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Eine Familie zieht in den Wald
Wir hier draußen

Eine Familie zieht in den Wald

Natürlich habe ich Ideologien, sogar einige. Aber ich habe auch einen Alltag, ich muss mich jeden Tag aufs Neue um meine Existenz kümmern. Vor sechs Jahren sind meine Familie und ich in den Wald gezogen, wo wir uns, ganz wie die Pioniere vergangener Zeiten, angesiedelt und ein Holzhaus gebaut haben. Wir wollten unsere Vorstellungen und Ideen in unser Alltagsleben integrieren. Hier einige der Dinge, die ich durch diese Erfahrung gelernt habe:

„Es ist der größte Verrat, etwas zu wissen, wirklich zu wissen – und trotz dieses Wissens dann nicht zu handeln.“ Dieser Satz ist ein wichtiger Teil meines Lebens geworden. Und egal, wie konfus und verwirrend unser Leben im Wald manchmal ist – es ist für mich noch immer von allergrößter Bedeutung, dass wir wirklich etwas getan haben. Das wir einer inneren Stimme gefolgt sind. Wir haben auf die Dinge, von denen wir in unserem Inneren gespürt haben, dass sie falsch sind, reagiert.  Den eingangs erwähnten Satz hat mein Mann gesagt – er war einer der Auslöser, dass wir unsere Jobs gekündigt haben, unsere Sachen entsorgt haben und abgehauen sind. Wenn ich Zweifel habe, wenn ich mir wie eine Heuchlerin vorkomme, wenn alles mir zu anstrengend wird, dann halte ich mich an diesem Satz fest. Ich bin in gewisser Weise stolz darauf. Ich glaube, das ist ein wichtiges Gefühl. Ich bin stolz auf das, was wir getan haben – gar nicht so sehr auf das, was wir erreicht haben, sondern dass wir es überhaupt versucht haben. Wir haben reagiert.

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Andrea Hejlskov

Vor sechs Jahren zog Andrea Hejlskov mit ihrer Familie in den Wald

Mach, was du kannst  mit dem, was du hast

Wir wollten ein einfacheres Leben führen. Alles war viel zu kompliziert geworden, egal wie hektisch wir herumrannten, wir kamen nie irgendwo an, egal wie viel wir arbeiteten, wir hatten nie genug Geld usw. In meinem alten Leben hatte ich immer das Gefühl, hinterher zu sein. Ich hatte das Gefühl, dass das Leben einfach passierte, dass es aus einer Aneinanderreihung von Zufällen und unbewussten Entscheidungen bestand. 

Als wir beschlossen, eine bewusste Entscheidung über unser Leben zu treffen, hatten wir jede Menge Träume. Und wir hatten viele sehr konkrete Bedürfnisse, wenn ich jetzt darauf zurückblicke. Ich träumte zum Beispiel davon, in einem Schloß in Frankreich zu leben. Wie in einem Werbespot stellte ich mir unser Leben dort vor, sah uns als glückliche Hippies. Oh, Mann. 

Andrea Hejlskov

So kam es natürlich nicht. Zunächst mal hatten wir gar nicht das Geld dazu. Die Möglichkeit, die sich uns stattdessen bot, war, in der Wildnis eine Hütte zu bauen, weil der Besitzer des Waldstücks es uns erlaubte. Ich hatte nie von Schweden geträumt, und auch nicht von Holzhütten. Aber wir hatten nunmal diese Gelegenheit – und wir nutzten sie, vermutlich weil wir viel zu verzweifelt waren, es nicht zu tun. Aber vielleicht auch, und das ist etwas, das ich gelernt habe, weil man machen muss, was man kann, mit dem, was man hat. Ansonsten kann man nämlich ewig herumsitzen und sich Traumschlösser ausmalen. Hundert Jahre lang. Und man wird nie irgendwo ankommen.

Was wir haben, kann man mit Geld nicht kaufen: Wir wissen jetzt, wer wir sind, wir wissen, wie wir zusammen arbeiten und was wir erreichen können, und wir wissen, was wir wollen. Jetzt, sechs Jahre später, würde ich behaupten, dass wir das erreicht haben, was wir wollten – aber es ist ganz und gar nicht das, was ich mir damals vorgestellt hatte, nichts davon.

Ich glaube, ich habe von einem selbstgenügsamen Leben off grid geträumt, einem schönen Leben. Ich hatte mir mein Leben als etwas vorgestellt, in dem alles kristallklar ist, und ja, eben schön. Doch so war es dann ganz und gar nicht, nicht im ersten Jahr hier im Wald und auch heute noch immer nicht. Es war und ist konfus und verwirrend. Aber es ist real und wahr. Und vielleicht war es genau das, was ich eigentlich immer wollte. Vielleicht hatten meine Träume vor allem mit Wahrheit zu tun. Nur waren sie eben in glitzerndes Geschenkpapier verpackt, diese alten Träume.

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Eine Familie zieht in den Wald

Entscheidungen aufteilen

Wir haben damals mit unseren Kindern über das Gefühl gesprochen, in unserem Leben müsste sich einiges ändern. Mir fehlte der richtige Bezug zu ihnen, und ich konnte nicht mit ansehen, wie sie nach und nach ihre Träume und ihre Abenteuerlust verloren. Aber den eigenen Kindern zu sagen, dass man sich auf ein Abenteuer einlassen will, von dem man vielleicht nicht zurückkehren wird – das ist etwas, das für ein Kind sehr schwer zu verstehen ist. Für einen Erwachsenen eigentlich auch. Es kann sehr angsteinflößend sein. Die Entscheidung kann so endgültig wirken. So gewaltig.

„Vereinfache, vereinfache“, sagte Thoreau. Und ich denke, er hatte Recht; ich glaube, in einer überkomplizierten Gesellschaft wie der unseren bedeutet dieser Prozess des Vereinfachens, dass man auch die notwendigen Entscheidungen vereinfachen muss. Ansonsten kann man sie zu Tode durchdenken, ohne sich zu entscheiden. 

Und so entschieden wir uns, dass wir erstmal für ein Jahr in den Wald gehen und wie die frühen Siedler leben wollten. Dass wir uns von allem freimachen und das Leben in seiner Gänze erleben wollten. Aber eben erstmal nur für ein Jahr. 

Nun, sechs Jahre später sind wir noch immer hier. Doch noch immer treffen wir jedes Jahr eine Entscheidung. Jedes Jahr sprechen wir über unsere Träume und Bedürfnisse. Es ist ein zentraler Teil unseres Lebens geworden. Überhaupt sprechen wir sehr viel. Wir entprogrammieren uns und versuchen, den Dingen Bedeutung zu verleihen.

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Eine Familie zieht in den Wald

Vita

Andrea Hejlskov ist eine dänische Autorin und Journalistin. Sie lebt off the grid in den Wäldern Schwedens. Sie und ihre Familie führen diesen einfachen Lebensstil nun schon seit sechs Jahren, und seitdem hat sich viel verändert: Inzwischen leben sie nicht mehr in der ersten Holzhütte, die sie gebaut haben, und mit der Zeit sind sie viele Kompromisse eingegangen und haben ihre Lebensumstände angepasst. Und genau darin liegt, findet Andrea, der Kern des Rewilding: In der Fähigkeit, sich anzupassen. 

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Quellen: Bilder: www.mairisch.de, Text: Andrea Hejlskov