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Pferde

Der Pferdefleisch-Skandal oder warum der Dumme immer der Blöde ist

Gammelfleisch, Gen-Food, krebserregende Zusatzstoffe, Analogkäse oder EHEC – immer wieder kommen unappetitliche Themen auf den Küchentisch, die schon lange nichts mehr mit einer ehrlichen Lebensmittelproduktion zu tun haben. Nun ist es als Rindfleisch deklariertes Pferdefleisch, das über eine Mafia in Europas Kühlregalen Einzug hält. Ein Kommentar.

„Ein Pferd, ein Pferd, mein Königreich für ein Pferd“, rief einst Richard III., als er um sein wertvolles, ach so geschätztes Transportmittel gebracht wurde. Überhaupt, lang, lang ist es her, als man Dinge so richtig zu schätzen wusste. So auch Lebensmittel. Zu Großmutters Zeiten verkam nichts, war alles „echt“ was auf dem Teller landete. Das ist heute anders.  Vieles ist heutzutage in den Lebensmitteln enthalten, dass so von der Natur nicht vorgesehen ist. Da sind mehr oder weniger künstliche Aromastoffe, etwa zum Ersatz der teuren, natürlichen Zutat enthalten, künstliche Geschmacksverstärker, die so manchem Verbraucher den Schweiß auf die Stirn treiben, Zellulose anstatt Erdbeeren, und, und, und. Noch dazu das Bauernhofidyll auf der Verpackung oder Produkt- und Markennamen, die anmuten, als ob die Massenware im Discounter „aus der Heimat“, also von „um die Ecke“ kommt.

Pferdefleisch-Skandal: Ein neuerlicher Angriff auf den guten Geschmack

Nun gibt es einen neuerlichen Coup, den profitgierige Händler gelandet haben: Pferdefleisch als Rindfleisch zu deklarieren. Ein Millionengeschäft. Dachte der besorgte Konsument, der gerne in der Abteilung mit Fertiggerichten einkauft, dass seine Beefburger oder die herrlich einfach zu zubereitende TK-Lasagne besticht durch einen besonders hohen Rindfleischanteil, so wird er nun eines besseren belehrt. Zumindest verunsichert. Zwar ist Pferdefleisch nicht per se gleichzusetzen mit Gesundheitsgefährdung – es sei denn es kommt aus dubiosen Quellen und soll diversen Geschäftemachern einen riesen Profit einbringen -,  doch, das was auf der Packung drauf steht, das sollte auch drin sein. Alles andere ist Etikettenschwindel, im wahrsten Sinne des Wortes. Zumal viele Verbraucher Pferdefleisch so begehrlich finden wie Katzen saure Drops oder ein Weißer Hai ein Bund Suppengrün.

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War zu erwarten: Politik ist entsetzt

EU-Kommissäre, Bundespolitiker und Europol sind nun aktiv, ob des neuerlichen Skandals. Tonnen über Tonnen Lebensmittel landen zudem auf dem Müll. Eine Randnotiz. Frau Aigner nennt den ganzen Pferdefleisch-Skandal gar eine „Sauerei“. Irgendwie das falsche Wort. Denn: Zu Zeiten von BSE wurde beschlossen, dass es eine Deklarationspflicht für die Herkunft von Rindfleisch gibt. Theoretisch, oder, genauer gesagt, für reines Rindfleisch. Ist es verarbeitet, so wie beim marinierten TK-Steak oder eben Fertiggerichten wie Lasagne, dann gilt diese Pflicht nicht mehr. Die Herkunft scheint dann den Lebensmittelhütern egal. Da müsste strenggenommen zwar Rindfleisch auf dem Etikett stehen. Dass dies nicht funktioniert, sehen wir momentan nur allzu genau. Es scheint so einfach, den Verbraucher an der Nase herumzuführen und Pflichten zu verletzen. Sei es auch nur ein Glied in der Lieferkette. Die globalen Warenströme scheinen unkontrollierbar.

Derzeit wird eine neue EU-Lebensmittelverordnung diskutiert. Der Herkunftsnachweis auf der Verpackung soll vielleicht kommen; bei Gerichten, die 50 Prozent und mehr Fleisch enthalten. Leider hat die untersuchte Lasagne auch mal nur gern neun Prozent Fleischanteil. Wie man es dreht und wendet: Wird die eine Richtlinie erlassen, dann finden Profitemacher eine andere Möglichkeit, Vorschriften zu umgehen.

Metzger

Fragen Sie beim Metzger um die Ecke nach, woher die Produkte kommen. So gehen Sie auf Nummer sicher und können der Industrie ein Schnippchen schlagen © Minerva Studio - Fotolia.com

Lebensmittelindustrie vs. Verbraucher: Der Dumme ist immer der Blöde

Aber: Der Verbraucher hat eine Möglichkeit, der Industrie ein Schnippchen zu schlagen. Und die ist gar nicht so neu: Wirklich um die Ecke einkaufen und selber machen. Zum Metzger, dem Bauer oder Hofladen des Vertrauens gehen und nach der Herkunft des Lebensmittels fragen. Erste Tipps gibt es hier: https://www.ecowoman.de/karte/ Dabei ist es ganz gleich, ob fleischlich, vegetarisch oder vegan ernährt,  bei regionalen Lebensmitteln vom kleinen Händler um die Ecke scheint es mehr Sicherheit zu geben. Denn: Wer ehrlich ist, gibt auch eine ehrliche Antwort, wird er über die Herkunft eines Lebensmittels gefragt. Und wer noch schätzt, was er seinem Kunden feilbietet, auch weil seine Existenz daran hängt, führt keine Verbraucher so an der Nase herum. Nicht zuletzt sollte jeder der sich eine Tiefkühllasagne für 99 Cent kauft folgende Frage stellen: Erwarte ich wirklich richtig gute Qualität bei solch einem Preis? Das Einzige was so ein Produkt vielleicht mit einer selbstgemachten Lasagne gemein hat sind die Teigplatten... Das Fleisch, so werden wir dieser Tage nun allzu deutlich aufgeklärt, is es jedenfalls nicht.

Und eine Frage bleibt, zumindest hat man bis dato noch nichts davon gehört: Was ist mit den großen Hamburger-Ketten?! Haben diese nur reines Rindfleisch in der Pappschachtel, trotz Pferdefleisch-Skandal? Der erste Döner jedenfalls wurde mit Pferdefleisch jedenfalls bereits serviert.

Während wir auf weitere Nachrichten über das Ausmaß des Pferdefleisch-Skandals noch warten, scheint sich eine geflügelte Redewendung  mal wieder für den Verbraucher zu bewahrheiten: Der Dumme ist immer der Blöde.

Quelle: Verbraucherzentrale Hessen / Text: Jürgen Rösemeier