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Naturbühnen ohne Pflegeaufwand: Insektenhotels
Insektenhotels

Naturbühnen ohne Pflegeaufwand: Insektenhotels

Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, ein Insektenhotel aufzustellen? Wenn ja, sollten Sie diesen Beitrag lesen; wenn nicht, erst recht.

Denn es gibt viele Gründe für und eigentlich keinen gegen Insektenhotels. Da sie in Form und Größe höchst variabel sind, findet sich für sie nicht nur in Gärten oder auf größeren Terrassen sondern selbst auf kleinsten Balkonen ein geeigneter Platz. Je sonniger, umso besser.

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Synonym Bienenhotel

Biene auf Blüte

Die Sorge, mit einem Insektenhotel lästige Plagegeister anzulocken, ist unbegründet. Stubenfliegen, Stechmücken oder am Zwetschgenkuchen mitnaschende Wespenarten bevorzugen völlig andere Domizile und Nistplätze als sie ein übliches Insektenhotel mit seinen dominierenden künstlichen Nistgängen bietet. In das ziehen neben einer Reihe weiterer Nützlinge vorrangig Wildbienen wie besonders zwei Mauerbienenarten ein. Vielleicht weckt die alternative Bezeichnung „Bienenhotel“ sympathischere Assoziationen als „Insektenhotel“?

Keine Stichgefahr

Wer nun bei Wildbienen wiederum an besonders wilde Bienen und schmerzhafte Stiche denkt, liegt ebenfalls falsch. Denn im Gegensatz zu in großen Staatenverbänden lebenden Honigbienen neigen die solitär lebenden Wildbienen selbst dann nicht zu Verteidigungsattacken, wenn man ihnen versehentlich oder gewollt zu nahe kommt. In ihrem genetischen Programm ist die Abwehr größerer Feinde, gegen die sie als Einzelkämpfer keine Chance hätten, einfach nicht drin. Zudem wäre der Stachel der meisten Arten ohnehin zu schwach, um menschliche Haut zu durchdringen. 

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Attraktiver Blickfang 

Insektenhotel

Schön gestaltete Insektenhotels sind bereits unbewohnt ein attraktiver Blickfang. Ein buntes Minihotel bereichert jede Blumenbank oder auch nur den Fenstersims (absturzsicher befestigen!), während es im Garten einige bis viele Nummern größer sein darf. Lassen Sie sich doch aus Büchern wie meinem (siehe unten) oder auch im Internet anregen. 

Richtig interessant wird es aber vor Ihrem Hotel, sobald die ersten Gäste einziehen. Bereits ab März können sie die fleißigen Weibchen der Roten und der Gehörnten Mauerbiene beobachten, wie sie nach einem kurzen und manchmal turbulenten Hochzeitsflug Pollen und Nektar als Proviant für ihren Nachwuchs in die Nistgänge des Hotels einbringen. Nach dem Anlegen von bis zu 30 Brutkammern je Nistgang, in die jeweils ein Ei gelegt wird, verschließen die Bienen den Gang mit einem mörtelartigen Erde-Speichelgemisch. Die Rate an solcherart verschlossenen Gängen verrät Ihnen den aktuellen Belegungsstand Ihrer Herberge.

Ist ihr Hotel schon etwas bekannt in der Gegend, darf im Laufe des Frühjahrs und Sommers mit weiteren für den Beobachter harmlosen Wildbienen-, Schmalbauch- und Schlupfwespenarten gerechnet werden. Auch Untermieter wie Marienkäfer, feenhafte Florfliegen oder nützliche weil ebenfalls blattlausfressende Ohrwürmer stellen sich ein, sofern ihr Hotel über geeignete Zusatzzimmer mit lockerer Holzwoll- oder Strohausstattung verfügt. 

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Steigende Besucherzahlen

Es kann durchaus sein, dass Ihr Hotel im ersten Jahr der Aufstellung verwaist bleibt. Dies besonders dann, wenn Sie den ersten Ansturm Ende März/Anfang April verpasst haben. Aber schon im nächsten Jahr sollten Sie dann gut dabei sein; mit etwas Glück in jedem weiteren Jahr etwas mehr. Und das ohne jedes Zutun. Einmal aufgestellt, können Sie Ihr Hotel völlig sich selbst überlassen. Es muss nie ausgemistet oder sonst wie gepflegt werden. Wenn Sie es für ein paar Monate mal ganz vergessen, macht nix. Hotel Kerf läuft auch ohne Ihre Aufsicht. Und gerade wenn Sie nach einer längeren Pause wieder mal gezielt vorbei schauen, werden Sie sich vielleicht wundern, was sich zwischenzeitlich alles getan hat. Versuche Sie das mal – oder besser nicht – mit einem Aquarium.

Kaufen, basteln, verschenken

Insektenhotel

Wie Sie zu Ihrem Insektenhotel kommen, sei Ihnen überlassen. Es gibt Sie in verschiedensten Größen, Ausführungen und Preisklassen in Bau- und auf Bauernmärkten, in Gärtnereien und natürlich auch über das Internet zu kaufen. Wer vorausschauend in Herbst und Winter auf Abverkaufsangebote schielt, bekommt so manches Schnäppchen, das einige Monate später leicht das Fünffache kostet.

Handwerklich Geschickte bauen ihr Insektenhotel – vielleicht zusammen mit ihren Kindern oder Enkeln – selbst. Anleitungen finden Sie wiederum in Büchern oder im Internet.

Und wer ein Geschenk von billig bis teuer sucht, steht mit einem individuell angemessenen Insektenhotel fast immer auf der sicheren Seite. Verschenken Sie die Mobilie am besten zusammen mit meinem Buch. Da heilen oder bekehren Sie womöglich sogar Insektenphobiker.

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Insektenhotels als ökologische Initialzündung

Wissenschaftler alarmieren, dass die Zahl der Insekten in den letzten 30 Jahren dramatisch gesunken ist – Tendenz weiter steil fallend. Das gefährdet nicht nur die Bestäubung unserer Nutzpflanzen sondern das gesamte ökologische Gefüge. Von Insekten lebende Singvögel finden nicht mehr genug Nahrung für sich und ihren Nachwuchs. Und woran kaum jemand denkt: Selbst Schmeißfliegen haben einen Nutzen. Ihre Larven fressen im Sommer gestorbene Wildtiere und Tierkot innerhalb weniger Tage auf und behindern so nicht zuletzt die Ausbreitung von Tierseuchen. 

Die akut bedrohte Welt der Insekten kann mit Insektenhotels alleine nicht gerettet werden. Selbst dann nicht, wenn auf jedem bundesdeutschen Balkon und in jedem Garten ein oder mehrere davon stünden. Denn Insektenhotels bieten nur einem kleinen Teil aller Arten Unterkunft und Nistgelegenheit, zudem allen keine Nahrung und keinen Schutz vor Insektiziden. Dennoch könnten sie auch diesbezüglich etwas bewegen. Denn wer über sein eigenes Insektenhotel wieder etwas mehr Zugang zu diesem interessanten Mikrokosmos bekommt, gestaltet seinen Garten oder seinen Balkon vielleicht etwas naturnäher als bisher, greift im Pflanzenschutz weniger zur chemischen Keule, prägt seine Kinder anders und gibt bei politischen Wahlen wohlüberlegter jenen seine Stimme, für die der Schutz einer bedrohten Natur und Menschenschutz weder nur ein Lippenbekenntnis noch ein Widerspruch sind.

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Quellen: Bilder: Depositphotos/fotomem, hin255, viki2win, Kassandra2, Text: Werner Stingl