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Dorothea Steiner von den Grünen im Gespräch mit ecowoman.de.

«Nachhaltigkeit ist für alle Politikbereiche eine Verpflichtung»

Nachhaltigleben.de im Gespräch mit Dorothea Steiner, Mitglied des Bundestages und Umweltpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen über die Bedeutung von Nachhaltigkeit in der Politik, den Sinneswandel in der Bevölkerung hin zum umweltbewusstem Handeln, den Zielen der grünen Partei und die Glaubwürdigkeit von Politikern.

Was bedeutet Nachhaltigkeit, ganz allgemein, für Bündnis 90/Die Grünen?

In den neunziger Jahren war die Forderung nach nachhaltiger Entwicklung ein wichtiger Anstoß, um über unseren Lebens- und Konsumstil nachzudenken. Schon seit Mitte der Achtzigerjahre verbraucht der Mensch mehr Ressourcen pro Jahr, als die Erde im gleichen Zeitraum erneuern kann. Dabei ist der Ressourcen- und Energieverbrauch global unterschiedlich und ungerecht verteilt. Nachhaltige Entwicklung will dieses Missverhältnis ändern. Wir wollen dahin kommen, dass wir ökologisch nicht mehr über unsere Verhältnisse leben und unsere Lebens- und Wirtschaftsweise entsprechend anpassen. Nachhaltiger Konsum verlangt Umwelt- und Sozialstandards, die bei einer Kaufentscheidung eine Rolle spielen.

Die Bürger setzen sich teilweise sehr engagiert für Themen aus diesem Bereich ein. Hat ein Sinneswandel stattgefunden. Wenn Ja, wo rührt er her?

Vielen Menschen ist bewusst, dass die Ressourcen auf unserer Erde endlich sind und dass wir eine Verantwortung dafür tragen, wie zukünftigen Generationen leben werden. Oft findet Umweltzerstörung für uns Verbraucherinnen unsichtbar statt, aber immer mehr Menschen informieren sich über Umweltauswirkungen von Produkten und richten ihr Kaufverhalten daran aus. Schwieriger ist es für viele auch die sozialen Rahmenbedingungen bei der Herstellung von Produkten zu kennen und in Kaufentscheidungen mit einzubeziehen. Wir Menschen sind nicht ausreichend darüber informiert, unter welch miserablen Rahmenbedingungen die Textilarbeiterinnen in Bangladesch für KiK und andere unsere T-Shirts produzieren.

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Mittlerweile schmücken sich Unternehmen und Institutionen mit dem Wort Nachhaltigkeit, die eigentlich in diesem Segment nichts zu suchen haben. Droht da ein Missbrauch und wie kann dieser unterbunden werden?

Nachhaltigkeit wird inzwischen als Begriff inflationär gebraucht. Gerade Unternehmen werben mit Nachhaltigkeit, obwohl nicht vieles bei ihnen nachhaltig ist; oft stehen kurzfristige wirtschaftliche Interessen und wirkliche Nachhaltigkeit im Widerspruch. Sicher gibt es viele Anstrengungen, aber wir können es als Verbraucherinnen und Verbraucher nur bewerten, wenn es für die Produkte, die die Unternehmen anbieten ein vernünftiges, glaubwürdiges und unabhängiges Nachhaltigkeitssiegel gibt.

Stuttgart 21 und Atomkraft sind aktuell in aller Munde. Doch andere wichtige Themen wie Trinkwasserknappheit, Ackerland für die Landwirtschaft oder auch Energieverbrauch in Gewerbe und Handwerk finden kaum ein Sprachrohr. Werden Sie das ändern?

Das tun wir, seit es uns als Grüne gibt, gemeinsam mit vielen Initiativen. Nicht alles wird in den Schlagzeilen auftauchen, aber wir bemühen uns, auch jenseits akuter Katastrophen Zusammenhänge aufzuklären. Letzten Endes kommen wir auch um staatliche Maßnahmen nicht herum, um etwas zu verändern. Wir Grüne setzen uns mit Nachdruck dafür ein, dass z.B. der Flächenverbrauch für unseren Energiebedarf nicht auf Kosten der Lebensmittelproduktion geht.


Sollte der Staat im Bereich Nachhaltigkeit mit Gesetzen eingreifen?

Wenn die Orientierung auf maximale Rendite alle Umweltbelange in den Hintergrund drängt, muss der Staat regulierend eingreifen. Das betrifft auch den Finanzsektor. Dass Spekulationen mit Lebensmitteln auf den Finanzmärkten nichts zu suchen haben, ist für uns klar!

Stichwort: Banken. Ist unsere Finanzindustrie auf einem nachhaltigen Weg?

Das kann ich bisher nicht erkennen. Natürlich gibt es bereits den Versuch, Anlagegelder in nachhaltige Produktion zu lenken, aber dieser Sektor muss noch gewaltig wachsen, um durch steigende Nachfrage Wirkung zu entfalten.

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Wie nachhaltig ist denn, Ihrer Meinung nach, unsere Kanzlerin? Immerhin hat sie die Atomkraft gestoppt.

Angela Merkel hat sich für einen Ausstieg aus der Atomenergie entschieden, den wir Grüne seit dreißig Jahren anstreben. Es ist aber keineswegs nachhaltig, nach wie vor auf Kohleverstromung zu setzen, die das Klima noch stärker belastet. Eine echte Wende zur umfassenden Energieversorgung durch Erneuerbare, das wäre nachhaltig. Da fehlen bei Frau Merkel noch einige Schritte.

Wenn die Grünen in Deutschland mitregieren würden, in welchen Bereichen wäre Politik nachhaltiger?

Möchten sie etwa jetzt das Parteiprogramm vorgetragen bekommen? Nachhaltigkeit ist unserer Meinung nach eine Verpflichtung für alle Politikbereiche. Aber ich glaube, wir würden bei der Agrarpolitik und der Massentierhaltung und beim Ressourcensparen beginnen.

Noch eine Abschlussfrage. Beschimpfungen im Bundestag, Polemik in parteipolitischen Auseinandersetzungen, fetzige Reden usw. Sind Politiker gute Vorbilder?

Sie sollten es sein, denn Politiker arbeiten an der Gestaltung unserer Gesellschaft, selbst wenn ihr Einfluss dabei öfters überschätzt wird. Es gibt natürlich Differenzen über Wege und Ziele. Aber für mich sind Politiker und Politikerinnen nur glaubwürdig, die an ihr eigenes Handeln die gleichen Maßstäbe anlegen wie an das anderer Menschen. Wasser predigen und Wein trinken ist keine Grundlage für eine glaubwürdige Politik.

Wir bedanken uns für das Interview.

Interview: Ulrike Rensch