Kranke Kinder in Kitas und Schulen
Sind wir alle Rabeneltern?

Kranke Kinder in Kitas und Schulen

Betreuer und Lehrer in Deutschland schlagen Alarm! Immer wieder werden viel zu kranke Kinder in Kitas und Schulen gebracht.

Als ich aufwache, ist die Katastrophe perfekt. Mein Mann ist auf Dienstreise, ich selbst habe heute einen Auftrag und mein Sohn hat erhöhte Temperatur und glasige Augen. Meine Schwiegermutter wohnt hunderte Kilometer entfernt, meine Eltern wohnen zwar in der Nähe, sind aber verreist, Babysitter haben tagsüber fast nie Zeit, was jetzt?

Es beginnt die Untersuchung des Kindes auf eigene Faust. „Wie fühlst Du Dich? Tut Dir irgendwas weh? Komm, wir nehmen jetzt erst mal Fiebersaft. Und dann probieren wir das mit der Kita. Aber erzähl den Betreuern bloß nicht, dass Du heute morgen 37,8 hattest.“

Tausendfach spielen sich solche Szenen in deutschen Familien ab, besonders häufig natürlich, wenn, wie momentan, zahlreiche Erkrankungswellen durch Deutschland schwappen. Ist der Magen-Darm-Virus gerade überstanden, kommt schon die fiebrige Erkältung daher.

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Kranke Kinder in Kitas und Schulen

Kinder mit ansteckenden Kinder­krank­heiten wie Masern, Mumps und Röteln sollten die Kita auf keinen Fall besuchen

Wo ist die Grenze?

Kitas und Schulen suggerieren uns Eltern oft, dass es das Beste sei, das Kind schon bei kleinsten Krankheitsanzeichen zu Hause zu lassen. „Komplett falscher Ansatz“, sagt Allgemeinmediziner Dr. Thomas Kurscheid, „ein gesundes Immunsystem braucht die Begegnung mit Viren.“

„Grippale Infekte mit Husten und Schnupfen kann man durchaus als Immunjogging bezeichnen. Deswegen bin ich dafür, Kinder auch mit Husten und Schnupfen in die Kita zu schicken, auch wenn es mit einer leichten Temperaturerhöhung bis 38 Grad einhergeht. Auf keinen Fall sollten aber Kinder mit Scharlach, Mandelentzündung oder anderen ansteckenden Kinderkrankheiten wie Masern, Mumps und Röteln die Kita besuchen. Diese 3 zuletzt genannten Erkrankungen sollten allerdings bei geimpften Kindern auch gar nicht auftreten.“

Wer kann helfen?

Der Gesetzgeber hat hier schon mal einiges anzubieten: Jedes Elternteil darf pro Kind 10 Tage im Jahr „frei“ nehmen, um das Kind zu pflegen. Bei Alleinerziehenden sind es 20 Tage. Und: Bei mehr als zwei Kindern sind es maximal 25 Tage, bei Alleinerziehenden maximal 50.

Sogar Selbstständige gesetzlich Versicherte können von diesem Angebot profitieren, allerdings je nach Wahltarif. Privatversicherte können ebenfalls einen entsprechenden Wahltarif abschließen. Ist aber meist verdammt teuer und bringt, wenn man es mal durchspielt, nicht so wirklich was. Das klingt jetzt erst mal viel, aber Eltern wissen: Ist es nicht. Und hinzu kommt die Furcht vor der Reaktion des Arbeitgebers. Der könnte ja die Nase rümpfen. 

Als Selbständige wie ich, stehen Sie in so einem Moment besonders doof da. Ganz konkret aus meinem Alltag: Ich wurde für eine Moderation gebucht und weil ich keine Betreuung fürs Kind finde, muss ich absagen. Dafür hat niemand Verständnis und vor allem: Die werden mich nie wieder buchen.

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Sind Notkrankenschwestern die Lösung?

In Hessen und Brandenburg wird gerade das System der Notkrankenschwester getestet. Vorbild hierfür ist beispielsweise Schweden. Das sei ein denkbares Konzept für ganz Deutschland, erklärt Simone Fleischmann, Präsidentin des bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes. Allerdings sei die Notkrankenschwester für Notfälle gedacht. Sie soll sich um Kinder kümmern, die während der Kita- oder Schulzeit kleinere Unfälle haben oder krank werden. Die Entlastung für die Eltern wäre dann dadurch gegeben, dass sie nicht in der Sekunde ihren Job verlassen müssen, in der der Anruf kommt, sondern ein oder zwei Stunden später. Diskutiert wird dieses Modell auf Länderebene im Rahmen einer ganzheitlichen Gesundheitserziehung, die für deutsche Schulsysteme angestrebt werden soll.

Gesellschaftliches Miteinander

Mehrgenerationen-Wohnen könnte die Problematik entschärfen

Gesellschaftliches Miteinander

Wieder mehr Miteinander leben, anstatt anonym, jeder für sich - das könnte die Problematik entschärfen. Mehrgenerationen-Wohnen, ältere Menschen, die sich als „Miet-Großeltern“ anbieten und umgekehrt gehen die Jungen mal Einkaufen für die Alten. Das könnte eine Lösung sein.

Sicherlich wäre es auch ein lukratives Geschäft großflächig eine Not-Betreuung für kranke Kinder anzubieten. Aber will man sein krankes Kind Fremden überlassen? 

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Was ist die Erkenntnis?

Ich ganz persönlich glaube, dass wir als Arbeitnehmer oder Dienstleister wieder mehr Selbstbewusstsein brauchen und nach den Grundsätzen verfahren sollten: Krank ist halt krank, macht ja keiner mit Absicht. Und: An erster Stelle kommt die Gesundheit der Familie und dann der Job.

Aber insbesondere als Freiberufler schreibe ich das und weiß, dass es für mich selbst so ja auch nicht funktioniert. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass ein gewachsenes, zuverlässiges Netzwerk aus Familie, Freunden, Babysittern und Nachbarn für arbeitende Eltern unerlässlich ist.

Mich interessiert Ihre Meinung liebe Userinnen und User. Was denken Sie zu dem Thema, welche Erfahrungen haben Sie bislang gemacht?

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Bilder: Depositphotos/ArturVerkhovetskiy, marchibas, aletia, Text: Janine Steeger