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Stillen ist der natürlichste Vorgang der Welt, aber in der Öffentlichkeit immer weniger gerne gesehen.
Stillen

Ist Langzeitstillen noch immer ein Tabu?

Stillen – bei kaum einem anderen Thema erhalten Mütter so viele gut gemeinte Ratschläge von Außenstehenden. „Nicht zu lang, nicht zu kurz und schon gar nicht in der Öffentlichkeit“, heißt es dann. Wir haben 3 Mütter zu ihren Erfahrungen mit dem Thema „Langzeitstillen“ befragt.

„Du musst langsam mit dem Stillen aufhören, dein Kind muss mal was Richtiges essen!“ oder „Du verwöhnst dein Kind zu sehr, lege es in sein eigenes Bettchen, sonst wird es nie durchschlafen.“ Das sind nur einige der Sätze, mit denen langzeitstillende Mütter immer wieder konfrontiert werden.

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WHO empfiehlt Stilldauer von 2 Jahren

Über 90 Prozent aller Babys in Deutschland werden gestillt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt eine Stilldauer von 2 Jahren, doch bereits nach einem halben Jahr fällt die Stillrate auf 22 Prozent zurück.

Das könnte mitunter daran liegen, dass das sogenannte Langzeitstillen in Deutschland immer noch ein Tabu ist. Sechs Monate gelten hier als gesund und notwendig, alles darüber hinaus wird häufig als zu lang bezeichnet und von der Gesellschaft kritisch beäugt. Industrialisierte Fertignahrung wird der menschlichen Milch dann vorgezogen.

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Warum, ob und wie lange Mutter und Kind stillen, ist von Frau zu Frau und von Kind zu Kind verschieden. Einige Mütter genießen die enge Zweisamkeit mit ihrem Kind ausgiebig, während andere der Meinung sind, dass man Nähe und Geborgenheit auch ohne Stillen geben kann. Oft sind es auch die Kinder, die die Stillzeit bestimmen, indem sie sich selber abstillen oder die Flaschenmilch verweigern.

Janina stillt ihre beiden Töchter gleichzeitig

Janina, 35, Mutter von drei Mädchen stillt ihre große Tochter Paula trotz des Alters von 5 Jahren immer noch: „Ich biete ihr die Brust niemals an. Sie stillt ihr Bedürfnis selbst. Unsere zweite Tochter, Nika, wurde tot geboren. Ein echter Nabelschnurknoten mit zusätzlich vier Halsumschlingungen. Paula fand in der Trauerzeit viel Trost an der Brust und ich musste keine Abstilltabletten nehmen.“

Paula war bereits drei Jahre alt, als Janina mit Nika schwanger war: „Sie stillte die gesamte Schwangerschaft über und mein Frauenarzt hat mir nie geraten, aufzuhören. Die Milch schmeckt in der Schwangerschaft anders, meint Paula, aber trotzdem lecker. Das Jahr darauf wurde ich mit Frida Reka, unserem dritten Kind schwanger. Sie wurde letztes Jahr im September geboren. Paula stillte auch hier wieder die gesamte Schwangerschaft über weiter und im Wochenbett lag ein großes Mädchen links und ein kleines Mädchen rechts.“

Auch Juliane ist überzeugte Langzeitstillerin

Auch Juliane, 40, hat ihre vier Kinder zwischen 17 und 26 Monaten lang gestillt: „Meine Süßen haben morgens nach dem Aufwachen und abends vor dem Einschlafen getrunken und waren den Rest des Tages einfach zu beschäftigt. Jedenfalls haben sie nie am Tag nach der Brust verlangt. Mein Jüngster fand das Gestille sowieso recht überflüssig und hat sich mit nicht mal eineinhalb Jahren höchst resolut selber abgestillt.“

Zum Tandemstillen kam es bei Juliane nicht: „Im 6. Monat meiner Schwangerschaften ist immer für eine Zeit lang die Milch ganz weg gewesen und ich habe die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen, das große Geschwisterchen (dann mit jeweils gut über 2 Jahren) abzustillen. Das hat beide Male sehr gut und problemlos geklappt, war auch überhaupt kein Drama. Lustigerweise hatten alle Kinder das Trinken an der Brust verlernt, als das Baby geboren war. Sie wollten zwar alle noch mal versuchen zu trinken, konnten es aber nicht mehr und kamen sich ganz komisch dabei vor.“

Die Zwillinge von Nicole stillten sich selber ab

Die Zwillinge von Nicole, 32, waren mit 1,5 Jahren tagsüber so viel mit anderen Kindern beschäftigt, dass sie nur noch zum Trösten oder Einschlafen gestillt werden wollten. Mit ca. 20 Monaten stillten die beiden sich endgültig selber ab: „Lasse trank nur noch zum Einschlafen, drehte sich dann weg und wollte nachts gar nicht mehr trinken. Wenn er wach wurde, habe ich ihm die Brust angeboten, aber er wollte nicht. Joost hat zum Einschlafen immer noch ordentlich getrunken, doch dann brauchte er das Einschlafstillen plötzlich auch nicht mehr.“

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Stillen in der Öffentlichkeit – noch immer ein Tabu?

Neben den vielen Ratschlägen, die vorschreiben wie das eigene Kind am besten zu versorgen sei, werden stillende Mütter in der Öffentlichkeit zudem häufig mit Unverständnis konfrontiert. Obwohl es rechtlich erlaubt ist, öffentlich zu stillen, dürfen Gastronomiebesitzer von ihrem Hausrecht Gebrauch machen und Stillende vor die Tür setzen, wenn sie sich an deren Anblick stören.

Juliane hat in ihrem Umfeld kaum kritische Blicke und Kommentare erfahren, dennoch empfindet sie, dass das Klima insgesamt stillunfreundlicher geworden ist: „Vor 14 Jahren habe ich noch ganz selbstverständlich zwischen diversen anderen Müttern mit Stillkindern im Gottesdienst gesessen und gestillt (relativ diskret), beim letzten Kind, vor nicht ganz vier Jahren, wurden wir dann schon freundlich gebeten, den Stillraum zu nutzen und den Leuten kein Stillkind zuzumuten.“

Janine stieß auf Unverständnis

Obwohl Janine beim Stillen in der Öffentlichkeit stets diskret war, hat sie mit ihrer Tochter ab dem 3. Lebensjahr vereinbart, dass die beiden nur noch stillen, wenn sie alleine sind. Besonders ihrer Tochter fielen die komischen Blicke der Leute auf. Unverständnis erntete Janine auch von Bekannten und ihrem Kinderarzt: „Der Kinderarzt versteht uns nicht. Dem Kinderarzt sagen wir sowas nicht wenn es nötig ist ihn aufzusuchen.“

Und dennoch ist Paula mit ihren fünf Jahren erst dreimal krank gewesen: „Ich kann sagen mir fällt es oft auf, dass Paula im Gegensatz zu nichtgestillten und geimpften Kindern sehr fit ist. Sie hatte in den fünf Jahren eine Erkältung, einen Magendarminfekt und Keuchhusten. Ob es jetzt am Stillen... Nichtimpfen oder daran liegt, dass sie Barfußlaufen kann solange sie will und sich nur so viel anzieht, wie sie selber denkt, kann ich nicht sagen.“

Inzwischen vergisst Paula immer öfter zu stillen: „Im Urlaub kam sie nach zwei Tagen an und meinte: „Mama, ich habe vergessen zu stillen.“ Ich habe ihr dann erklärt, dass sie älter wird und irgendwann keine „Mimi“ mehr braucht. Sie hat gelacht und gesagt: „In echt?“

Auf den Weg der alternativen Kindererziehung wurde Janine übrigens von ihrer Hebamme gebracht: „Wir sind da so reingewachsen und ich hätte mir niemals gedacht, dass wir mal eine kinderwagenlose Familie mit langzeitstillendem Kind werden.“

Sind gestillte Kinder gesünder?

Eindeutige gesundheitliche Vorteile durch das Stillen, kann Juliane nicht bestätigen. Bei ihren Kindern ist alles dabei: „Meine Große hat ein Immunsystem vom Feinsten, die ist sowas von gesund, steckt jede Krankheit im Vorbeigehen weg. Mein Sohn hingegen ist ziemlich empfindlich und eher kränklich, den haut jeder Infekt um und das gerne auch mal richtig gründlich. Zudem sind die drei Großen alle Allergiker, der Kleine wird erst vier, da kann ich das noch nicht sagen.“

Nimmt Stillen ein Einfluss auf die Entwicklung von Kindern?

 Aussagen wie: Nicht-Stillen gefährdet Kinder in ihrer Entwicklung!, verunsichern viele Mütter.

Stillen ging immer!

Was Juliane aber immer als positiv empfand: „Egal, wie krank sie waren und wenn sie alle Nahrung verweigert haben - stillen ging immer!“ Trotz vieler Anlaufschwierigkeiten, wie Milchstau, zu viel Milch, zu wenig Milch, zu geringer Saugreflex, Brustentzündung bis hin zu Soor, hat sich Juliane durch alle Stillprobleme durchgekämpft oder auch mal zugefüttert. Ihre Nächte allerdings, hätte sie sich ohne Stillen nicht vorstellen können: „Die Vorstellung, jedes Mal aufstehen und ein Fläschchen zubereiten zu müssen, während der Zwerg sich in immer größere Rage schreit, hat mich jedes Mal dazu bewogen, lieber die Stillprobleme in den Griff zu kriegen.“

Nichtstillende Mütter leiden auch unter gesellschaftlichem Druck

Wie Juliane, Janine und Nicole sind viele Mütter überzeugt vom Langzeitstillen, da es beruhigt und das Kind auch während einer Krankheit noch mit wichtigen Nährstoffen versorgt.

Doch es gibt auch das andere Bild, nämlich die Mütter, die gerne stillen würden, es aus irgendeinem Grund aber nicht können. Diese Frauen werden von der Gesellschaft ebenfalls kritisiert und fühlen sich häufig als Versagerin. „Wer sein Kind nicht stillt, könnte riskieren, dass es anfälliger für Krankheiten, bindungsunfähig oder sogar weniger Intelligent wird“, lautet der gesellschaftliche Tenor.

Nicht zu lang…nicht zu kurz…und bitte erstrecht nicht öffentlich! Das Problem scheint zu sein, dass die Gesellschaft versucht, eine Norm zu schaffen, in die, stillende Mütter und Kinder gepresst werden sollen. Dabei weiß jede Mutter selber, was das Beste für sie und ihr Kind ist. Also liebe Mamas, hört auf euch selbst und lasst euch nicht durch Ratschläge Dritter verwirren!

Manche Mütter wollen oder können ihre Kinder nicht stillen.Mütter, die ihre Kinder nicht stillen, werden oft stark unter Druck gesetzt. 

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Quellen: www.eltern.de, www.netmoms.de, Julianes Blog, Bild: Depositphotos/Kzenon,Oksun 70, Autorenname: Meike Riebe