Wohin mit dem Geld? ©Stockbyte
Homo oeconomicus

Wie viel Wohlstand brauchen wir

Unser Wirtschaftssystem, dass auf ungebremstem Wachstum basiert, gerät an seine Grenzen: Wir können nicht ständig mehr konsumieren. Der Kapitalismus bringt keinen Wohlstandsgewinn mehr.

Die Deutschen kaufen mehr, als sie verbrauchen können. Jedes Jahr landen 6,7 Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall, 800.000 Tonnen Kleider in der Altkleidersammlung, eine Millionen Tonnen veraltete oder defekte, aber noch reparable Handys, Computer, CD-Spieler, Laserdrucker und Fernseher auf den Schrotthaufen.

Besaß der durchschnittliche 18-jährige Deutsche um das Jahr 1900 noch 20 materielle Gegenstände, sind es im Jahr 2012 500 verschiedene Produkte. Vergleicht man diese beiden Zahlen, dann sieht es so aus, also hätten die Menschen heute nur noch Materielles im Kopf, als habe der Kapitalismus die Menschen verdinglicht. In Wahrheit hat der Mensch die Dinge vermenschlicht, gibt seinem Computer und seinem Auto Namen, stellt durch die Werbung einen emotionalen Bezug zu einer Ware her, man denke etwa an das Statussymbol, einen Apple-Computer oder einen iPod zu besitzen.

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Leben im Überfluß ©iStockphoto/Thinkstock

Der Mensch ist unersättlich, so wie das Modell des Homo oeconomicus es vorsieht. Unternehmen erfinden neue Produkte und erschließen über die Werbung neue Absatzmärkte. Das löst einen immerwährenden Drang nach Neuem aus, der immerwährendes Wachstum erzeugt. Diese Theorie ist sehr plausibel, hat aber einen Haken: Die Fakten passen nicht mehr:

In den 60er Jahren expandiert die deutsche Wirtschaft um durchschnittlich 5,4 Prozent im Jahr, in den 70er Jahren waren es noch 3,3 Prozent, in den 80er Jahren 2,6 und in den 90er Jahren 1,7 Prozent, heute haben wir ein Wirtschaftswachstum von rund einem Prozent. In allen hoch entwickelten Volkswirtschaften der Welt sinkt das Wirtschaftswachstum, das System verliert seine Energie.

Es ist nicht so, dass es in Deutschland keine Menschen mehr gibt, die materielle Wünsche haben. Es gibt mehrere Millionen Niedriglöhner und Arbeitslose, die ihre Jeans und ihr Essen beim Discounter kaufen, wo der aus der Not geborene Geiz regiert. So setzt eine verhängnisvolle Abwärtsspirale ein, denn niedrige Löhne gebären niedrige Preise, oftmals zu Lasten der Qualität. Eine gute Sozialpolitik könnte durch Mindestlöhne und Lohnerhöhungen für mehr Kaufkraft und höhere Wachstumsraten sorgen, aber auch dieser Effekt wäre irgendwann verpufft, bis es Zeit für eine nahe liegende Erkenntnis ist: Ewiges Wachstum ist unsinnig, es erhöht vorübergehend das menschliche Wohlergehen, aber nicht auf ewig.

Vor 40 Jahren verbreitete sich die Erkenntnis, dass die Erde kein grenzenloses Rohstoffreservoir ist und das menschliche Leben sich nicht auf materiellen Wohlstand reduzieren lässt. Seitdem ist die Frage in der Welt, wie sich Kapitalismus mund Umweltschutz vereinbaren lassen. Ist ein bescheidenerer Kapitalismus denkbar, der den Wohlstand bewahrt, statt ihn auf ewig zu vergrößern? Wie muss man die Marktwirtschaft organisieren, wenn der Markt gesättigt ist?

Satt bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass nichts mehr gekauft wird. Bedürfnisse wird es auch in Zukunft geben. Wenn in diesem Jahr 1 Millionen Autos gekauft werden und im nächsten Jahr wieder eine Millionen Autos gekauft werden, dann sprechen wir schon von einem Nullwachstum. Und dieses Nullwachstum oder leichtes Minuswachstum wird für die meisten Märkte in der Zukunft die Normalität. Das korreliert übrigens auch mit der Körpergröße des Menschen. Ein 18-jähriger um 1900 war 1,67 Meter groß, 50 Jahre später ist der 18-jährige 1,81 Meter, und das schon seit 20 Jahren, in den USA werden die Menschen sogar wieder kleiner.

Quelle: Die Zeit
Text: Oliver Bartsch
Bilder: ©Stockbyte / ©Getty Images( Burke/Triolo Productions )