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Nachhaltiger Protest? Bürger wehren sich gegen Fluglärm

Mittlerweile sind 35 Prozent der Deutschen Bevölkerung von Fluglärm betroffen. Die Bürgerproteste mehren sich. Besonders rund um den Frankfurter Flughafen und die sich daran angrenzende Großregion leiden die Menschen unter den Anflugverfahren. Umweltbewusstes Handeln und der Erhalt der Gesundheit scheinen bei der Planung keine Rolle gespielt zu haben. Nachaltigleben.de sprach mit Karsten Jacobs von der «Initiative Fluglärm in Rheinhessen e.V.» über die aktuelle Situation, die gesundheitlichen Folgen der Fluglärmbelastung und welche nachhaltigen Forderungen die Initiative an Politik und Flughafenbetreiber stellt.

35 Prozent der Bundesbürger leiden unter Fluglärm.

Durch den Ausbau des Frankfurter Flughafens (Fraport) ist die Region Rheinhessen nun deutlich stärker von Fluglärm betroffen. Foto: Fotolia 

Der Ausbau des Frankfurter Flughafens hat massive Proteste in der Bevölkerung hervorgerufen. Was sind die Gründe und wie ist der aktuelle Stand?

Der Planung und Durchführung des Ausbaus wurde ohne Beteiligung und ohne hinreichende Information zu den Folgen der Bevölkerung durchgeführt. Es wurde im wahrsten Sinne über unsere Köpfe hinweg entschieden. Und das, obwohl ein solcher Megahub mit einer heutigen Umlade- und Umsteigerquote von 55% (Tendenz steigend) in einer so dicht besiedelten Region weder sinnvoll noch notwendig ist. Selbst die versprochenen Arbeitsplätze, die immer als Totschlagargument von den Befürwortern genutzt werden, haben sich nicht bewahrheitet. Von 250.000 neuen Jobs sind 40.000 übrig, davon viele als unterbezahlte Leih- und Kurzzeitarbeitsplätze. Dabei werden auch die Arbeitsplatzverschiebungen (schon geschehen von Mainz nach Frankfurt) mitgezählt, also Arbeitsplätze, die anderenorts verloren gehen, die massive Arbeits- und Existenzvernichtung in der Landwirtschaft (Stichwort Bioprodukte) und in der Tourismusbranche (wer macht hier zwei Mal Urlaub, wenn er um 5 Uhr aus dem Bett gedröhnt wird) werden gar nicht mitgerechnet. Die negativen Auswirkungen übertreffen aus unserer Sicht deutlich die positiven Auswirkungen. Dazu kommt, dass die Verantwortlichen kein ernstes Bemühen zeigen, wenigstens die Flugverfahren so anzupassen, dass tatsächlich weniger Lärm am Boden bei den Betroffenen ankommt. Es wird nur schön gerechnet (Lärmindex), aber der Lärm verringert sich für die Betroffenen nicht, wenn statt 200.000 nur 100.000 Menschen betroffen sind. Auch die Politik hält Ihre Versprechungen nicht ein, bestes Beispiel ist die Revision Hessens gegen das damals vom VGH entschiedene Nachtflugverbot beim Bundesverwaltungsgericht. Wäre es der Regierung tatsächlich ernst gewesen und sie hätten nur Revision eingelegt, um Rechtssicherheit zu erhalten, hätten sie von vorneherein auf eine Revisionsklage der Luftverkehrslobby warten können und bis zu einer finalen Entscheidung das Urteil des VGHs durchgesetzt. Das musste aber erst von Privatleuten gerichtlich erstritten werden. Es gibt leisere Verfahren, es gibt Möglichkeiten, den Flugverkehr zu reduzieren. All dies führt natürlich dazu, dass sich die Menschen betrogen fühlen und massiv auf die Straße gehen, um Ihren Unmut zu zeigen.

Ist die Fraport AG als Betreiber des Flughafens zu Kompromissen bereit und wie reagiert das Unternehmen auf die Argumente der Bevölkerung?

Fraport hat bisher keine Kompromissbereitschaft gezeigt. Fraport schiebt die Verantwortung bzgl. Lärmvermeidung zur Deutschen Flugsicherung und umgekehrt. Zwar finanziert Fraport u.a. die neue Task Force «Flugwegoptimierung», es ist aber höchst zweifelhaft, ob dies im Sinne der Lärmvermeidung ist, oder nur, um dort möglichst großen Einfluss nehmen zu können und Lösungen gegen die Interessen von Fraport im Vorfeld zu unterbinden. Die Aussagen beim Infomobil der Fraport haben deutlich gezeigt, dass Fraport weder ein Konzept noch den Willen hat, tatsächlich etwas gegen den zunehmenden Lärm zu unternehmen. Sinnvoll wäre hier die Reduzierung des Flugverkehrs, besonders im Bereich des Umlade- und Umsteigeverkehrs.

Auf Facebook haben sich knapp 1000 Menschen zu einer virtuellen Bürgerbewegung zusammengefunden.

Knapp 900 «Liker» haben sich auf Facebook der Initiative gegen Fluglärm angeschlossen. Jeden Montag wird über das soziale Netzwerk zur Montagsdemo am Frankfurter Flughafen aufgerufen.

Wie schadet Fluglärm der Umwelt und dem Menschen und ab welchen Werten macht er krank?

Der durch die Flugzeuge emittierte Fluglärm ist ins besondere in der Start und Landephase besonders hoch. Dies ist bedingt durch die niedrigen Flughöhen und auch durch die hohen Triebwerksleitungen (und auch der damit zusammenhängenden Lärmentwicklung) speziell in der Start-, aber auch je nach Landeverfahren in der Landephase (hier wir die Antriebsleistung benötigt um das Flugzeug im Landeanflug zu stabilisieren). Diese Dauerbeschallung, wie sie an großen Flughäfen mit entsprechender Minutenfrequenz auftritt, wird ab einem Wert von 60 dB als gesundheitsschädlich angesehen. Hauptsächlich sind dies Herz / Kreislauferkrankungen die sich in hohem Blutdruck und damit verbundenem erhöhtem Herzinfarkt- und Schlaganfall- Risiko äußern. Besonders fatal wirken sich hier die Auswirkungen einer Beschallung durch Nachtflug aus, da dem Körper die wichtige Nachtregeneration entzogen wird. Dies tritt auch auf, wenn der Nachtfluglärm nicht bewusst sondern nur über das Unterbewusstsein wahrgenommen wird. Ein weiterer Effekt der Lärmbeeinflussung äußert sich in Konzentrations-schwierigkeiten, die speziell die Schulkinder in diesen Regionen betrifft.

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Was sagen Wissenschaftler zum Thema «Krank durch Fluglärm»?

Mittlerweile gibt es etliche Großstudien aus den Umgebungen der großen Flughäfen, welche die obengenannten Risiken eindeutig nachgewiesen haben. Zu den Beeinflussungen durch den Fluglärm auf das Lernverhalten der Schulkinder gibt es eine interessante Studie aus München. Dort wurde nach der Verlagerung des kompletten Flughafens das Verhalten der Kinder vor und nach der Beeinflussung durch den Fluglärm untersucht. Hier konnte eindeutig nachgewiesen werden, dass in den Bereichen ohne Fluglärm eine deutlich höhere Lernleistung erzielt wurde als in den Bereich mit Dauerbeschallung.


Gibt es Alternativen, um den Fluglärm zu mindern und wenn ja, welche?

Es gibt zahlreiche. Diese lassen sich in drei Kategorien einteilen.

  1. Fluglärm verhindern: Dazu zählt das Nachflugverbot von 22 bis 6 Uhr und die Begrenzung der Flüge in den Nachtrandstunden sowie die Reduzierung des Umlade- und Umsteigeverkehrs.
  2. Fluglärm reduzieren: Es gibt Flugverfahren, die an anderen Großflughäfen ganztägig eingesetzt werden, die das Potential haben, Fluglärm deutlich zu reduzieren. Dazu gehören u.a. der kontinuierliche Sinkflug bei Landungen (CDA), oder auch der Steilstart bis zur Reiseflughöhe. Derzeitige Bemühungen der Luftverkehrslobby zielen auf Lärmverschiebung in weniger dicht besiedelte Gebiete und die daraus resultierende rein rechnerische Lärmverringerung.
  3. Faires Flugroutenkonzept: Es wird immer ein Quantum an Restlärm bleiben, bei diesem ist darauf zu achten, dass allen Menschen, unabhängig von Wohnort (unter einer Route oder nicht, in Städten oder ländlich) die gleichen Rechte auf gleichlange Lärmpausen zugestanden werden muss.

Wie können sich Betroffene wehren bzw. sich vor Fluglärm schützen?

Betroffene können Fluglärmbeschwerden einreichen, Anträge auf Schallschutz und Entschädigung wegen Wertminderung stellen sowie Klage gegen die neuen seit März 2011 eingeführten Flugrouten einreichen.

Sind die gesetzlichen Bestimmungen ausreichend?

Nein. Es muss im Rahmen des Luftverkehrsgesetztes z. B. gearbeitet werden an - der Stärkung des Schutzes der Nachtruhe, so ist z. B. nach der Sicherheit diesem Schutzziel höchste Priorität vor anderen Belangen einzuräumen, - der Schutzwirkung für reine Wohngebiete (ähnlich wie bei Kurgebieten), - dem Rahmen des Bundesimmisionsschutzgesetzes z. B. der Gleichstellung des Einrichtens von Flugrouten und Flugverfahren mit dem Einrichten und Betreiben von öffentlichen Straßen, der gleichberechtigten Behandlung aller öffentlichen Verkehrswege einschließlich der Flugrouten sowie - der Angleichung der unterschiedlichen Grenzwerte zwischen öffentlichem und privatem Lärm. Im Rahmen des Fluglärmgesetzes an - der Umstellung von Schallschutzmaßnahmen auf Absiedlungsgebote - der Überarbeitung der bisherigen Schutzzonenregelungen ( z. B. keine Neubauge-nehmigungen mehr ab Veröffentlichung von Schutzzonen) Im Rahmen des Genehmigungsverfahrens an der frühzeitigen Bürgerbeteiligung – beginnend bei der politischen Projektierung

Welche Forderungen haben Sie?

Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, unsere Region lebenswert zu erhalten. Der Flughafen ist für unsere Region wichtig, ein weiteres Wachstum ist aber wirtschaftlich nicht sinnvoll. Jetzt müssen die Menschen in unserer Region und deren Gesundheit im Vordergrund stehen, d.h. der Schutz der Bevölkerung vor Emissionen, Gesundheitsgefährdungen und Vermögensverlusten muss Vorrang vor den wirtschaftlichen Interessen haben. Wir setzen uns ein für:

  1. Fluglärm verhindern: Dazu gehört z.B. die Verhinderung des Ausbaus und ein absolutes Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr in Kombination mit einer starken Verminderung der Flugbewegungen zwischen 18 - 22 Uhr. 2.
  2. Fluglärm reduzieren: Nutzung aller technischen Möglichkeiten, um lärmärmere An- und Abflugverfahren, wie Continuous Descent Approach, ganztägig einzuführen. Und für eine Begrenzung des Flugverkehrs und des Fluglärms über Wohngebieten.
  3. Ein faires Flugroutenkonzept in gemeinsamer und solidarischer Abstimmung mit allen Anrainern von Nord bis Süd und Ost bis West zu einem tragfähigen Kompromiss. Weiterhin für das Recht auf gesundheitliche Unversehrtheit für alle Menschen, daher darf sich die Routenplanung nicht an der Bevölkerungsdichte orientieren. Berechenbare Lärmpausen, auch unterhalb der gesetzlichen Grenzwerte, muss allen Menschen im gleichen Maße zugestanden werden. Ein faires Flugroutenkonzept ist nicht zu verwechseln mit Verschiebung von Lärm. Verschiebung ist keine Lösung. Es ist aber wichtig, dass alle Menschen gleich sind und die gleichen Rechte hinsichtlich Gesundheit, Unversehrtheit und Ruhe haben. Es geht also nicht darum, die Länge der Lärmpausen unter der einen Route genauso lang zu machen, wie unter der anderen, sondern darum, allen Menschen um den Flughafen, ob Sie unter einer Route leben oder nicht, das gleiche Recht auf Ruhe zuzugestehen. Auch wenn das dazu führt, dass keine Flugrouten an oder über bewohntes Gebiet führen darf.
Karsten Jacobs engagiet sich gegen den Fluglärm.

«Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, unsere Region lebenswert zu erhalten. Der Flughafen ist für unsere Region wichtig, ein weiteres Wachstum ist aber wirtschaftlich nicht sinnvoll.» Karsten Jakobs von der Initiative Fluglärm in Rheinhessen e.V. Foto: privat

Ist das Thema Fluglärm alleine auf Frankfurt am Main beschränkt oder gibt es auch rund um andere Flughäfen Probleme?

Nein, mittlerweile leiden ca. 35 % der Deutschen Bevölkerung unter Fluglärm. Das zeigt, dass es sich um ein generelles Problem handelt. Frankfurt ist als größter deutscher Flughafen sicherlich ein Schwerpunkt der Probleme, aber auch an den anderen Flughäfen in Deutschland wird die Situation ständig verschlechtert. Es bedarf auch hier genereller Lösungen.

 

Bundesweite Protestbewegungen

Auch in anderen Regionen der Bundesrepublik leiden die Menschen unter dem Fluglärm. Rund um Berlin können sich Betroffene hier informieren.Auch in und um Hamburg hat sich eine Bürgerbewegung formiert und kämpft gegen die gesundheitlichen Belastungen durch den zunehmenden Lärm.

Die Situation in München ist ähnlich belastend.

Interview: Peter Rensch