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Die sexualisierte Brust: „Stillen in der Öffentlichkeit ist ekelhaft!“
Die sexualisierte Brust

Die sexualisierte Brust: „Stillen in der Öffentlichkeit ist ekelhaft!“

Ohne sie hätte die Menschheit nicht überlebt, doch heute wird ihre ureigene, biologische Funktion gerne verkannt, sexualisiert und kritisiert – die Rede ist von der weiblichen Brust. Die YouTuber „Life with Sandy and Benni“ haben dem Thema ein eigenes Video gewidmet und machen darauf aufmerksam, dass in unserer Gesellschaft scheinbar einiges schiefläuft.

In unserer brustfixierten Welt werden wir mit dem vermeintlichen Attribut der Weiblichkeit täglich in Zeitschriften, Filmen und auf Plakaten konfrontiert. Sie helfen dabei Aufmerksamkeit zu erregen und dienen als Kaufanreiz in unserer Konsumgesellschaft. Besonders für Männer sind Brüste sexueller Schmuck. Wirklich übel nehmen können wir ihnen das nicht, denn es sind doch immer wieder die Wesen unseres eigenen Geschlechts, die sich scheinbar gerne auf ihre Brüste reduzieren lassen, wie die Andersons, Ferraris, Lohfinks, und Schäfers dieser Welt beweisen. Wir machen die Moden der BH-Hersteller mit und einige lassen sogar den Chirurgen dran, wenn sie mit dem, was die Natur ihnen geschenkt hat, unzufrieden sind.

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Stillen in der Öffentlichkeit? Igitt!

Stillen in der Öffentlichkeit? Igitt!

Aber wehe eine Brust wird in ihrer biologischen Funktion gezeigt. Brust ja, aber bitteschön nur in sexuellem Rahmen. Stillende Frauen hingegen sind für viele Menschen noch immer Gegenstand hitziger Diskussionen. Plötzlich will so viel Busen keiner mehr sehen und stillende Mütter in der Öffentlichkeit werden mit Sätzen, wie: „Das ist ja ekelhaft!“ oder „Schämen Sie sich!“ beschimpft.

Da werden Stillende auch schon mal kurzerhand des Restaurants verwiesen und bei der österreichischen Bundesbahn kann Frau sogar den Service eigener Stillabteile nutzen – damit bloß keiner zuschauen muss.

Aber diese sexualisierte Sichtweise war nicht immer so und auch heute ist Stillen in vielen Kulturen die normalste Sache der Welt. Schließlich dient es doch nur der Nahrungsaufnahme des Kindes und wer versteckt sich schon beim Essen?

In unserer Gesellschaft läuft einiges schief

„Dass es einige Menschen in unserer Gesellschaft stört, wenn eine Mutter ihr hilfloses Kind füttert, ist ein klares Zeichen dafür, dass wir etwas falsch machen“, sagt die amerikanische Psychotherapeutin, Bloggerin und bekennende Stillerin Jillayna Adamson.

Adamson beschreibt in einem Artikel für die amerikanische Frauenzeitschrift „SheByShe“ die Geschichte des Stillens aus ihrer amerikanischen Perspektive. Diese lässt sich jedoch auf den Großteil aller westlicher Nationen beziehen. Und zwar sieht sie den Niedergang des Stillens in den 50er Jahren, als die Industrie boomte und pulverförmiger Muttermilchersatz die Supermarktregale zu füllen begann. Nur 25 Prozent der Frauen fingen damals überhaupt noch mit dem Stillen an.

Mangelnde Bildung, mangelndes Bewusstsein, zu wenig Unterstützung nach der Geburt und Programme mit kostenlosem Muttermilchersatz sorgten für die drastisch sinkenden Stillraten. Zudem erschufen Industrie und Werbung das Bewusstsein, dass nur Frauen aus der Unterschicht stillen, die sich den „perfekten“ Muttermilchersatz nicht leisten konnten. Somit galt das Brustgeben nun nicht mehr nur in Adelshäusern, die ihre Kinder von einer Amme aufzogen ließen, als unelegant, sondern auch in der breiten Bevölkerung.

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Stillen war schon immer gesellschaftsabhängig

In dem Buch „Eine Geschichte der Brust“ beschrieb die amerikanische Professorin Marilyn Yalom die unterschiedlichen Einstellungen zur weiblichen Brust aus historischer Perspektive. Yalom zeigt, dass das Stillen bereits einige Jahrhunderte früher in Verruf geriet und schon immer dem gesellschaftlichen und kulturellen Wandel unterlag. So wurde die weibliche Brust bereits in der Renaissance romantisiert und das Stillen als unerotisch erklärt. Wer es sich leisten konnte, gab seine Kinder zu Ammen aufs Land, damit der eigene Busen keinen „Schaden“ nahm.

Auch im 18. Jahrhundert ist das erotische Ideal die kleine und unverbrauchte Brust – und Babys haben an ihr nach wie vor keinen Platz. Das Ammenwesen dehnte sich sogar auf die unteren Schichten aus.

Im späten 18. Jahrhundert wurde das Stillen schließlich politisch und zur nationalen Pflicht der Frau erklärt, denn was gut für das Baby ist, ist auch gut für die Gesellschaft und damit für den Staat.

Die ganze Geschichte des Stillens kannst du hier nachlesen: www.afs-stillen.de

Das Umdenken in den 70er Jahren

Erst als mehrere Studien die gesundheitlichen Vorteile des Stillens in den 70er Jahren hervorbrachten, entschlossen sich wieder mehr Frauen dazu ihren Kindern die Brust zu geben.

Nichtsdestotrotz sind die Auswirkungen dieser kulturellen Entwicklungen noch heute zu spüren: Immer noch schämen sich Frauen öffentlich zu stillen, werden angefeindet oder ausgegrenzt.

„Der natürliche und schöne Akt des Stillens wurde seiner Schönheit beraubt, von einer Öffentlichkeit, die darin etwas sexuell Anstößiges sieht. Und jetzt sollen wir uns dafür rechtfertigen und es verbergen“, kritisiert Jillayna Adamson.

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Stillen in der Öffentlichkeit: immer noch ein Tabu?

Stillen in der Öffentlichkeit: immer noch ein Tabu?

Stillen in der Öffentlichkeit: immer noch ein Tabu?

Stillen in der Öffentlichkeit: immer noch ein Tabu?

Dass das Thema „Stillen in der Öffentlichkeit“ auch im Jahr 2017 immer noch mit Scham besetzt ist, beweisen die YouTuber „Life with Sandy and Benni“. Das junge Paar (Sandy 26, Benni 30) lebt mit seinen zwei kleinen Kindern auf Teneriffa und gewährt dem User immer wieder Einblicke in ihr Leben, Denken und Fühlen. Dabei macht das Paar auch vor gesellschaftlich schwierigen Themen keinen Halt: ob Stillen, Geburt, Impfen oder Ernährung – die Beiden sehen jeden Aspekt des Lebens aus einem natürlichen, ursprünglichen Blickwinkel.

Als eine Zuschauerin schrieb: „Wie kannst du nur auf Snapchat posten, wie du dein Kind stillst, zieh dich doch gleich aus! #sexsells“, entschloss sich das Paar dazu das Tabuthema „Stillen in der Öffentlichkeit“ anzusprechen. Und die Kommentare unter ihren Videos machen deutlich, dass das Thema noch lange nicht durch ist. Viele Frauen sind erleichtert, dass jemand so klare Worte gefunden hat, andere sind der Meinung, dass eine stillende Brust nicht öffentlich zur Schau gestellt werden sollte.

Unterschiedliche Meinungen sind gut und wichtig, aber das Wichtigste, was wir bei keiner Diskussion vergessen sollten, ist: „Egal ob Stillen oder Flasche geben -  es geht um den Umgang und Respekt miteinander!“ (Zitat: Life with Sandy and Benni).

Wie ist deine Meinung zu dem Thema? Wir sind auf deinen Kommentar gespannt!

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Quellen: YouTube/ Life with Sandy and Benni, Bilder: Depositphotos/RomanovaAnna, Text: Meike Riebe