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Die Milchpreise in Deutschland sinken immer weiter.
Die Milchkrise

Milchpreise in Deutschland, gehts noch billiger?

Die Milchpreise in Deutschland sinken immer weiter. Darunter leiden nicht nur die Milchkühe. Vor allem kleinere Milchbetriebe stehen inzwischen am Rande ihrer Existenz. Welche Auswirkungen haben extrem billige Preise für Milch? 

Die Debatte um die Milchpreise in Deutschland ist in vollem Gange. Wer ist schuld an dem rasanten Preisverfall? Und vor allem: Wie lässt sich die Abwärtsspirale aufhalten? Ist es überhaupt noch möglich, viele Landwirte vor dem drohenden Ruin zu bewahren? Fragen wie diese sind nicht leicht zu beantworten. Tatsache ist, dass seit Jahren extrem billige Preise für Milch verlangt werden.

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Milchpreise in Deutschland sinken seit Jahren

Das gilt zumindest für konventionell hergestellte Milch und Milchprodukte. Anfang 2014 lag der durchschnittliche Milchpreis noch bei mehr als 42 Cent pro Kilogramm, seither ist er ständig weiter gesunken, bis er im Mai 2016 seinen vorläufigen Tiefpunkt bei weniger als 20 Cent pro Kilogramm erreicht hat. Der Handel gibt die Billigpreise knallhart an die Verbraucher weiter. Discounter-Riese Aldi sorgte kürzlich für Schlagzeilen, indem er den Preis für einen Liter frische Vollmilch schlagartig von 59 auf 46 Cent, also um fast ein Viertel, reduzierte, worauf die Konkurrenz natürlich reagierte und Milch sowie sämtliche Milchprodukte seitdem ebenfalls zu Billigpreisen verkauft.

Die Verbraucher freut das zunächst einmal. Zumal sich viele von ihnen nicht im Klaren darüber sein dürften, was derart billige Preise für Milch für die Landwirte bedeuten - nämlich den wirtschaftlichen Ruin. Schleswig-Holsteins grüner Umweltminister Robert Habeck geht davon aus, dass in fünf Jahren die Hälfte der derzeit vorhandenen Milchbetriebe verschwunden sein könnte, wenn sich nichts ändert. Die Zahl der Milchbauern hat sich in den vergangenen Jahrzehnten bereits drastisch reduziert. Vor allem kleinere Unternehmen schließen massenweise, weil sie mit den Großbetrieben, die die Preisschwankungen besser wegstecken, nicht mehr mithalten können.  

Billige Preise für Milch und Tierwohl sind nicht vereinbar

Die aktuellen Billigpreise sind allerdings auch für sie kaum zu verkraften. Von den 46 Cent, die der Verbraucher im Supermarkt bezahlt, kommen im besten Fall zwischen 20 und 30, im schlechtesten Fall nur rund 15 Cent beim Milchbauern an. Das reicht nicht mal ansatzweise, um die Kosten zu decken. Dafür wären rund 40 Cent notwendig, doch vom Verkaufspreis werden abgesehen vom Landwirt noch Transport, Molkerei, Verpackung und Lagerung bezahlt, der Händler erhält einen Abschlag und der Staat kassiert die Mehrwertsteuer. Die einzigen, die von der aktuellen Krise kaum betroffen sind, sind Bio-Milchbauern. Weil sie nicht für den Weltmarkt produzieren und somit dem internationalen Preiskampf nicht ausgeliefert sind, halten sich die Preise für Bio-Milch seit Jahren konstant auf einem akzeptablen Niveau – für Menschen und für Tiere.

Die in deutschen Ställen häufig vertretene Rasse Deutsche Holstein wurde auf hohe Milchleistung gezüchtet.

Denn nicht nur die Bauern leiden unter der aktuellen Milch-Situation. Ein Teil der Hauptakteure gerät häufig aus dem Blickfeld: die Milchkühe. Innerhalb einer Milchwirtschaft, die auf permanentes Wachstum ausgerichtet ist und sich am Weltmarkt orientiert, sind sie längst zu Hochleistungsmaschinen geworden, deren Produktivität wichtiger ist als ihr Wohlergehen. Eine Milchkuh gibt heute mehr als 7600 Liter Milch pro Jahr, doppelt so viel wie noch vor vierzig Jahren. Um überhaupt in der Lage zu sein, solche absurden Mengen zu produzieren, wird sie mit energiereichem, aber nicht artgerechtem Futter wie Mais, Soja und Raps gefüttert und verbringt häufig ihr ganzes Leben im Stall. Die enorme Belastung fordert ihren Tribut: Heute wird jede dritte Kuh frühzeitig geschlachtet, weil sie wegen Fruchtbarkeitsproblemen, Stoffwechselstörungen, Euter- oder Klauenerkrankungen nicht mehr für den Produktionsprozess zu gebrauchen ist.

Verantwortung liegt nicht allein bei den Landwirten

Die Welttierschutzgesellschaft hat angesichts dieser Zustände eine Haltungsverordnung für Milchkühe erarbeitet und fordert – per Petition unterstützt von bisher mehr als 215.000 Bürgern – eine gesetzliche Verankerung von Mindeststandards für die Haltung der Tiere. Die Organisation sieht nicht nur die Landwirte, sondern auch Politik, Molkereien, Handel und Verbraucher in der Verantwortung für eine tiergerechte Milchkuhhaltung.

Wie es mit den Milchpreisen in Deutschland weitergeht, wird sich zeigen. Beim „Milchgipfel“, dem Krisentreffen in Berlin, begeben sich die Beteiligten mit Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) am 30. Mai auf die schwierige Suche nach Lösungen. Wir als Verbraucher können unseren Beitrag leisten, indem wir die Ramschpreise für Milch nicht akzeptieren und stattdessen zu Bio-Milch greifen oder direkt beim Bauern einkaufen. Denn eins ist klar: Wenn Milch zum Billigprodukt wird, sind auch das Leben eines Tieres und die Existenz eines Menschen nicht mehr viel wert.

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Quellen: Welttierschutzgesellschaft e.V., Bild: Welttierschutzgesellschaft e.V., depositphotos/wavebreakmedia, Text: Ronja Kieffer