Kampagne für Saubere Kleidung will faire Löhne in asiatischer Textilindustrie

Die 8 häufigsten Argumente der Textilindustrie gegen faire Löhne

London, Kopenhagen, Brüssel, Warschau, Amsterdam und Paris – in zahlreichen europäischen Städten sind im September plötzlich Menschen in Modegeschäften bewusstlos zusammengebrochen. Aber nur scheinbar. Denn sie waren Teilnehmer einer Kampagne der Clean Clothes Campaign, die die Arbeitsbedingungen von Näherinnen in Asien anprangerte. Tausende brechen hier jährlich zusammen. Wegen Überarbeitung und weil sie so wenig verdienen, dass sie im Schnitt 500 Kalorien zu wenig am Tag zu sich nehmen. Die 8 häufigsten Argumente der Hersteller gegen faire Löhne, die Gegenargumente und warum gedankenloser Konsum viel Leid mit sich bringt…

Die Clean Clothes Campaign ist eine Nichtregierungs-Organisation in 15 europäischen Ländern, in Deutschland und Österreich auch als ‚Kampagne für saubere Kleidung‘ bekannt, die sich stark macht für die fundamentalsten Rechte der weltweit in der Sportbekleidungs- und Modeindustrie tätigen Arbeiter. Nun haben sie anlässlich ihrer aufmerksamkeitsstarken Aktion in H & M-, ZARA-, GAP- und Levi`s-Stores die 10 größten Entschuldigungen der Konzerne zusammengetragen, die dafür verantwortlich sind, dass sie keine Löhne zahlen können, die ein normales Leben überhaupt erst ermöglichen. Ein Beispiel: In Kambodscha werden einer Näherin für die Herstellung von Billig-, aber auch teuren Lifestyleprodukten, 61 Dollar monatlich gezahlt. Um im wahrsten Sinne des Wortes anständig zu leben wäre das 4-fache nötig.

Faire und ausgeglichene Löhne zu kalkulieren ist unmöglich

Aus Sicht der Arbeiter ergibt dieses Argument keinen Sinn. Das Problem zu niedriger Löhne ist für die Unternehmen schon seit Jahren offensichtlich, aber tatsächlich können sich die Unternehmen im Konkurrenzkampf nicht einigen, die Löhne drastisch anzuheben. Selbst nachdem 2009 die Asia Floor Wage Alliance, eine asiatische Vereinigung von über 80 asiatischen Arbeiter-Gewerkschaften, mit viel Mühe und unter Berücksichtigung der wichtigsten Faktoren berechnet hat, dass beispielsweise in Kambodscha 283 Dollar für ein gerechtes Auskommen zu zahlen wären. Diese Zahlen wurden allen dort produzierenden Unternehmen präsentiert. Passiert sei jedoch bis heute nichts.

Clean Clothes Campaign: Kampagne für faire Löhne in Textilindustrie

Das ist eine Küche in den Arbeitervierteln in Bangladesh. Für 10 - 15 Familien. Schnell sein heißt es da bei der Zubereitung der kargen Mahlzeiten am Morgen, denn zu spät zur Arbeit kommen wird drastisch und mit Gehaltsabzug bestraft. © Taslima Akhter/Clean Clothes Campaign

Wer sich vor Ort informieren würde, könnte schnell erkennen, dass das was gezahlt wird letztlich kein fairer Lohn ist.

Der Konsument will einfach nicht mehr zahlen

Dies ist eines der Hauptargumente der Unternehmen. Die harten Fakten: Das Gehalt der Arbeiter, vornehmlich Näherinnen, macht lediglich 1 – 3 Prozent der Gesamtkosten eines Kleidungsstückes aus. Wenn also der Konsument acht Euro für ein T-Shirt zahlt, bekommt der Arbeiter 24 Cent hiervon. Man braucht kein Mathematiker zu sein, um auszurechnen, was ein T-Shirt mehr kosten müsste, um dem Arbeiter den doppelten Lohn auszuzahlen.

Regierungen, nicht die Unternehmen sollen Mindestlöhne einführen

Auch das sei laut Clean Clothes Campaign, kurz CCC; ein Argument der Unternehmen. Zwar sei es richtig, dass Staaten dies tun sollten und letztlich auch machen, aber im internationalen Wettbewerb um die Auftraggeber für große Produktionsaufträge ist so groß, dass die asiatischen Staaten sich letztlich nicht trauen hier vernünftige Richtlinien zu beschließen. Zu Recht, würden die internationalen Einkäufer sich sicherlich ein anderes, billiger produzierendes Land suchen. Daher ist es laut CCC zwingend nötig, dass die Unternehmen sich hierüber einigen und letzten Endes ihre Macht hier für einen positiven Wandel einsetzen.

Niedriglohnländer würden ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren

Wie bereits genannt, sind die eigentlichen Lohnkosten verschwindend gering. Indes menschenwürdige Löhne zu zahlen würde sich positiv auf die Motivation der Arbeiter ausüben, sie zuverlässiger und flexibler machen, die Qualität der produzierten Kleidung steigern. Dies sei laut CCC wiederum ein großer Wettbewerbsvorteil für die Hersteller.

Wir helfen Arbeitern, die ansonsten arbeitslos wären

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Viele Arbeiter hätten sicherlich keinen Job, würden sie nicht in den Billiglohnfabriken arbeiten. Allerdings sei es kein Argument, verzweifelte Menschen nicht gerecht zu bezahlen und sie sogar auszubeuten. In Deutschland würde man auf Artikel 1 des Grundgesetzes verweisen. Und Gewerkschaften zurecht Sturm laufen.

Die Lebenshaltungskosten sind dort geringer, daher können die Löhne geringer ausfallen

Sicher, die Lebenshaltungskosten in asiatischen Ländern sind geringer, als in der westlichen Welt. Abgesehen aber davon, dass, selbst wenn Mindestlöhne existieren - die häufig unterschritten werden -, dann ist es bei weitem nicht ausreichend, was ein Arbeiter verdient. Und dass die Rechnung laut CCC nicht aufgeht, zeigt ein kleines Rechenbeispiel: In Norwegen kann sich ein durchschnittlicher Arbeiter nach 1 Stunde Arbeit 14 Kilogramm Reis kaufen. In Kambodscha muss ein Arbeiter zwei Stunden arbeiten, um sich ein Kilogramm Reis leisten zu können. Und bei den anhaltenden Lebensmittelspekulationen kann dies in kurzer Zeit nur noch die Hälfte sein. Im chinesischen Shenzhen muss ein Arbeiter übrigens ‚nur‘ eine Stunde für das Kilo Reis arbeiten.

Doch, gleich wo man hinschaut: Oftmals reicht es nicht einmal für eine Zutat zum  Reis. Allenfalls das billigste Gemüse und winzige Fische kann sich so eine Näherfamilie leisten. Aber längst nicht täglich.

Clean Clothes Campaign: Faire Löhne in asiatischer Textilindustrie Mangelware

Oft ist noch viel Hunger am Ende des Monats vorhanden. Die ehedem schon sehr kargen Mahlzeiten aus Reis, dem billigstem Gemüse und ab und an einem kleinen Fisch, bestehen zum Monatsende meist nur aus Reis mit etwas Currypaste. Das Ergebnis: Flächendeckende Unterernährung. © Taslima Akhter/Clean Clothes Campaign

Unser unternehmerischer Verhaltenskodex sagt, dass wir faire Löhne zahlen

Einen Verhaltenskodex, englisch: Code of Conduct,  auf eine Unternehmensseite zu stellen – oder auch einen Nachhaltigkeitsbericht – ist nicht zwingend eine Garantie dafür, dass auch faire Löhne bezahlt werden und durch die Bank faire Arbeitsbedingungen allgemein herrschen. Zwar könnten laut CCC die Arbeiter davon profitieren und im Falle einer ungerechten Bezahlung hierauf verweisen, doch ist dies in der Realität eher unwahrscheinlich.

Faire Löhne sollten klar belegt und methodisch ermittelt werden. Nicht einfach nur als ‚schöne Phrase‘ Verwendung finden.

KIK beispielsweise, immer wieder in der Kritik, zuletzt durch den Brand in einer pakistanischen Textilfabrik durch den 250 Arbeiter starben, hat auch auf seiner Website einen 90-seitigen Nachhaltigkeitsbericht. Der Code of Conduct hierin richtet sich übrigens nicht nach den üblichen Standards, der Business Social Compliance Initiative oder nach DIN Normen wie die EN ISO 9001 oder SA 8000, die üblicherweise in Umwelt- und Sicherheitsfragen sowie Entlohnung und andere wichtige Punkte verwendet werden. Die Zahlung eines Mindestlohnes sei aber festgeschrieben, ein existenzsichernder Lohn angestrebt (Quelle: KIK, Nachhaltigkeitsbericht 2010, S. 23). Eine Diskrepanz, die Punkt 1 und das Wissen um die Problematik fairer Löhne eindeutig und schriftlich belegt.

Die ökonomische Krise hat uns alle Möglichkeiten verbaut, höhere Löhne zu zahlen

Auch wenn das zunächst vielleicht stimmen mag, so unterschätzt dieses Argument die immensen Auswirkungen höherer Löhne in den Fabriken. Auf den privaten wie öffentlichen Sektor und auf den Jobmarkt selbst. Ein ausreichendes, also höheres Einkommen könnte lokale Märkte positiv beeinflussen und damit letztlich die Entwicklungsländer sich selbst entwickeln lassen. Und zwar positiv und vermutlich viel besser und schneller, als so manches Entwicklungshilfeprogramm. Stattdessen rinnen die Profite laut CCC wie durch ein Siphon in die Taschen von Top-Level Managern und internationale Shareholder.

Nicht nur die deutschen Textilhersteller führen angeblich regelmäßige Kontrollen über die Arbeitsbedingungen vor Ort in Asien durch und beschreiben sie als vorbildlich. Scheinbar entgeht hier vielen Kontrolleuren gerne so Manches.

Alleine in Bangladesh arbeiten 2,4 Mio. Menschen in der Textilindustrie. 80 Prozent hiervon sind Frauen. Sexuelle Belästigung und körperliche wie psychische Gewalt seien keine Seltenheit.

Quellen: Clean Clothes Campaign, Kampagne für saubere Kleidung, Text: Jürgen Rösemeier

Faire Löhne: Engagement der Clean Clothes Campaign

Mindestlohn? Das ist das Ergebnis - die Behausungen in den Armenvierteln der Nähfabriken. © Taslima Akhter/Clean Clothes Campaign

Faire Löhne: Engagement der Clean Clothes Campaign

Blick in den Hintergrund: Eine Handpumpe ist die einzige Wasserquelle für 10 - 15 Familien. Hier wird abgespült, gewaschen und Körperhygiene betrieben... © Taslima Akhter/Clean Clothes Campaign

Faire Löhne: Engagement der Clean Clothes Campaign

Normalzustand: Mehr als ein Zimmer kann sich selbst ein Großfamilie in Ländern wie Bangladesh nicht leisten. Hier sind es 11 Personen, die in einem Mini-Zimmer leben. Oder besser hausen. Auch dank einer 'Geiz ist geil!'-Mentalität in der westlichen Welt. © Taslima Akhter/Clean Clothes Campaign

Faire Löhne: Engagement der Clean Clothes Campaign

Wer nicht um 8 Uhr morgens pünktlich zur Arbeit erscheint, bekommt wichtige Boni nicht ausbezahlt und hat noch weniger Gehalt als so schon... © Taslima Akhter/Clean Clothes Campaign