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Tod Sterbehilfe Tabu Sterben
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ecowoman.de Kommentar: Der Tod & Sterbehilfe - Ein Tabu in der Diskussion

Ein einstiges Tabuthema wird immer mehr ins öffentliche Interesse gedrängt und zum Diskussionsstoff – Sterben. Der Spiegel titelte letzte Woche: „Letzte Hilfe – ein Plädoyer für ein Sterben in Würde“. Immer häufiger hört man Forderungen nach einem legalen Suizid, wenn der Patient sterben will. Wohin führen solche Diskussionen & warum ist dieses Thema gerade jetzt so aktuell?

Der Tod gehört zum Leben. Mit jedem Tag kommen wir dem Sterben näher. Solche und ähnliche Aussagen machen uns klar, dass eines in unserem Leben sicher ist: eines Tages zu sterben. Nur der Zeitpunkt ist ungewiss. Jahrelang wurden Gespräche über das Sterben an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Meist nur in religiösen Kreisen konnte offen über unser irdisches Ende gesprochen werden. Sterben macht Angst, Tod bedeutet Ohnmacht, von der Erde abtreten gleicht einem endgültigem Prozess, dem wir hilflos ausgeliefert sind. Das könnte sich jetzt ändern. Laut Demoskopie wird Deutschland immer älter.
Die Gruppe der Senioren wächst und das Thema Tod und Sterben rückt dadurch zwangsweise immer näher in die Mitte der Gesellschaft. Der Tod gehört zum Leben. Erst recht, wenn die Zahl der älteren Menschen immer größer wird. Aber der Tod wirft auch Fragen auf und der Mensch hängt am Leben, also wird das Thema verdrängt. Wie also nimmt man dem Tod den Schrecken? Was ist eigentlich so schlimm daran? Immerhin gehört der Tod zum Leben. Warum also haben wir so Angst davor? Vielleicht aus reiner Unwissenheit? Fallen wir nach dem Tod in ein schwarzes Loch? „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“, lautete ein alter Schlager. Das Leben hat ein Ende, daran ändert auch die fortschrittliche Wissenschaft nichts. Klar, es gibt heute Möglichkeiten mit Botox &Co. die Spuren des Alters zu übertünchen. Doch dem Sterben werden wir trotzdem nicht entkommen. Medizinische Geräte zögern den Tod hinaus, stoppen jedoch nicht das Sterben für immer.

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Tod Sterben Grabstein

Die letzte Ruhe ist für manche Menschen eine Erleichterung ©Justin Skinner/iStock

Alles kontrollieren wollen – auch den Tod

„Sterben kann gar nicht so schwer sein – bisher  hat es noch jeder geschafft“, meinte der US-amerikanische Schriftsteller Norman Mailer. Es könnte so einfach sein, sich einfach damit abzufinden. Doch wir leben in einer Gesellschaft, die möglichst alles kontrollieren will. Embryonen werden im Mutterleib gescannt und behinderte Kinder vor der Geburt entsorgt. Wir schließen Versicherungen ab, um Notlagen kontrollieren zu können, schaffen uns finanzielle Polster an, damit auch bei Geldnot der Lebensstandard gehalten werden kann. Leben im dritten Jahrtausend heißt, kontrollieren können und kontrolliert werden. Unsere Daten schlummern in den Big-Data-Netzwerken dieser Welt und unser Leben soll einem geordneten Ablauf unterliegen, möglichst ohne Hochs und Tiefs. Wer kontrolliert, entgeht der Angst vor unvorhergesehenen Eingriffen ins Leben. Auch dagegen ist nichts einzuwenden, denn das Leben hat meist seinen eigenen Plan und der gerät auch mal außer Kontrolle.Nicht kontrollieren lässt sich beispielsweise die Gesundheit der Eltern. Wenn die ein Pflegefall werden, gerät der Lebensplan aus den Fugen. Hospizbegleiter berichten davon, dass immer wieder Pflegebedürftige um aktive Sterbehilfe bitten, weil sie den Angehörigen nicht zur Last fallen wollen. War das früher nicht etwas anders? Kommt es nicht immer mehr in Mode, dass Kinder wegorganisiert werden? Und tun wir das nicht auch mit kranken Eltern? Kontrolle geht verloren, wenn Eltern Hilfe verlangen oder Kinder tagsüber Mama und Papa brauchen.Das soll kein Vorwurf sein, denn natürlich existieren heute andere Lebenskonzepte. Beide Eltern wollen sich im Beruf verwirklichen und möglichst unabhängig sein. Kinder wie alte Eltern wirken dabei als Bremsen. Aber: Es kann keinem Menschen ein Vorwurf gemacht werden, wenn er seine kranken Eltern nicht zu Hause begleitet. Die Belastungen sind enorm.Doch man kann sterbende Menschen begleiten, indem man einfach ein wenig Zeit für sie hat. Ihnen die Angst vor dem Übertritt nimmt und sie nicht alleine im Heim sterben lässt.

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Wohin führt eine Legalisierung aktiver Sterbehilfe?

Die Sterbehilfe soll nun vielleicht gelockert werden. Der Tod gehört mir! Diese Thesen sind nicht minder aktuell. Natürlich kann jeder über sein Leben und somit auch über den Tod bestimmen. Doch wo fängt legale Sterbehilfe an? Was tun, wenn eine Mutter unter Depressionen leidet und nicht mehr will? Was, wenn ein Drogensüchtiger keinen Ausweg mehr kennt und die aktive Sterbehilfe fordert? Das Thema ist sensibel und komplex zugleich. Wenn aktive Sterbehilfe legalisiert wird, leben wir in einer Gesellschaft, in der der Tod planbar, also kalkulierbar wird. Wollen wir das? Religiöse Menschen würden sagen „Nein“. Auf diese Frage soll keine Antwort gegeben werden, denn die Gesellschaft und somit jeder einzelne Bürger muss sich selbst hinterfragen, welche Folgen ein Ja und welche ein Nein haben. Eines darf nicht passieren: Wenn aktive Sterbehilfe deshalb eine Lobby findet, weil ein langer Sterbeprozess die Kassen und die Gesellschaft viel Geld kostet, dann sind wir am Ende. Lassen Sie uns doch einfach über dieses Thema offen reden. Denn was transparent wird, macht keine Angst mehr.

Text: Peter Rensch