Vertrauen & Treue

Wahrheit als Lebensgrundlage

Über Wahrheit wurde viel geschrieben. Sprüche, Märchen, Anekdoten. Die bekannte Kinderbuchfigur Pinocchio bekam immer eine lange Nase, wenn sie es mit der Wahrheit nicht so ganz ehrlich meinte und der Lügenbaron Münchhausen baute seine Geschichten fern ab von jeder Wahrheit auf. Dabei ist die Wahrheit eines der wichtigsten Grundpfeiler des Lebens.

Sie bedeutet Vertrauen, Treue und ehrliches Miteinander. Was wir Erwachsenen leider oft vergessen haben, leben uns die Kinder tagtäglich vor. Sie sprechen aus, was wir uns oft nicht mehr trauen oder nicht mehr wissen wollen: Die ungeschminkte Wahrheit. Schon im Volksmund heißt es weise: „Kindermund tut Wahrheit kund.“

Ich als Journalistin habe mich der wahrhaften Berichterstattung verpflichtet und bin fest davon überzeugt, dass Wahrheit Vertrauen schafft. Wer Lügen zu seinem Wegbegleiter macht wird dauerhaft nicht ernst genommen. Er wirkt unehrlich, unwirklich und verliert das Vertrauen seiner Mitmenschen. Sicherlich gibt es Situationen, in denen man prüfen sollte, ob  die Wahrheit angebracht ist oder die berühmte Notlüge sinnvoller wäre. Das ist von vielen Faktoren abhängig und muss jeder für sich alleine entscheiden. Aber Wahrheit ist eine moralische Instanz, die leider in unserer Gesellschaft an Wert verliert. Ob in der Politik, im Show-Business oder in der Wirtschaft: Mit der Wahrheit wird gespielt und sie wird medienwirksam manipuliert. Wahrheit ist zu einem dehnbaren Begriff geworden und schon lange nicht mehr die Lebensgrundlage von jedem in unserer Gesellschaft.

Anzeige

Ich glaube, der Anfang eines wahrhaften Lebens ist die Wahrheit gegenüber sich selbst. Von dem irisch-britischen Dramatiker Georg Bernard Shaw stammt das Zitat: „Die Strafe des Lügners ist nicht, dass ihm niemand mehr glaubt, sondern dass er selbst niemandem mehr glauben kann.“

Pinocchio war wahrlich kein Meister der Lüge ©iStockphoto

Pinocchio war wahrlich kein Meister der Lüge ©iStockphoto

Wenn ich mein Leben auf die Säulen der Lüge stelle, verliere ich die Achtung vor mir selbst. Auf sich selbst blicken – wir nennen es neumodisch Selbstreflexion – ist die Konfrontation der eigenen Person mit der Wahrheit. Und damit beginnt der Weg zu einer Selbsterkenntnis. Das eigene Verhalten zu hinterfragen bedeutet, sich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen. Das ist nicht einfach, kann anstrengend und durchaus deprimierend sein. Aber es ist ein wichtiger Schritt, um sich selbst zu einem bewussteren Menschen zu machen.

Wegbegleiter der Kindheit

Kinder fragen und hinterfragen nahezu alles in ihrem Leben. Dadurch lernen sie ihre Umwelt und sich selbst besser kennen. Wahrheit ist ihr ständiger Wegbegleiter, denn das Leben hat ihnen noch nicht die Ausrede, die Lüge und die Falschheit gelehrt. Sie gehen vorurteilsfrei und direkt an jede Situation heran.

Leider geht uns diese Fähigkeit im Laufe unseres Lebens verloren. Wir versuchen uns mit Halb- oder Unwahrheiten durchzumogeln oder in ein besseres Licht zu rücken. Davor sind wir alle nicht gefeit. Und ich möchte hier nicht den Moralapostel spielen. Aber wichtig ist, dass wir uns gegenüber ehrlich sind und uns immer wieder hinterfragen. Es gibt im Leben häufig ein Wegkreuz, an dem wir uns zwischen Lüge und  Wahrheit entscheiden müssen. Wenn möglich, sollten wir den  Pfad wählen, der in Richtung Wahrheit führt, denn er gibt uns eine tiefe Befriedigung. Fangen wir bei uns selbst an. Bleiben wir bei der Wahrheit gegenüber unserer eigenen Person: Erkennen wir unsere Fehler und Schwächen an, wird deutlich, dass wir keine unfehlbaren Maschinen sind, sondern Menschen. Vermeiden wir Besserwissertum und akzeptieren wir, dass wir nicht immer Recht haben. Dann werden wir zu einem wahren  Wegbegleiter für unsere Mitmenschen.

Die Wahrheit zu erzählen ist immer auch ein Frage der Moral ©Photodisc

Die Wahrheit zu erzählen ist immer auch ein Frage der Moral ©Photodisc

Sie wissen mittlerweile sicherlich, dass die Unterstützung von Kindern eine meiner großen Herzensangelegenheiten ist. Egal, ob es die teils schwerkranken Kinder, die beim Verein Kinderschutzengel e.V. betreut werden oder die Kleinen, die in Thailand bei School for Life sind – diese kleinen Erdenbürger wollen von uns Erwachsenen immer die Wahrheit hören. Sie spüren geradezu, wenn man ihnen etwas vorgaukelt. Sie möchten hören, wie es tatsächlich um sie bestellt ist und stellen sich dann darauf ein. Tapfer und wahrhaftig gehen sie mit  ihrem Schicksal um, auch wenn es noch so tragisch ist.

„Eine schmerzliche Wahrheit ist besser als eine Lüge“, hat Thomas Mann geschrieben.

Wenn wir alle miteinander in Wahrheit umgehen, uns selbst gegenüber ehrlich sind, schaffen wir die Grundlage für ein friedliches und vertrauensvolles Miteinander. Denn Wahrheit ist ein Band, das unsere Gesellschaft zusammenhält und Unruhen vorbeugt. Einige Regime in der Welt, die ihr Fundament auf Lügen aufgebaut haben, spüren immer wieder den Zorn ihres Volkes. Wie wichtig Wahrheit für den Frieden ist hat der ehemalige US-Präsident Bill Clinton so ausgedrückt: „Wir sollten niemals aus den Augen verlieren, dass der Weg zur Tyrannei mit der Zerstörung der Wahrheit beginnt.“