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Dr. Claus Barthel vom Wuppertal Institut im Interview über Nachhaltigkeit und das CO2-Einsparpotenzial der Konsumenten.

Dr. Claus Barthel: «Nachhaltig zu leben muss viel einfacher werden»

Dr. Claus Barthel ist Projektleiter der Forschungsgruppe «Zukünftige Energie- und Mobiitätsstrukturen» am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Im Interview mit nachhaltigleben erklärt der Forscher, wieviel CO2 jeder Einzelne problemlos sparen kann, und warum es einfacher werden muss, nachhaltig zu leben.

Standby-Schalter nutzen, ausschließlich Bio-Lebensmittel kaufen und mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs sein, statt mit dem Auto. Wie viel nutzen die Mühen denn nun wirklich bei der Einsparung von CO2?

Das ist in den meisten Fällen schwierig zu sagen. Zum Beispiel bei Lebensmitteln kommt es ja nicht nur darauf an, ob es ein Bio-Produkt ist oder nicht. Auch der Transportweg spielt für die Höhe des CO2-Ausstoßes eine grosse Rolle. Und der ist nicht immer sofort offensichtlich. Wer aber im Alltag darauf achtet, Bio-Lebensmittel aus der Region zu kaufen, macht schon mal einen guten Anfang. Bei Konsumentscheidungen wie der Auswahl des Autos kann man hingegen den CO2-Ausstoß genau berechnen und sieht direkt, wie hoch das Einsparpotenzial ist, wenn man ein sparsameres Auto wählt oder das Auto mal stehen lässt.

Welcher Faktor kann durch einen effizienten Lebensstil laut Ihrer Nachforschungen am meisten CO2 einsparen?

Das größte direkte Einsparpotenzial liegt bei der Beheizung des Wohnraums. Je nachdem, welche Heizung gewählt wird oder wie gut ein Haus gedämmt ist, kann das den persönlichen CO2-Ausstoß deutlich mindern. Genauso viel Potenzial gibt es bei der Mobilität. Wer ganz auf Flüge und ein Auto verzichtet, spart eine Menge CO2 ein. Ein großer indirekter Faktor ist der weitere Konsum allgemein, wie Lebensmittel, aber auch Möbel und andere Waren. Gerade bei Non-Food-Produkten liegt enorm viel Sparpotenzial darin, langlebige Produkte zu kaufen. Das spart auf lange Sicht deutlich CO2, da sie nicht so oft ersetzt werden müssen wie kurzlebigere Produkte.

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Sie sagen, dass es dem Einzelnen oft schwer fällt, das Potenzial zur Minderung der eigenen CO2-Emissionen auszuschöpfen. Sind die Menschen zu inkonsequent?

Es gibt zwar Fälle, bei denen es an der Inkonsequenz scheitert. In den meisten Fällen liegt es aber eher an fehlenden Informationen, dass jemand nicht mehr zu seiner eigenen CO2-Minderung beiträgt. Der Markt ist zu unübersichtlich und es ist oft sehr schwierig festzustellen, wie nachhaltig ein Produkt wirklich ist.

Ein effizienter Lebensstil ist im Vergleich zum verschwenderischen wesentlich zeitaufwendiger, weil man jede Konsumentscheidung bewusst treffen muss. Fehlt es deshalb oft auch einfach an Zeit für mehr Nachhaltigkeit?

Die Zeit spielt eine wesentliche Rolle bei der Entscheidung für einen effizienten Lebensstil. Da es leider oft sehr aufwendig ist, sich über die tatsächliche Nachhaltigkeit der einzelnen Produkte zu informieren, ist es zeitlich kaum möglich, jede Konsumentscheidung so bewusst zu treffen.

Nachhaltige Produkte und Dienstleistungen sind in der Regel auch teurer als die herkömmlichen. Welche Rolle spielen in unserem Discounter-Zeitalter höhere Kosten bei der Entscheidung für einen effizienten Lebensstil?

Bei Lebensmitteln ist der Preis ein wichtiger Faktor für die Kaufentscheidung. Bio-Produkte sind meist teurer und nicht jeder kann deshalb bei allen Lebensmitteln auf Bio zurückgreifen. Bei anderen Produkten, wie im Bereich Mode, bei Möbeln oder bei elektrischen Geräten sieht das aber ganz anders aus. Qualitativ hochwertige Produkte kosten zwar oft etwas mehr, aber dafür sind sie auch langlebiger als billig verarbeitete Waren. Auf Dauer sind die nachhaltigen Produkte damit sogar noch preiswerter, da sie nicht so oft erneuert werden müssen. Das gilt entsprechend für energiesparende Geräte, die während ihrer Nutzungsdauer deutlich weniger Kosten verursachen. Das Problem ist, dass meist beim Kauf nur der Anschaffungspreis gesehen wird, die Folgekosten aber außer Acht gelassen werden. Eines der wenigen Produkte, bei dem dieser Aspekt von vielen bereits bedacht wird, ist das Auto. Dies müsste allerdings noch viel öfter bei Kaufentscheidungen mit einbezogen werden.


Herr Dr. Barthel, wie realistisch ist es angesichts der Hemmnisse, dass ein Großteil der Gesellschaft sich zukünftig von einem verschwenderischen zu einem effizienten Lebensstil hin entwickelt?

Wir haben gar keine andere Wahl, als unseren CO2-Ausstoß drastisch zu mindern, da die zur Verfügung stehenden Ressourcen immer weiter abnehmen. Die Frage ist also nicht ob, sondern ab wann und wie wir das tun werden. Je näher das Ende der Ressourcen rückt, desto härter und schneller muss die CO2-Minderung stattfinden. Jetzt kann die Gesellschaft noch eine langsame und sozialverträgliche Wende einläuten. Allerdings befürchte ich, dass es zuerst noch einiger harter Schläge bedarf, bevor es tatsächlich ein Umdenken geben wird.

Mit welchen Maßnahmen könnte die Gesellschaft insgesamt am besten dazu motiviert werden, sich trotz der Hemmnisse für die eigene CO2-Minderung einzusetzen?

Das Ziel muss sein, dass ein effizienter Lebensstil normal wird. Es muss einfacher und günstiger werden, nachhaltig zu leben. Gleichzeitig muss Verschwendung von Ressourcen schwieriger und teurer werden. Um das durchzusetzen, ist hauptsächlich die Politik gefragt. Der Staat müsste noch stärker als bisher finanzielle Anreize für die CO2-Minderung schaffen, zum Beispiel durch steuerliche Vorteile oder die Verteuerung der Energiekosten. Erst wenn ein nachhaltiger Lebensstil zur Normalität wird, kann er sich auch ganzheitlich in der Gesellschaft durchsetzen.

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Experten wie Michael Bilharz vom Umweltbundesamt behaupten, dass statt kleiner Schritte in der Änderung des Verhaltens es wichtiger ist, zuerst große Schritte zu machen, wie die Kompensation des gesamten, eigenen CO2-Ausstoßes. Was halten Sie von dieser Aussage?

Die Kompensation des gesamten eigenen CO2-Ausstoßes ist auch eine Möglichkeit, einen Beitrag zu leisten. Das ist zwar nur von begrenzter Wirkung, denn das Kompensieren führt ja nicht direkt zu einer effektiven Einsparung von Emissionen. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung, und jeder Schritt ist wichtig. So können viele kleine auch zu einem großen Schritt werden, wie es bei Bio-Lebensmitteln der Fall ist. Früher waren Bio-Lebensmittel ein Nischenprodukt. Inzwischen gelten sie bereits als normal und werden schon von einem großen Teil der Gesellschaft regelmäßig gekauft.

Zusätzlich zur Verhaltensänderung der Konsumenten fordern Sie, dass die Industrie Konzepte zur Emissionsvermeidung entwickelt. Inwiefern können Anreize geschaffen werden, damit eine solche nachhaltige Entwicklung stattfindet?

Es muss klare Anreize vom Staat geben. Zum Beispiel könnten Steuererleichterungen für effizientere Produkte eingeführt werden oder es könnte bei der Herstellung nachhaltiger Produkte Vergünstigungen geben. Das würde die Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig produzierter Waren deutlich verbessern. In jedem Fall müsste sich der CO2-Ausstoß auf die Kosten bei der Produktion und im Verkauf niederschlagen.

Interview: Bianca Sellnow