1. Home
  2.  › Community
  3.  › Vorbilder
Kathrin Hartmann im Interview zu ihrem Buch «Ende der Märchenstunde».

Nur noch kurz die Welt retten? Oder: Was ist nachhaltig?

LOHAS kaufen ausschließlich Bio und retten damit die Welt. Weil Bio nachhaltig ist. Aber stimmt das? Kathrin Hartmann behauptet in ihrem Buch «Ende der Märchenstunde» das Gegenteil und das bestärkt mich vorab zu einer Anekdote.

Ich war Studentin und brauchte das Geld

Die damals 10-jährige Tochter einer ehemaligen, damals noch sogenannten Freundin, fragte mich beim Einkaufen, als ich mir eine Tüte Bio Milch in den Einkaufskorb legte, ob ich mir das denn überhaupt leisten könne. Ich sei ja schließlich Studentin. Das stimmte. Ich war Studentin und brauchte das Geld. Tatsächlich hin und wieder auch für Bio-Milch. Bio-Joghurt, Bio-Gemüse und hin und wieder Bio-Fleisch. Ich kaufte das, wozu ich gerade Lust hatte. Und das tat ich dort, wo ich gerade war. So mache ich das auch heute noch.

Das kann ich mir gerade noch leisten

Ich entgegnete: «Kind, Anna, mach dir keine Sorgen, das kann ich mir noch gerade so leisten.» Sie so: «Mama sagt, bio können sich nur die leisten, die genug Geld haben. Und du hast nicht viel Geld, du bist Studentin.»

Lifestyles of Health and Sustainability

Mittlerweile war auch die Bio-Mama von Anna dazugekommen. Sie ist ein sogenannter LOHAS, englisch für Lifestyles of Health and Sustainability (Lebensstile für Gesundheit und Nachhaltigkeit). LOHAS wollen durch ihr Konsumverhalten Nachhaltigkeit fördern. Dabei handelt es sich häufig um Personen mit überdurchschnittlichem Einkommen. LOHAS-Konsumenten sind beispielsweise Natur- und Outdoor-Urlauber, Kunden von Bioläden oder Biosupermärkten. Ihre Motive ähneln denen der Slow-Food-Bewegung, sie lehnen die „Geiz ist geil“-Mentalität strikt ab. Das steht alles wunderbar bei Wikipedia nachzulesen.

Annas Bio-Mutter ist ein LOHAS wie aus dem Lehrbuch. Gut verdienend, akademisch gebildet, alleinerziehend, Bio kaufend. Und damit natürlich ein besserer Mensch.

Bio Zahnpasta, Bio Nudeln, Bio Cornflakes, Bio Zahnstocher. Bio war sogar das Klopapier.

Die LOHAS-BIO Mama hat ihr Kind schnell und schützend in den Arm genommen. Meine in ihren Augen studentisch jugendlich anmutenden Argumente von wegen Lebenseinstellung, spontane Lust auf Bio-Milch und ich kaufe mir, wozu ich Lust habe, das Design der Milchpackung finde ich super, machten in ihren Augen überhaupt keine Sinn.

Ihr Einkaufswagen war, wie gewöhnlich, ausschließlich gefüllt mit Bio-Lebensmitteln. Das gesamte Sortiment umfassend. Bio-Zahnpasta, Bio-Nudeln, Bio-Cornflakes, Bio-Zahnstocher. Bio war sogar das Klopapier.

Bio ist eine finanzielle Entscheidung

Bio ist teuer. Bio grenzt ab. Es erlaubt der Finanz-Elite sich ein grünes Image zu geben. Kinder aus Bio-Haushalten bekommen Bio-Pausenbrote mit in die Schule. Und Bio-Joghurt, Bio-Äpfel. Sie trinken Kakao aus Bio-Milch. Die Getränkeverpackungen und Pausenbrotdosen sind bestimmt zu 100% recyclebar. Die Kinder wissen: Bio Lebensmittel sind teurer. Die können sich nicht alle leisten.

Diese Bio-Kinder schielen auf die anderen Kinder und sehen: Kein Bio-Joghurt dabei. Dann denken sie: Die haben zu Hause weniger Geld.

Sich für Lebensmittel aus so genannter biologischer Herkunft zu entscheiden, ist leider keine Grundsatzentscheidung, von wegen: Ja, ich will in Zukunft ausschließlich und nur noch bio kaufen. Es ist tatsächlich eine finanzielle Entscheidung. Bio ist nämlich deshalb teurer, weil, um es am Beispiel des Gemüses zu verdeutlichen, im Vergleich zum konventionellen Anbau, viel länger braucht, bis es wächst und auch die Ernteeinbußen viel höher sind, da viel weniger Pestizide und Dünger eingesetzt werden. Und Tiere auf Höfen, die nach biologischen Standards arbeiten, werden nicht hochgezüchtet und mit Antibiotika vollgepumpt. Sie haben oft ein glückliches Leben. Zumindest ist es das, was man sich von einem Tier wünscht, bevor man es verspeist.

Durch Bio sind die konventionellen Standards gestiegen

Angesichts der weltweiten Nahrungsmittelengpässe ist es dann doch geradezu vermessen über Bio zu diskutieren, die Welt heute kann nicht biologisch ernährt werden. Es ist gut, dass Bio heute so salonfähig geworden ist, dadurch sind auch die Standards für den konventionellen Anbau gestiegen.

Zurück zu Anna und ihrer Mutter. Oder nein, lieber ein andermal, hier erstmal weiter mit dem spannenden Interview zum Thema mit Kathrin Hartmann:


Kathrin Hartmann im Interview zu ihrem Buch «Ende der Märchenstunde».

«Es ist nicht schlecht, bio zu konsumieren. Wer aber glaubt, dass er der Umwelt was Gutes tut, wenn er im Winter Bio-Erdbeeren aus Südspanien kauft und Bio-Rindersteak aus Brasilien isst, täuscht sich.» Foto: Kathrin Hartmann, privat

Frau Hartmann, Ihre Grundthese ist, dass der Konsum von nachhaltig gelabelten Produkten heute lediglich ein Deckmantel für weiterhin ungehemmten Konsum ist, der sich durch das Label rechtfertigt. Warum?

Das Versprechen von Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz ist an den Kauf der Produkte gekoppelt. Es geht also nicht darum, weniger zu konsumieren, sondern genauso viel – aber mit gutem Gewissen. Deshalb kann man heute den Regenwald retten, wenn man eine bestimmte Sorte Bier kauft, man kann mit Skiern aus nachwachsenden Rohstoffen nachhaltig die Berge kaputt fahren, man kann guten Gewissens Auto fahren, wenn der Autohändler Bäume pflanzen lässt, man kann sogar Fischstäbchen aus fast ausgerottetem Alaska-Seelachs essen, sofern pro Packung eine Spende an ein Meeresschutzprojekt geht. Und selbst Burger essen ist praktizierter Umweltschutz, weil Mc Donalds sein Firmenschild grün anmalt.

Betreibt die Industrie im Grunde lediglich «Green Washing»?

Ja. Damit wollen die Konzerne ihren Profit sichern. Echte Nachhaltigkeit würde ihnen kein Profit, sondern Verluste bringen. Denn am billigsten lässt sich da produzieren, wo man auf Umweltschutz und Menschenrechte eben keine Rücksicht nehmen muss. Unter einem grünen Deckmäntelchen betreiben sie ihr schädliches Kerngeschäft einfach weiter. Zudem kann man beochbachten, dass ausgerechnet die grössten Umweltsünder das grünste Mäntelchen haben: Luftfahrt-, Auto-, Chemie-, Energie- und Ölkonzerne. Mutter des Greenwashing ist übrigens BP: Sie haben viel Geld in eine Kampagne investiert, die den Geschäftszweig Alternative Energies bewirbt, sich ein neues Logo mit gelbgrüner Sonne gegeben und den Namen in «Beyond Petroleum» geändert. Nach wie vor verdient BP aber Milliarden im extrem umweltschädlichen Ölgeschäft. Was hinter dem ganzen grünen Tamtam in Wahrheit steckt, konnte man ja im Golf von Mexiko sehen. Unternehmen ändern sich nicht durch grüne Versprechen – sie halten sich lediglich Gesetze und Auflagen vom Hals, die sie zum verantwortlichen Handeln zwingen.

Anzeige

Die Kritik in Ihrem Buch «Ende der Märchenstunde» zielt insbesondere auf die kaufkräftige Zielgruppe der LOHAS. Warum sind diese aus Ihrer Sicht nicht nachhaltig?

Sie pflegen vor allem einen konsumfreudigen, aufwendigen, energie- und ressourcenintensiven Lebensstil: fahren grosse Autos, fliegen viel in der Welt herum, leben in grossen Wohnungen. All das ist ganz und gar nicht nachhaltig. Das Lohas Motto lautet: «Konsum mit gutem Gewissen und ohne Verzicht». Dazu kommt, dass Lohas unpolitisch sind: Es ist keine gesellschaftliche Bewegung mit erklärtem politischem Ziel. Lohas sind schlicht eine Ansammlung besser verdienender, genussorientierter und konsumfreudiger Individualisten, die von Zeit zu Zeit ihren Einkauf nach persönlichen ethischen und ökologischen Vorstellungen ausrichten. Das macht sie für die Unternehmen so interessant: Mit ihnen lässt sich viel Geld verdienen.

Was ist schlecht daran, Bio-Produkte zu konsumieren?

Es ist nicht schlecht, bio zu konsumieren. Wer aber glaubt, dass er der Umwelt was Gutes tut, wenn er im Winter Bio-Erdbeeren aus Südspanien kauft und Bio-Rindersteak aus Brasilien isst, täuscht sich. Auch für Bio-Rindersteak wird Regenwald gerodet, auch Bio-Erdbeeren, deren Anbau viel Wasser braucht, sorgen in heissen Ländern für Umweltschäden. Das ist leider das Ergebnis des Bio-Hype: Alles scheint ok, wenn es nur bio ist. Selbst in Plastik eingeschweissten Ananasstücke, eingeflogen aus Costa Rica und Spargel aus Peru. Wer einkauft wie immer, aber bio, der ändert nichts an den schädlichen Ursachen, sondern trägt zum Erhalt bei. Es muss darum gehen, die Landwirtschaft weltweit ökologisch umzustellen, nicht darum, möglichst viel Bio zu kaufen. Das lässt sich aber nicht durch Nachfrage regeln, sondern durch politische Entscheidungen.


Frau Hartmann, kann Konsum denn überhaupt nachhaltig sein?

Nein, die Konsumgesellschaft kann nicht nachhaltig sein. Verzicht, ein dringend nötiges Weniger, ist darin nicht vorgesehen – es geht darum, Dinge zu verbrauchen, wegzuschmeissen und neu zu kaufen, Wachstum ist der Motor. Aber Wachstum bedeutet: Ressourcen- und Energieverschwendung auf Kosten von Klima, Umwelt und den Menschen in armen Ländern.

Aber einkaufen muss ja nun mal jeder. Ist es da nicht besser auf nachhaltige Produkte zurückzugreifen statt auf konventionelle?

Es gibt nicht für jedes Produkt einen korrekten Ersatz, meistens nur die etwas bessere Alternative. Das heisst aber, dass man die Probleme der Welt in Konkurrenz zueinander setzt. Denn was bringt ein T-Shirt aus Öko-Baumwolle, wenn es trotzdem im Sweatshop unter menschenverachtenden Bedingungen genäht wurde? Was bringt ein Putzmittel aus pflanzlichen Rohstoffen, wenn für das Palmöl der Regenwald gerodet wird? Was nützt Bio-Gemüse, das unter ausbeuterischen Bedingungen geerntet wurde? Es gibt kein richtiges Einkaufen im falschen Weltwirtschaftssystem. «Besser als nichts» ist Resignation und bedeutet Stillstand. Es heisst im Grunde, dass man sich mit den Umständen abgefunden hat und sich mit den wahren Ursachen nicht mehr beschäftigen will.

Anzeige

Was halten Sie davon, den eigenen CO2-Ausstoss zu kompensieren?

Die Lösung liegt nicht im Kompensieren, sondern im Vermeiden von CO2. Und darum, sich von der ressourcenintensiven Wachstumsidee zu verabschieden. Kompensation heisst Probleme in die Zukunft schieben, es ist ein Ablasshandel. Es gibt ausserdem weltweit eine überschaubare Anzahl von Kompensationsprojekten, die sinnvoll sind. Bäume pflanzen zum CO2-Ausgleich, eine beliebte weil billige Methode, ist zum Beispiel wenig sinnvoll. Es dauert Jahrzehnte, bis ein Baum so groß ist, um CO2 aufnehmen zu können. Aber niemand kann garantieren, dass er so lange steht. Abgesehen davon findet freiwillige Kompensation so gut wie nicht statt: In Deutschland werden weit unter einem Prozent der Flüge kompensiert. Da kann man mal sehen, wie verbreitet ethischer Konsum in Wahrheit ist.

In Ihrem Buch betonen Sie, dass im Vergleich zum LOHAS ein Hartz IV-Empfänger in Deutschland wesentlich weniger CO2 verursacht. Eine hohe Arbeitslosenquote ist demnach gut für das Klima?

Was ist das denn für eine zynische Idee? Hartz-IV-Empfänger in Deutschland haben eine bessere Klimabilanz, weil sie arm und aus der Konsumgesellschaft ausgeschlossen sind. Dennoch zeigen die besser verdienenden Lohas mit dem Finger auf sie und nennen sie die schlechteren Konsumenten, weil sie sich allenfalls einen Einkauf beim Discounter leisten können. Das ist eklig. Auch das steckt hinter der so genannten «Konsumentendemokratie»: Sie spielt Menschen gegeneinander aus. Echte Nachhaltigkeit ist nicht ohne Verteilungsgerechtigkeit zu haben. Denn was die Näherin in Bangladesch mit dem Hartz-IV-Empfänger in Deutschland verbindet, ist, dass sie beide Opfer des ungerechten Weltwirtschaftssystems sind, das für Armut, Ausbeutung und Naturzerstörung verantwortlich ist.

Was soll der einzelne Bürger denn für eine nachhaltigere Gesellschaft genau tun?

Sich die Idee aus dem Kopf schlagen, dass es am Einzelnen liegt, die Welt zu verändern. Das ist ein neoliberaler Gedanke, der Politik und Wirtschaft aus der Verantwortung entlässt. Diese dazu zu zwingen, Verantwortung zu übernehmen, geht nur zusammen mit anderen. Der Protest gegen Atomkraft und Stuttgart 21 in Deutschland hat gezeigt: Menschenmassen auf der Straße bringen die Politiker in die Bredouille. Einkaufen aber macht niemandem Angst.

Wäre es nicht nachhaltiger, wenn Sie die Bürger eher zu dem von Ihnen verlangten politischen Handeln für eine nachhaltigere Gesellschaft motivieren, statt die Konsumenten von Bio-Produkten zu kritisieren?

Ich habe in meinem Buch belegt, weshalb ethischer Konsum nicht funktioniert, wieso die Konzerne davon profitieren und warum nur der Bürger etwas ändern kann. Ein Rezept dafür, wie man Menschen mobilisiert, gibt es nicht. Politisches Handeln oder zu Protest entsteht nicht dadurch, dass man jemandem dazu überredet. Sondern aus Wut und dem unbedingten Willen heraus, etwas ändern zu wollen. Ich bin sehr wütend über die perfiden Märchen, die uns die Industrie erzählt. Ich wünsche mir, dass ich mit meiner Wut Menschen anstecken kann.

Text: Sarah Kern

Interview: Bianca Sellnow