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Slow Fashion

Tencel – ein Stoff für die Zukunft?

Der Mensch lebt auf zu großem ökologischem Fuß – Er verbraucht mehr Ressourcen, als die Erde ihm liefern kann. Auch die Textilindustrie trägt ihren Teil dazu bei. Fast-Fashion, der Einsatz umweltschädlicher Chemikalien und ein enorm hoher Ressourcenverbrauch machen die Modewelt zum zweitgrößten industriellen Umweltverschmutzer. Der Ruf nach Veränderung wird immer lauter. Ist Tencel eine mögliche Antwort? Schauen wir genauer hin, was es mit der Faser auf sich hat.

Luftig leicht, seidig weich und angenehm glatt – so schmiegt sich der Stoff am Körper an. Tencel ist eigentlich nur ein Markenname der österreichischen Firma Lenzing, die sich die von ihnen hergestellte Faser unter der Bezeichnung schützen ließ. Das Material selbst nennt sich Lyocell und ist bei nachhaltigen Modelabels bereits nicht mehr wegzudenken, denn die Herstellung ist umweltschonend und die Faser biologisch abbaubar. Aber auch Modegiganten wie H&M kommen zunehmend auf den Geschmack, Tencel in ihren Kollektionen zu verarbeiten, wodurch die Nachfrage erheblich steigt.

 
 
Kleidung aus Tencel-Fasern schont unsere Ressourcen.
 
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Aber von vorne: Die Herkunft von Tencel

Eins vorweg: Tencel oder eben Lyocell (lyo von griech. Lyein = lösen und cell von Cellulose) ist im Moment eine der nachhaltigsten Fasern, die auf dem Textilmarkt zu finden sind. Und dafür gibt es gleich mehrere Gründe. 

Aber fangen wir von vorne an: Die Tencel-Faser wird aus einer Pflanze gewonnen, die man sonst eher mit Koalas oder einem Erkältungsbad verbindet. Was soll das denn sein, denkt ihr euch? Ja genau, es geht um Eukalyptus. Das Ausgangsmaterial für Lyocell sind Schnipsel aus Eukalyptusholz, aus denen dann die Cellulose für die spätere Weiterverarbeitung gewonnen wird. Aber dazu gleich etwas mehr. 

Das Positive an Eukalyptus ist, dass die Pflanze überall da wachsen kann, wo keine Nahrungsmittel angebaut werden können oder die landwirtschaftliche Nutzung der Böden kaum mehr möglich ist. Der Anbau von Eukalyptus steht damit in keiner Konkurrenz zu einer anderweitigen Agrarnutzfläche.

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Außerdem ist der Eukalyptusbaum ein äußerst schnell nachwachsender Rohstoff – In zehn Jahren schafft die Pflanze eine Höhe von bis zu 30 Metern, das ist drei Mal so schnell wie eine Eiche. Und das ganz ohne den Einsatz von Genmanipulation. Denn davon blieb das immergrüne Gewächs bislang verschon – anders als die konventionelle Baumwollerzeugung.

Jetzt wissen wir also schon, dass Lyocell einen botanischen Ursprung hat. Aber im Gegensatz zu Baumwolle oder Seide kommt der Stoff so in seiner reinen Form nicht in der Natur vor, denn das seidige Material ist eine sogenannte Cellulose-Regeneratfaser. Das heißt, eine Faser aus natürlich vorkommenden und nachwachsenden Rohstoffen, die industriell weiterverarbeitet werden.

Und weiter: Die Herstellung der Tencel-Faser

Tiefergehende Details zum Herstellungsprozess sollen euch hier erspart bleiben, aber ein kurzer Einblick lohnt sich: Denn auch die Produktion birgt einige Vorteile hinsichtlich Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit. 

Damit aus der Rinde des Eukalyptusholzes später auch Lyocell entsteht, wird das Direkt-Lösemittelverfahren angewendet. Das heißt, der durch das Einweichen und Aufkochen des Holzes entstandenen Cellulose wird ein organisches Lösungsmittel (N-Methylmorpholin-N-oxid, kurz: NMO) zugesetzt, wodurch eine zähflüssige Spinnmasse entsteht. Diese Masse wird gefiltert und in einem bestimmten Verfahren zu Fasern gesponnen. 

Das Gute daran: Das eingesetzte Lösungsmittel ist völlig unbedenklich, da es nicht giftig, dafür aber besonders umwelt- und hautverträglich ist. Das ist ein klarer Vorteil gegenüber Viskose, die ähnlich hergestellt wird, aber wesentlich mehr chemische Zusätze zum Einsatz kommen, die dann an der Faser haften bleiben oder in die Umwelt gelangen.

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In einem letzten Schritt wird die organische Lösung aus den Lyocell-Fasern ausgewaschen und zu 99,5 % rückgewonnen und wiederverwendet. Die minimalen Reste können in Kläranlagen biologisch abgebaut werden, wodurch der Umwelt kein Schaden entsteht. Und genau das macht die Produktion der Tencel-Faser so revolutionär: Das Verfahren ist eine nahezu vollständige, geschlossene Kreislaufführung. Außerdem benötigt der Prozess nur einen Bruchteil des Wassers, was für die Herstellung von Baumwolle oder Chemiefasern gebraucht wird.

Die bereits erwähnte Firma Lenzing setzte dem Ganzen noch eins oben drauf, indem sie entweder Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft verwendet oder natürliches Faserrecycling betreibt. Das heißt, der Zellstoff, also die Cellulose, wird nicht aus einem Baum, sondern aus alten (Baumwoll-)Textilien gelöst und weiterverarbeitet.

Auch die EU war der Meinung: Die nachhaltige Faserproduktion ist ein ausgezeichnetes Verfahren. Deshalb wurde es bereits im Jahr 2000 mit dem „European Award for the Environment“ (Kategorie: Technology Award) ausgezeichnet.

Baumwolle vs. Tencel: Die Vorteile der Faser mit dem seidigen Touch

Und es geht noch weiter: Nicht nur in der Herstellung, sondern auch im Anbau ist der seidige Stoff der Baumwolle und anderen Textilien um einiges voraus. Denn im Gegensatz zu den meisten Ausgangsmaterialien kommt die Eukalyptuspflanze ganz ohne den Einsatz von Pflanzengiften und künstlicher Bewässerung aus.

Und wusstet ihr, dass der Baumwollanbau pro T-Shirt in etwa bis zu 2000 Liter Wasser verbraucht? Das ist doch irre, oder? Das entspricht circa 10 Badewannen. Eukalyptus benötigt nur einen Bruchteil des Wassers. Dazu kommt, dass der Faserertrag für Lyocell um einiges höher ist als bei Baumwolle. Während man aus 6 Quadratmeter Baumwoll-Anbau ein T-Shirt gewinnen kann, sind es bei Eukalyptus und Tencel im Schnitt 6 bis 10 Kleidungsstücke in der Größe einer Bluse. 

 
 
Die Verarbeitung von Baumwolle verbraucht große Mengen an Wasser.

Und was heißt das für dich? – Die Eigenschaften von Tencel

Das waren jetzt ganz schön viele Zahlen und Fakten über Lyocell und du hast schon gemerkt, der Stoff bietet einige Vorteile, weshalb die Bezeichnung Zukunftsfaser nicht von ungefähr kommt. Aber die nachhaltige Herstellung und Produktion ist ja schön und gut, wenn das Material vielleicht trotzdem kratzt, beißt oder schnell an Farbe verliert. Aber wer hätte es gedacht – auch hier kann der Lyocell-Stoff punkten:

Wir wissen, das Tencel in der Regel aus Holz gewonnen wird. Dadurch ist das Material vegan und zu 100 % biologisch abbaubar. Aber nicht nur das, auch in seinem Tragekomfort hat es einiges zu bieten. Der Stoff gilt als besonders weich, glatt und angenehm auf der Haut. Außerdem kühlt es bei warmen Temperaturen und wärmt bei Kälte – ähnlich gut wie Wolle. Hinzu kommt die hohe Saugfähigkeit und Atmungsaktivität, wodurch auf natürliche Art und Weise der Feuchtigkeitstransport optimal reguliert und das Wachstum von Bakterien verhindert wird – höchste Zeit, dass sich auch die Sportbekleidungsindustrie das Material einmal genauer unter die Lupe nimmt.

Und zu guter Letzt: Lycoell ist äußerst robust, reißfest und langlebig – ein weiterer Pluspunkt hinsichtlich Slow-Fashion und Nachhaltigkeit. Und damit ist klar, Tencel oder Lyocell ist ein Stoff, der wohl so schnell nicht aus der Mode kommt. Und wer weiß, vielleicht ist es auch schon bald dein neues Lieblingsmaterial.

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Es ist nicht alles grün, was seidig glänzt – Die Nachteile von Tencel

Warum setzt die Mode- und Textilindustrie noch nicht verstärkt auf die scheinbare Wunderfaser? Nun ja, es ist wie mit allem und es wäre auch zu schön, um wahr zu sein – aber auch die Herstellung des Lyocell-Materials hat seine Nachteile.

Für die großen Modeketten ist der Stoff schlichtweg zu teuer, da er bislang noch nicht in dem Maße hergestellt wird wie zum Beispiel Baumwolle. Der größte Hersteller ist das Lenzing-Unternehmen, das wiederum unter ökologischen Standards produziert – was den Preis auch im Verkauf höher werden lässt. 

Da der Baumwollanbau aber immer mehr in Verruf gerät und der Rohstoff knapper wird, ist es für die Textilindustrie notwendig, sich nach Alternativen umzuschauen – und somit steigt eben das Interesse an Lyocell. Auch wenn sich das bislang noch in Grenzen hält, wird der Anbau von Eukalyptus zunehmend wirtschaftlich, was zu einem ökologischen Ungleichgewicht führen kann. Ähnliches spielte sich bereits zu Beginn der 90er Jahre ab, als in Spanien und Portugal mmer mehr Eukalyptus für die Papier- und Zellstoffindustrie angebaut wurde. Schon damals mussten Naturwälder den Eukalyptusplantagen weichen. Die Monokulturen haben zur Folge, dass der Boden bis in die Tiefe austrocknet und sich das Grundwasser absenkt. Auswirkungen sind Waldbrände in den Regionen, wo konzentriert Eukalyptus kultiviert wird.

Damit Lyocell auch in Zukunft seinem guten ökologischen Ruf gerecht werden kann, dürfen folglich die Bäume sowie der Zellstoff zur Materialproduktion nur aus nachhaltigen Anbaugebieten stammen, die vom Forest Stewardship Council (FSC) zertifiziert wurden. Bei konsequenter Umsetzung der heutigen Kenntnisse über nachhaltige Waldbewirtschaftung sowie unter Berücksichtigung der ökologischen und sozialen Belange wäre das in jedem Fall möglich und Lyocell eine Faser mit viel Potenzial sowie eine ernst zu nehmende Alternative zu Baumwolle und Co – aber auch hier gilt: In Maßen ist besser als in Massen. Weiter lesen...

 
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Text: Lisa Bender,  Bild: Depositphotos/ooksika,vschlichting, cokacoka, valuavitaly