vorsorgeuntersuchungen freiwillig sind und auch bei einer Hebamme durchgeführt werden können, erwähnen die Frauenärzte meistens nicht.

In ihrer Analyse „Das Dilemma der klinischen Geburtshilfe“ sagt Corinna Crotty, dass die gesunde Frau mit gesundem Kind bei der Geburt keine medizinische Hilfe braucht, sie brauche lediglich eine Umgebung in der sie entspannen und ganz bei sich selbst sein kann.

„Die Atmosphäre im Krankenhaus verhindert hingegen meist die Ausschüttung von Endorphinen und Oxytocin, so dass vom natürlichen, schmerzlindernden und bewusstseinserweiternden Rausch der Geburt nur der Schmerz übrig bleibt“, so Irene Behrmann von GreenBirth.

Alleingeburt als Alternative?

In Ländern, in denen Hausgeburten bereits verboten sind, entwickelt sich ein Trend hin zur Alleingeburt und zu Geburten mit Frauen, die anderen Frauen ohne Hebammenzulassung bei der Geburt helfen – und sich entweder durch von Rechtsanwälten entworfene Verträge absichern oder „nie da waren“. Ein Zustand, der auch in Deutschland bald Realität werden könnte, solange der finanzielle und rechtliche Druck weiterhin zunehmen.

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Quellen: Corinna Crotty: „Das Dilemma der klinischen Geburtshilfe.“, Bilder: Depositphotos/gpointstudio, Kzenon, FamVeldman, Text: Meike Riebe