Julija Timoschenko war 2004 die Anführerin in der sogenannten orangenen Revolution. Foto: Wikipedia

Macht ein Boykott der Fußball-EM Sinn? Ein Für und Wider.

Kurz vor der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine und in Polen kommt es zu einer politischen Diskussion im Falle der inhaftierten Julija Timoschenko. Von Misshandlungen der wegen Amtsmissbrauch zu sieben Jahren verurteilten Politikerin ist die Rede. Politiker lehnen nun ein Besuch ab. Kann ein europäisches Sportevent in einem bekanntermaßen kaum demokratischen Staat stattfinden?

Julija Timoschenko war 2004 die Anführerin in der sogenannten orangenen Revolution. Sie trat für mehr Demokratie in der ehemaligen Sowjetrepublik Ukraine, die Heimat von Vladimir und Witali Klitschko ein. Letztlicher Grund: Der Gasstreit mit Russland. Russland stellte 2009 seine Gaslieferungen ein, an die Ukraine und nach Europa. Gerade die Ukraine spielt hierbei eine wichtige Rolle, denn eine Pipeline geht direkt durch das heute von Viktor Janukowitsch regierte Land und versorgt viele unserer Nachbarn.

Damals hatte Julija Timoschenko einen Vertrag mit dem damaligen Ministerpräsident Russlands, Wladimir Putin, geschlossen, den ihr Nachfolger als schädlich und ruinös, weil viel zu teuer, für die Ukraine ansieht. Das Ergebnis: Sieben Jahre Haft für die Ex-Ministerpräsidentin Timoschenko.

Fall Timoschenko: Undurchsichtige Lage im EM-Gastgeberland

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Der bullige Zwei-Meter-Mann Janukowitsch zeigt sich gerne in religiösem Umfeld. Kritiker sagen ihm nach, dass seine Politik sich mehr nach den Wünschen der ukrainischen Oligarchen richtet, denn nach den Grundsätzen der Demokratie. Der Stein des derzeitigen Anstoßes: Die inhaftierte Julija Timoschenko leide unter schweren Bandscheibenproblemen, die sie in Deutschland behandeln lassen wolle. Zu den ukrainischen Ärzten hätte sie kein Vertrauen. Zudem zeigen aus dem Gefängnis geschmuggelte Bilder Anzeichen von Misshandlungen der ehemaligen Ministerpräsidentin. Sogar von einer Wirbelfraktur war zwischenzeitlich die Rede.

Seit einigen Tagen kommen nun vermehrt Rufe zum Boykott der Fußball-EM auf. Unser Außenminister Guido Westerwelle macht mit verbalen Attacken gegen den ukrainischen Regierungschef auf sich aufmerksam, Politiker wie Angela Merkel und selbst Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger lehnen einen Besuch der Fußball-EM in der Ukraine ab. Manche sprechen sogar von einer Absage der kompletten Fußball-EM.

Andere wiederum lehnen einen Boykott ab. «Die Geschichte zeigt, wie sinn- und erfolglos Boykotte sind. Eine Absage der EM bringt ebenso wenig wie der Boykott vergangener Veranstaltungen», sagt der heutige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Und der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, DOSB, Thomas Bach, sagte zu den Vorschlägen, die Fußball-EM abzusagen: «Die Forderung zeugt von großer internationaler Respekt- und Instinktlosigkeit, weil sie über die Köpfe selbst des Mitgastgeberlandes Polen, aber auch den anderen europäischen Nationen und des Veranstalters UEFA hinweg erhoben wird.» Auch der Verlegung der Spiele in der Ukraine nach Deutschland erteilte Bach eine klare Absage. Selbst wenn Geheimpläne hierzu seit letztem Jahr bestünden, laut dem Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei, GdP, Bernhard Witthaupt.

Boykott oder nicht: Die Fußball-WM steht unter einem schlechten Stern

Witali Klitschko, der studierte und wegen seiner Besonnenheit geschätzte Weltklasse-Boxer, spricht sich gegen einen Boykott aus. «Ich möchte alle Fans bitten, zur Fußball-EM in die Ukraine zu reisen – trotz der traurigen Lage von Julija Timoschenko. Die Menschen in der Ukraine hätten es nicht verdient, wenn sie jetzt international isoliert würden!»

Boykott hin oder her, warum entscheidet sich die UEFA, aber auch andere Sportorganisationen, für die Durchführung eines großen Sportevents wie die Fußball-EM in einem bekanntermaßen wenig demokratischen Land? Denn Gleiches erwartet die Sportfans bei der WM 2022 in Katar, ein bekannt absolutistisches Land unter der Herrschaft eines Scheichs? Gleiches galt auch für das unlängst im krisengeschüttelten Bahrain veranstaltete Formel-1-Rennen. Nachhaltigkeit sieht anders aus. Die Antwort wird wohl nie richtig Zutage gefördert werden.

Erst kürzlich ist die Ukraine mit einem weiteren Skandal in die Schlagzeilen gekommen. Tausende von streunenden Hunden wurden in den Spiel-Städten in mobilen Krematorien verbrannt. Sie verschandeln das schöne Stadtbild, streunende Hunde wirken negativ und wären eine Gefahr für die Besucher der Fußball-EM, hieß die Rechtfertigung der Verantwortlichen in der Ukraine. Mehr dazu und über die Protestaktion an der auch Dortmunds Trainer Jürgen Klopp teilnahm, lesen Sie hier.

Am 5. April jedenfalls reisen deutsche Diplomaten und der Chef der Berliner Charité-Klinik, Karl Max Einhäuptl, nach Kiew, um einerseits mit den Politikern vor Ort zu reden und, andererseits, um die seit zwei Wochen in Hungerstreik befindliche und unter Schmerzen leidende Julija Timoschenko zu untersuchen. Ihre 31-jährige Tochter, Jewgenija Timoschenko, sagte in einem Interview mit der ZDF-Talkerin Maybrit Illner, dass die sehr geschwächte Mutter trotz Bitten der Familie ihren Hungerstreik nicht beenden werde.

Text: Jürgen Rösemeier