1. Home
  2.  › Körper & Geist
  3.  › Gesundheit
Klostermedizin: Ursprung der Pharmazie, Naturkeilkunde und Medizin
Klostermedizin

Klostermedizin: Der Ursprung der modernen Gesundheitsversorgung

Große Pestwellen und die Zeit des Niedergangs durch große Völkerwanderungen, die auch durch die Flucht vor der Pest entstanden, führten zur Gründung des Benediktinerordens und dem Bau des süditalienischen Klosters ‚Monte Cassino‘ durch Benedikt von Nursia (um 480 – 547). Das Mutterkloster des Ordens schuf die Grundlage für die heutige Gesundheitsversorgung, den Kranken und Schwachen wurde hier besondere Zuwendung zuteil.

Benedikt von Nursia beschrieb die Sorge um die Kranken als eines der obersten Gebote für seinen Orden. Er legte sogar fest, dass jedes Kloster eine Krankenstation und mindestens einen Pfleger haben sollte, der in der Heilkunde kundig ist. Damit schuf er die Grundlage für die mittelalterliche Klostermedizin.

Etwa zu gleichen Zeit galt auch für die Ostkirche, vormals der Ostteil des Römischen Reiches, die unter anderem durch vorreformatorische orthodoxe Kirche vertreten war, unterhielten bereits Hospitäler und die Mönche und Nonnen verfassten medizinische Schriften. Diese basierten vornehmlich auf dem Wissen der Antike, da die großen Ärzte der Spätantike allesamt Griechen waren und das medizinische Wissen der damaligen Zeit prägten.

Durch diese Schriften wurde das alte medizinische Wissen dieser Zeit für die Nachwelt bewahrt. So wurden die Klöster zu den Zentren des medizinischen Wissens, deren Auswirkung bis in die Neuzeit die Medizin prägte. Spricht man von der Medizin des frühen bis hohen Mittelalters, dann spricht man von der damals äußerst fortschrittlichen Klostermedizin.

Anzeige

Klostermedizin, ihre Wurzeln und Entstehung

Noch Jahrhunderte nach Benedikt von Nursia versuchten die Mönche und Nonnen die medizinischen Kenntnisse und Erkenntnisse der Antike zu erhalten. Doch viele Schriften gingen über die Jahrhunderte verloren, fanden sich aber in der Arabischen Welt, zu der die Geistlichen im 11. bis 12. Jahrhundert Zugang fanden. Wohl auch durch die Kreuzzüge. Denn auch das dortige medizinische Wissen basierte auf dem der alten Griechen.

Klostermedizin: Ursprung der Pharmazie, Naturkeilkunde und Medizin

Schon im 8. Jahrhundert wurden Klostergärten mit vielen Heilkräutern angelegt, deren Wirkung auch heute noch geschätzt wird. (c) Thinkstockphotos

Zu dieser Zeit wurden zudem das Wissen der Volksheilkunde der verschiedenen Länder und Kulturen übernommen, etwa aus dem Reich der Kelten und Germanen. Therapien und Arzneipflanzen dieser Völker fanden so Einzug in das Medizinwissen der Klöster. Später kam zudem das Wissen aus fernen Ländern wie Südamerika durch Missionare in die christliche Welt. Ohne sie wäre das Wissen der damaligen indianischen Hochkulturen ebenso verloren gegangen wie jenes der alten Griechen. Hinzu kam die Tatsache, dass die mit viel Wissen versorgten Klöster experimentierten und die Ergebnisse dokumentierten. Die Basis für die meisten auch heute noch bekannten Rezepturen für gesundheitsfördernde Kräuterdestillate, Salben, Tinkturen oder Heilbäder vornehmlich auf Kräuterbasis

Eine der ältesten noch erhaltenen Handschriften im deutschsprachigen Raum stammt aus dem Anfang des 8. Jahrhunderts, das ‚Lorscher Arzneibuch‘ noch aus der Zeit Karls des Großen. Karl der Große war offensichtlich ein Vorreiter der Heilkräuterkunde, denn er legte in seiner Landgüterverordnung den Anbau von 16 Baumarten, etwa 90 Gemüse- und Gewürzpflanzen sowie Heilkräuter zwingend fest. 16 Heilpflanzen mussten zwingend auch in Gärten in der Stadt in einem Kloster angelegt werden, jedes in seinem eigenen Beet, wie auch die Zeichnung eines Kräutergartens und dessen Anlage gefunden, die etwa auf das Jahr 820 zurückdatiert werden kann.

Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden auf Basis des über Jahrhunderte gesammelten und stetig weiterentwickelten, medizinischen Wissens, die ersten Universitäten in Europa. Zunächst in Salerno wo zahlreiche medizinische Lehrbücher verfasst wurden, nachfolgend in Bologna, Paris und Montpellier.

In dieser Zeit verfasste auch Hildegard von Bingen (1098 – 1179) ihr Werk, ‚causae et curae“, lat. Für ‚Ursachen und Behandlungen‘. Neben der Tatsache, dass viele Frauen an der damaligen Klostermedizin beteiligt waren, ist das Werk von Hildegard von Bingen ein Novum. Denn in ihrem Werk wurden nicht nur althergebrachte, bekannte Informationen verfasst, vielmehr kamen völlig neue Behandlungsmöglichkeiten und Heilkräuter auf den Plan, die heute noch anerkannt sind. Ein Beispiel hierfür ist die Heilswirkung der Ringelblume, Calendula officinalis. Auch kamen gesundheitsförderliche Lebensmittel hinzu wie Getreidearten und Hülsenfrüchte sowie allerlei Gewürze. Zudem zog Hildegard die bis dato engste Verbindung von Medizin, Theologie und Naturphilosophie.

Klostermedizin: Ursprung der Pharmazie, Naturkeilkunde und Medizin

Noch heute sind Klostergärten wunderschöne Anlagen und viele haben die Tradition des Heilkräuteranbaus beibehalten. (c) Thinkstockphotos

Durch die Gegenreformation und damit verbundenen Klosterschließungen, aber auch aufgrund des im 12. Jahrhunderts entstehenden Apothekerstandes sowie der Medizinalordnung von Friedrich II., der mit seiner Medizinalordnung von 1240 eine klare Trennung von Medizin und Apothekerstand festschrieb, wandten sich die Klöster mehr und mehr der Medizin ab und konzentrierten sich auf die Pharmazie. Auch wenn bis in die Neuzeit immer wieder Geistliche zu Ärzten wurden. Das alte Wissen von den Griechen bis zu Vorreitern wie Hildegard von Bingen prägt auch heute noch nachhaltig das Wissen um Kräuter und deren medizinische Wirkung. Aber auch die Naturkosmetik und die moderne Kräuterkunde hat von dem Wissensdurst der Klosterbewohner profitiert.

Heute gibt es an der Universität Würzburg eine Forschungsgruppe Klostermedizin, die das alt Wissen systematisch aufarbeitet und der Öffentlichkeit zugänglich macht. Mehr unter Welterbe Klostermedizin.

Text: Jürgen Rösemeier