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Sichere Atomkrafwerke? Reaktorkatastrophen, die bisher eingetreten sind, lassen andere Rückschlüsse zu.

Schwere Reaktorunfälle in Westeuropa nicht unwahrscheinlich

Die meisten verdrängen die Gefahren, die von Atomkraftreaktoren ausgehen. Wie auch ließe sich der Alltag bewältigen in dem Bewusstsein, dass in jedem Augenblick ein Atomkraftwerk in die Luft gehen könnte? Aber die Risiken sind größer als angenommen, das zeigt eine Studie des Max-Planck-Instituts. Da nützt auch der Atomausstieg der Bundesregierung nichts.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz haben errechnet, dass Westeuropa weltweit das höchste Risiko trägt, radioaktiv verseucht zu werden. Zugrunde gelegt wurden die bisherigen Laufzeiten aller zivilen Atomkraftwerke weltweit und die bisher aufgetretenen Kernschmelzen. Das Ergebnis stimmt nachdenklich: Größte anzunehmende Unfälle – GAUs – könnten demnach einmal in 10 bis 20 Jahren auftreten. Das ist 200 Mal häufiger als bisher geschätzt.

Derzeit sind weltweit 440 Kernreaktoren in Betrieb, 60 weitere befinden sich in Planung.

Das Risiko einer Kernschmelze ist in Regionen, wo viele Kernreaktoren stehen am größten. Das ist in Frankreich und Belgien an der Grenze zu Südwestdeutschland der Fall. Würde sich hier ein Unfall ereignen, wäre ganz Westeuropa verseucht.

Die Forscher fordern nun eine Analyse und Neubetrachtung der Risiken, die von Atomkraftwerken ausgehen. 

Berechnungsmethode

Die Laufzeit aller Kernreaktoren weltweit seit Inbetriebnahme beträgt in der Summe 14 500 Jahre. Diese Zahl wurde durch die bisher aufgetretenen Kernschmelzen geteilt. Das sind vier an der Zahl: Eine in Tschernobyl, drei in Fukushima. Daraus ergibt sich, dass in 3625 Reaktorjahren ein GAU auftritt, ein größter anzunehmender Unfall, wie er in der Internationalen Bewertungsskala INES definiert wird.

Die drei Kernschmelzen in Fukushima könnte man auch als einen Unfall zählen, dann würde sich die Wahrscheinlichkeit halbieren.

Differenziert wurde weder nach Reaktortyp und –alter noch nach erdbebengefährdeten Standorten. 

Das ist zwar eine einfache Rechnung, aber sie bietet zumindest Anhaltspunkte, denn andere empirische Zahlen gibt es nicht.

„Nach Fukushima habe ich mich gefragt, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein solcher Unfall wieder passiert, und ob wir die Verbreitung der Radioaktivität mit unseren Atmosphärenmodellen berechnen können.“, sagt Jos Lelieveld, Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie. Und so berechneten die Forscher anhand eines Computermodells die geografische Verteilung der radioaktiven Teilchen.

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Verteilung der radioaktiven Partikel

Nur ein geringer Teil des radioaktiven Cäsiums bliebe im Umkreis von 50 Kilometern um den Unglücksort. 50 Prozent der Teilchen würden sich im Radius von 1000 Kilometern ablagern, 25 Prozent sogar weiter als 2000 Kilometer transportiert. Das bedeutet eine Verseuchung weit über Staatsgrenzen hinaus. Alarmierend ist dieses Ergebnis angesichts der Tatsache, dass die meisten Katastrophenschutzmaßnahmen höchstens einen Radius von 100 Kilometern erfassen. 

Zwar macht Deutschland mit dem Atomausstieg den ersten Schritt, doch Jos Lelievield empfiehlt: „Vor dem Hintergrund unserer Erkenntnisse sollte meiner Meinung nach auch ein international koordinierter Ausstieg aus der Kernenergie in Betracht gezogen werden.“

Quelle: informationsdienst wissenschaft