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Nationalpark Wattenmeer: Einblick in eine Seehunde-Station
Watt für Entdecker

Wat(t) für Entdecker: Von Seehunden, Salzwiesen und sauberer Luft

Immer mehr Deutsche machen im eigenen Land Urlaub und entdecken die Schönheit der Heimat unweit der eigenen Haustür. Ein besonderer Touristenmagnet ist das Wattenmeer, eine einmalige, geschützte Naturlandschaft in der selbst im Winter unzählige Tierarten ein Zuhause finden. Ein Paradebeispiel für gelungenen Tierschutz: Die Seehundestation im ostfriesischen Norddeich.

Die Bezeichnung „Watt“ stammt ursprünglich aus dem Altfriesischen und von dem Wort „wad“ ab, was so viel bedeutet wie „seicht“ oder „untief“. Genau die richtige Bezeichnung für einen einzigartigen Küstenstreifen an der Nordsee, der, für viele Tierarten einen wichtigen Lebensraum darstellt. Doch, nicht nur das nahrungsreiche Watt selbst ist ein unvergleichlicher Lebensraum. Auch die Dünen und wertvolle Salzwiesen gehören dazu. Wer beispielsweise in den Wintermonaten letztere aus sicherer Distanz betrachtet, wird zehntausende von Wildgänsen in ihnen entdecken, die aus Sibirien und Skandinavien einfliegen, um an der warmen Nordseeküste zu überwintern. Und im Sommer sind die tausende von Seehunden eine einmalige Touristenattraktion, deren Bestände bis vor kurzem noch immens bedroht waren.

Die größte Attraktion des norddeutschen Tierreichs aber sind die mit großen Augen dreinschauenden, scheinbar unbeholfenen Seehunde, deren Bestände lange Zeit als sehr bedroht galten. Immens zum Schutz und Arterhalt beigetragen hat die einmalige Seehundstation im Nationalparkhaus Norden-Norddeich. Nicht zuletzt auch dadurch, dass diese Auffangstation nicht nur für verlassene kleine Heuler die Touristen über das richtige Verhalten bei einer Begegnung mit den Meeressäugern aufklärt. Nachhaltigleben.de hat mit dem verantwortlichen Geschäftsführer Dr. Peter Lienau über Schutzmaßnahmen, die Seehund-Bestände und den Arterhalt gesprochen. 

Was genau macht die Seehundstation Norden-Norddeich und was sind die größten Gefahren für kleine Seehundwelpen?

Die Seehundstation Nationalpark-Haus Norden-Norddeich ist für den Niedersächsischen Küstenbereich mit den vorgelagerten Inseln zuständig. Im Juni und Juli werden Seehundwelpen auf Sandbänken im Wattenmeer geboren. Diese müssen bereits bei der nächsten Flut schwimmend der Mutter folgen können. Die Welpen werden ausschließlich an Land gesäugt. Wird das Muttertier durch nichtgeführte Wattwanderer, unbedarfte Sportschiffer, Seekajak- oder Kanufahrer, tieffliegende Flugzeuge oder aus anderen Gründen gestört, legt sie sich von der Seiten-Säugelage auf den Bauch, um die vermeintliche Gefahr zu taxieren. Das Jungtier kann dadurch nicht mehr gesäugt werden. Kommt es zu massiven Störungen, dann flüchtet das Muttertier sogar ins Meer. Dann muss das Jungtier seiner Mutter folgen und hat somit statt Energie zu erhalten, einen massiven Energieverbrauch. Beim nächsten Hochwasser kann es dazu kommen, dass seine Energie nicht mehr ausreicht, um mit der Mutter zu schwimmen. Insbesondere bei hohem Wellengang oder längerem Nichttrockenfallen der Seehundbank (die Seehundbank bleibt überflutet) kommt es zur Trennung von Mutter- und Jungtier.

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Die Jungtiere werden dann mehr oder weniger zeitversetzt an anderer Stelle angespült oder suchen aktiv Platen, Inseln oder den Festlandsdeich auf. Die meisten Heuler (so genannt wenn Seehundwelpen ihre Mutter verloren haben und mit einem kläglich klingendem Ton nach ihr rufen) werden im Alter zwischen drei und zehn Tagen gefunden.

Nationalpark Wattenmeer: Einblick in eine Seehunde-Station

Lehrreich und interessant ist ein Besuch der Seehundestation Norddeich. Hier: Der Blick durch verspiegeltes Glas in einen der Pools für die geretteten kleinen Seehunde. © Seehundstation Nationalpark-Haus Norddeich

Wer findet die Seehunde-Babys im Wattenmeer?

Die Jungtiere werden von verschiedensten Personenkreisen gefunden: Von Touristen, Strandmeister, Mitarbeiter des NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) oder auch von der Wasserschutzpolizei. Die Seehundstation wird umgehend informiert. Sollte ein Finder nicht mit der Verfahrensweise bei Fund eines Jungtiers vertraut sein, wird meistens die Polizei, die Feuerwehr oder die örtliche Kurverwaltung telefonisch informiert. Diese leiten die Information an die Seehundstation Nationalpark-Haus weiter, welche wiederum einen ehrenamtlichen Mitarbeiter schickt (Die Seehundstation Norddeich ist ein eingetragener Verein und kann seine Arbeit nur aufgrund der zahlreichen, ehrenamtlichen Mitarbeiter verrichten).

Vor einem Zugriff eruiert dieser aus der Distanz die individuelle Situation und, nur wenn es notwendig erscheint, kontrolliert er das Tier aus der Nähe. Handelt es sich um ein gesundes Tier und ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Tier nur ruht und der Kontakt zum Muttertier nicht abgebrochen ist, verbleibt das Tier vor Ort. Befindet es sich an einem touristisch hochfrequentierten Ort, wird versucht, es an eine ruhigere Stelle zu bringen. Sollte es sich bei dem Tier mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um einen Heuler handeln und überlebensfähig erscheinen, wird es zur Seehundstation transportiert. Ist das Tier jedoch stark abgekommen und apathisch, oder so stark verletzt, dass eine Rehabilitation ausgeschlossen werden kann, wird es vor Ort erlegt und nachfolgend zur pathologischen Untersuchung eben-falls in die Seehundstation Nationalpark-Haus gebracht.

Wie genau wird nach den Heulern gesucht?

Prinzipiell werden nur Tiere von den Badestränden der Inseln oder vom Festlandsdeich geborgen. Keinesfalls wird aktiv gesucht oder die Jungtiere wahllos aus Wattenmeer-Bereichen geborgen, da hier die Wahrscheinlichkeit, statt zu helfen zusätzliche Heuler zu produzieren, zu groß ist.

Über ein Netzwerk ehrenamtlicher Mitarbeiter und durch die Unterstützung der örtlichen Reedereien und Lufttransportgesellschaften (Kleinflugzeuge sind ein geschätztes Transportmittel für die sichere Versorgung der vorgelagerten Inseln)  wird dafür Sorge getragen, dass ein Heuler schnellstmöglich in die Quarantänestation der Seehundstation Nationalpark-Haus gebracht wird. Der Transport erfolgt bestmöglich in den frühen Morgenstunden oder auch spätabends. Zum Einen ist der touristische Verkehr zu diesen Zeiten reduziert, was ein schnelleres Erreichen des Zielortes zulässt. Zum Anderen wird die Gefahr der „Überhitzung“ beziehungsweise eines Hitzestaus während des Transports reduziert. Als Transportbehältnis werden Weidenkörbe bzw. -truhen mit einem Deckel verwendet. Die Körbe gewährleisten eine gute Durchlüftung. Das Weidengeflecht leitet Feuchtigkeit ab und nimmt diese auf. Die Korbdeckel reduzieren die Lichteinstrahlung, so dass die Tiere während des Transportes ruhen können.

Nationalpark Wattenmeer: Einblick in eine Seehunde-Station

Die Seehundbestände im Wattenmeer sind derzeit glücklicherweise auf einem Hoch. © Seehundstation Nationalpark-Haus Norddeich

In der Quarantänestation werden die Tiere dem Tierpfleger bzw. dem Veterinär übergeben. Die meist dehydrierten Tiere werden mit Elektrolyten, die mit einer Magensonde verabreicht werden, stabilisiert. Vor der Erstuntersuchung müssen insbesondere die Tiere, die im Wattbereich aufgefunden wurden, gewaschen werden, um etwaige Hautläsionen erkennen zu können.

Wie sind die Erfolgsaussichten für die kleinen Heuler in der Auffangstation?

Etwa 30 % der eingelieferten Heuler müssen aufgrund des schlechten Allgemeinzustandes  - Dehydration, Nabelentzündungen, schwerwiegende Verletzungen wie der Verlust eines Auges, Knochenbrüche – leider eingeschläfert werden. Die Tiere, die in die Aufzucht genommen werden, haben sehr gute Überlebenschancen.

Bei abgesäugten „Herbst-Jungtieren", die unsere Hilfe später im Jahr benötigen, sieht die Situation etwas anders aus: neben den oben genannten Gründen können parasitäre Belastungen wie Lungen- oder Herzwürmer hinzukommen. Insbesondere Tiere, die sich durch viel Stress (z. B. häufige Störungen) in einem mäßigen Allgemeinzustand befinden, sind für Parasiten empfänglich. Bei diesen Tieren müssen über aufgrund mangelnder Überlebenschancen etwa 50% der Tiere vor Ort erlegt oder später in der Station eingeschläfert werden.

Können Sie uns ein paar Zahlen nennen? Wie viele Heuler werden jährlich erfolgreich versorgt und ausgewildert?

In den letzten zehn Jahren wurden jährlich zwischen 30 und 101 Heuler erfolgreich aufgezogen und ausgewildert. Die jeweilige Anzahl hängt stark von der jährlichen Populationsgröße, der Witterung in der Hauptgeburtsphase – gibt es beispielsweise Nordweststürme im Juni -, aber auch von der Touristenfrequenz in den Monaten Juni und Juli ab.

Was sieht und erfährt der Besucher in der Seehundstation Norddeich?

Besucher können, getrennt durch verspiegelte Scheiben, direkt an der Arbeit der Seehundstation Nationalpark-Haus teilhaben. Vom Einblick in die Futterküche bis zum Unterwasser-Panoramafenster ist die gesamte naturnah gestaltete Anlage einsehbar. Eine Ausstellung zu Seehund und Kegelrobbe sowie zum Lebensraum Wattenmeer rundet den Besuch ab (besonders für Kinder ist die Ausstellung leicht verständlich und pädagogisch wertvoll gestaltet und gibt einen sehr guten Einblick in den faszinierenden Lebensraum Wattenmeer) .

Es gab zwei Mal ein dramatisches Seehundesterben, was löste dies aus?

Die Ursache war die so genannte Seehundstaupe, auch kurz PDV genannt, Phocine Distemper Virus. Seit dem die Lebensbedingungen, etwa aufgrund der verbesserten Wasserqualität in der Nordsee Mitte der 1970er Jahre sich verbessert haben, steigt die Zahl der Seehunde im niedersächsischen Wattenmeer stetig an. Unterbrochen wurde dieser Anstieg in den Jahren 1988 und 2002 von zwei großen Seehund-Sterben. 1988 starben fast 60 % der Seehunde im Wattenmeerbereich, 2002 wurde etwa die Hälfte der Tiere tot aufgefunden.

Nationalpark Wattenmeer: Einblick in eine Seehunde-Station

Wieder in Freiheit! Ein erfolgreich geretteter Heuler wird nach seiner Aufzucht in der Seehundestation wieder ausgewildert. Pro Tier müssen alleine für die Nahrung 500 Euro aufgewendet werden. © Seehundstation Nationalpark-Haus Norddeich

Ursache ist ein Staupe-Virus, das wahrscheinlich durch wandernde arktische Robbenarten (Sattelrobben, Klappmützen) eingeschleppt wurde und gegen das die heimischen Robbenarten keine Abwehrkräfte haben. Das tückische an einer Staupe-Erkrankung ist, dass das Immunsystem geschwächt wird und die Seehunde dann an zahlreichen Folgeerkrankungen durch Sekundärinfektionen wie eine Lungenentzündung leiden und daran sterben.

Epidemien werden gerne dorthin verortet, wo es zu viele Tiere einer Population gibt. Ist dies bei dem Seehundsterben auch der Fall?

Diese Epidemien sind KEIN Merkmal für zu viele Seehunde. Anzeichen für eine zu hohe Population oder die Überschreitung der Tragfähigkeit des Lebensraums sind: Ein schlechter Ernährungszustand, vermehrte Totfunde, Bissverletzungen oder eine erhöhte Belastung der Tiere durch Parasiten wie Lungenwürmer oder Herzwürmer.

Wie gut oder schlecht geht es heute den Beständen im Wattenmeer?

Dauerhafte Monitoring-Programme zeigen, dass die Seehund-Population sich in einem guten Zustand befindet. Leider wird die Population erst seit Mitte der 1970er Jahre vergleichbar gezählt. Zur Zeit befindet sich die Population auf dem Maximalstand seit Beginn der Zählungen. Wichtig ist zu berücksichtigen, dass wir heute die vom niederländischen Robbenexperten Peter Reijnders (1992) für 1900 berechnete Anzahl von Individuen zu ca. 75% erreicht haben.

Was sind die heutigen Gefahren für die Seehund-Bestände?

Der Mensch und dessen Störungen, Umweltverschmutzung, Ölpest.

Thema ‚Umweltverschmutzung‘: Was sind die größten Gefahren für die Tiere? (Gibt es Jeglicher Schadstoff, der ins Meer gelangt, ist für die Tiere von Nachteil. Genetische Veränderungen sind bis dato allerdings nicht nachweisbar. „Mechanische" Verletzungen sind häufiger zu sehen: Häufige Flucht durch Scherben oder Müll reißt den Nabel auf, was zu Bauchfellentzündungen führen kann. Auch das Verheddern in über Bord geworfenen alten Fischernetzen oder sogar Weidezaunlitzen mit Pfahl (von Pferdekoppeln am Heller) ist jährlich zu beobachten und meist das Todesurteil. Manchmal stecken die Köpfe der Tiere in alten Konservendosen oder Schwimmringen. (Anmerkung der Redaktion: Es wird unglaublich viel Plastikmüll, Glas, Fischernetze, etc. an den Dünen angespült, die auch an den Rastplätzen und natürlich im Meer selbst zu finden sind)

Was sind Ihre größten Erfolge, was die Misserfolge?

Der größte Erfolg sind die im Winter geborenen Kegelrobben, die zwar als Heuler gemeldet, aber nach Kontrolle vor Ort belassen wurden und alle von der Mutter in freier Wildbahn aufgezogen werden konnten.

Ein nicht messbarer, aber spürbarer Erfolg ist unsere Umweltbildung bzw. die Tatsache, dass unsere Gäste als Multiplikatoren in den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer gehen - mit dem Wissen, wie man sich zu verhalten hat. (Beispiel: Sie keinesfalls mehr als 300 Meter Seehunden oder gar den Heulern nähern). Glücklicherweise haben wir bis dato keine nicht erklärbaren Misserfolge erleiden müssen…

Die Station ist eine eingetragener Verein, wie finanzieren Sie sich, wer arbeitet bei Ihnen?

Wir finanzieren uns zu 97% autark aus Spenden und Eintrittsgeldern. 3% bekommen wir als Zuschuss vom Land Niedersachsen für die Co-Finanzierung von 1,5 Stellen in der Umweltbildung und vom NLWKN als Betriebskostenzuschuss für die Vogelpflegestation, die wir zusätzlich betreiben.

Zum Team der Seehundstation zählen 12 Festangestellte und 2 Azubis in der Tierpflege, 20 geringfügig Beschäftigte, bis zu 8 Bufdis, 2 FÖJ, bis zu 20 Praktikanten und über 50 Ehrenamtliche teilen sich die Arbeit…

Die Seehundstation Norden-Norddeich: Ein nachhaltiges Vorzeigebeispiel für aktiven Tierschutz und Arterhalt und ein Ausflugsziel, das jeder Wattenmeer-Urlauber in seinen Kalender eintragen sollte. Auch, weil durch die Eintrittsgelder dessen nachhaltige Arbeit gefördert wird. Sehr interessant: Die Fütterungszeiten um 11 und 15 Uhr, bei denen viel zu den Seehunden erzählt wird. Mehr Informationen zur Seehundestation in Norddeich erhalten Sie hier.

Interview: Jürgen Rösemeier