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Green City Energy München

Interview mit Jens Mühlhaus, Vorstand der Green City Energy AG München

Jens Mühlhaus, ehemaliger Münchner Stadtrat, langjähriger Vorstand des Umweltschutzvereins Green City e.V. und heutiger Vorstand der Green City Energy AG spricht mit ecowoman.de über Erneuerbare Energien und die Energiewende.

ecowoman.de: Green City Energy steht für den Umbau der Energieversorgung auf 100 Prozent Erneuerbare Energien. Welchen Beitrag leisten Sie zur erfolgreichen Umsetzung der Energiewende?

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Jens Mühlhaus Vorstand Green City Energy

Jens Mühlhaus: Green City Energy ist entstanden als 100prozentige Tochter des größten Münchner Umweltschutzvereins Green City e.V. So war unser Ziel von Anfang an die Schaffung einer zukunftsfähigen und nachhaltigen Energieversorgung in Bürgerhand. Um enorme Kosten für den Ausbau der Netze zu vermindern, streben wir außerdem ein dezentrales Modell an, das die Energie kleinteilig dort produziert, wo sie auch gebraucht wird. Diese Erneuerbaren Energieanlagen bieten wir den Bürgern vor Ort und im Anschluss auch anderen interessierten Anlegern zu finanziellen Beteiligung an. Insgesamt konnten wir so mit rund 300 Projekten schon Investitionen von knapp 200 Mio. Euro in Erneuerbare Energieprojekte ermöglichen.
 

ecowoman.de: Ihr Unternehmensschwerpunkt liegt vor allem auf dem Bereich Photovoltaik. Welche Konsequenzen haben Sie aus der aktuellen Absenkung der Solar-Einspeisevergütung gezogen?

Jens Mühlhaus: Die Entwicklung im Bereich Photovoltaik war für Brancheninsider auf lange Sicht absehbar. Nur die Radikalität, mit der die enorme Kürzung durchgezogen wurde, kam überraschend. Green City Energy hat sein Angebotsspektrum in den letzten Jahren vorausschauend breit aufgestellt. So haben wir schon ein schon ein hochmodernes Wasserkraftwerk in München projektiert und sind nun auch in Frankreich mit der Modernisierung bestehender Kleinwasserkraftwerke tätig. Außerdem sind wir vor einigen Jahren in den Windmarkt eingestiegen. Hier sehen wir einen wichtigen Zukunftsmarkt. Wir haben unser Wind-Team mit Dirk Woldrich um einen hervorragenden Bereichsleiter erweitert und inzwischen auf knapp 15 hoch qualifizierte Mitarbeiter ausgebaut. Innerhalb der nächsten fünf Jahre planen wir eine Windoffensive in Süddeutschland von 200 MW aus der Eigenprojektierung.

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ecowoman.de: Was ist mit dem Bereich Biogas? Sehen Sie in diesem grundlastfähigen Bereich keine Chance?

Jens Mühlhaus: Natürlich ist das Argument der Grundlastfähigkeit und Speicherbarkeit gerade im Bereich der Erneuerbaren Energien nicht von der Hand zu weisen. Allerdings gilt das auch für den Bereich Wasserkraft. Bei Bioenergieanlagen treten andere Schwierigkeiten auf, die für uns als Tochter eines Umweltschutzvereins ebenfalls schwer wiegen. So haben wir immer das Thema der Flächenkonkurrenz mit der Landwirtschaft und daraus folgend die Tank-Teller-Debatte. Zwar ist es widersprüchlich, einerseits eine nachhaltige Energie- und Wärmeversorgung zu fordern und andererseits die nötige Flächennutzung dafür zu verdammen. Aus unserer Sicht hat die Nahrungsmittelproduktion immer Vorrang, niemand hat Interesse an einer Fremdnutzung von landwirtschaftlich nutzbaren Agrarflächen. Außerdem gibt es heute die Möglichkeit, größtenteils Reststoffe zu verwerten und die entstandene Wärme ebenfalls direkt vor Ort zu nutzen, wie wir es bei unserer Anlage im sächsischen Thiendorf machen. Doch im Allgemeinen ist sowohl das Thema als auch die Projektierung sehr komplex, deshalb haben wir beschlossen, aus der Projektentwicklung im Bereich Bioenergie auszusteigen.

ecowoman.de: Sie engagieren sich für eine dezentrale und demokratische Energiewende. Wie machen Sie das möglich und ist die zentralistische Konkurrenz der großen vier Energieversorger nicht erdrückend?

Jens Mühlhaus: Das ist eine gute Frage! Wenn man nur darauf wartet, dass sich die Begleitumstände anpassen, wird lange Zeit gar nichts passieren. Die schwarz-gelbe Regierung und auch die Landesregierungen haben sich in puncto Energiewende trotz ihrer großen Worte ja leider als sehr zauderhaft erwiesen und schrecken immer wieder vor den Investitionen zurück, die für einen Umbau der Energieversorgung einer Wirtschaftsnation einfach unvermeidlich sind. Die Energiewende ruht ganz auf den Schultern derer, die sich nicht abschrecken lassen und trotzdem aktiv werden. Deshalb ist unser Motto in dieser Hinsicht „Wir machen’s einfach!“. Zusammen mit Kommunen und unter Einbindung von privaten Anlegern durch finanzielle Bürgerbeteiligungsmodelle haben wir inzwischen schon 22 Bürgerenergiefonds aufgelegt.

Für die großen vier Energieversorger ist die dezentrale Struktur der Erneuerbaren Energien eigentlich unpassend, diese gestalten sich viel zu kleinteilig. Nicht umsonst sind 51 Prozent der Erneuerbaren Energieanlagen in Deutschland im Besitz von Privatpersonen und Landwirten. Die vier großen Energieversorger können aktuell nur mit 6,5 Prozent dagegenhalten. Trotzdem versuchen diese Konzerne, die ja aktuell auch die Netze besitzen, weiterhin alles, um die Einspeisung der Erneuerbaren Energien ins Gesamtnetz zu verzögern und so schwierig wie möglich zu gestalten. Das ist wirklich sehr hinderlich.

ecowoman.de: Sie bieten Ihre erneuerbaren Energieanlagen als finanzielle Bürgerbeteiligungen an. Die Renditen liegen bei 5-8 Prozent, sind sie in anderen Anlagebereichen nicht noch attraktiver?

Jens Mühlhaus: An der Rendite lässt sich im Allgemeinen das Risiko einer Geldanlage ablesen. Da es sich bei Erneuerbaren Energieanlagen um Sachwerte mit einem realen Gegenwert handelt und die Erträge durch die zwanzigjährig garantierte Einspeisevergütung relativ gut kalkulierbar sind, ist das Risiko dieser Geldanlage ziemlich überschaubar. Außerdem herrscht zumindest bei KG- oder Genussrechtsmodellen meist keine Nachschusspflicht, vielmehr haftet der Anleger oft nur mit einem Bruchteil seiner Einlage. Trotzdem bewegen sich die Ausschüttungen für diese relativ risikoarme Investition im oberen Mittelfeld. Natürlich gibt es Geldanlagen mit höherer Rendite. Aber man muss davon ausgehen, dass zum einen mit der Rendite das Totalverlustrisiko steigt und zum anderen in diesen Fällen kein großer Wert auf die Nachhaltigkeit des Investitionszieles gelegt wird. In heutigen Zeiten der finanziellen Unsicherheit können wir einen klaren Trend hin zu transparenten und moralisch korrekten Geldanlagen erkennen. So haben wir unseren Solarpark Weißenfels mit ca. 5 Mio. Euro Kommanditkapital in weniger als drei Monaten platziert. Auch die Nachfrage nach unserem aktuellen Fonds Wasserkraft Frankreich ist enorm, der Zeichnungsstand liegt hier wenige Monate nach Emissionsstart schon bei rund 7 Mio. Euro.

ecowoman.de: Sie vertreten die Ansicht, dass die Energiewende von unten kommen muss. Wie unterstützen Sie die Kommunen bei der lokalen Energiewende?

Jens Mühlhaus: Die Städte und Kommunen und ihre Bürger sind der Stützpfeiler der deutschen Energiewende. Häufig ist es so, dass sie etwas für die eigene Energieeffizienz, einen Verminderten CO2-Ausstoß und den Ausbau der lokalen erneuerbaren Potentiale tun wollen, ihnen aber schlichtweg das Knowhow für die professionelle Umsetzung fehlt. Diesen Beratungsbedarf haben wir erkannt und bieten deshalb seit 2008 mit unserem Bereich der Kommunalen Energieberatung aktive Unterstützung bei der lokalen Energiewende. Durch Integrierte Klimaschutzkonzepte und Energienutzungspläne erstellen wir in Zusammenarbeit mit lokalen Experten und der Bürgerschaft handlungsorientierte Maßnahmenpläne, die genau auf die Bedürfnisse und Potentiale der jeweiligen Kommune zugeschnitten sind. Die Nachfrage ist sehr hoch, die Kollegen sind rund um die Uhr beschäftigt.

ecowoman.de: Was muss noch geschehen, damit die deutsche Energiewende funktioniert?

Jens Mühlhaus: Vor allem muss sich die Haltung der Politik ändern. Natürlich muss die Energiewende bezahlbar bleiben, keine Frage, aber es sollte doch auch offengelegt werden, wie hoch der Preis von atomarem und fossilem Strom inklusive aller verdeckter Nachfolgekosten liegt. Es ist nicht zu vermeiden, dass bei einer derartigen Umstrukturierung, die Studien zufolge wohlgemerkt ein Großteil der Deutschen unterstützt, gewisse Kosten auftreten. Wer anderes annimmt, denkt nicht realistisch. Schön ist doch, dass ein so hoher Teil der Investitionen aus der Tasche von privaten Kleinanlegern fließt. Das Argument, dass die Netze nicht im erforderlichen Maße ausgebaut sind, zieht hier nicht, denn das ist ein Versäumnis, das ganz klar absehbar war. Die Bundesnetzagentur hat schon vor Jahren Netzausbauszenarien vorgestellt und angemahnt.

Die Strompreisfrage ist natürlich zu Recht ein Diskussionsthema. Der Strom muss für die Menschen bezahlbar bleiben. Oft wird der Ausbau Erneuerbarer Energien als Strompreistreiber verantwortlich gemacht. Das ist so aber nicht ganz richtig. Die EEG-Umlage macht nur ein Teil des Strompreises aus und die Strompreise sind von 2000 bis 2012 um 12 Cent/kWh gestiegen sind, während die EEG-Umlage in der gleichen Zeit nur um knapp 3,4 Cent/kWh stieg. Und auch bei der Erhöhung der EEG-Umlage spielt der Ausbau der Erneuerbaren Energien eine untergeordnete kausale Rolle. Kostensteigernd sind in diesem Rahmen vielmehr die Umlage-Befreiungen für die energieintensive Industrie und der gesunkene Börsenstrompreis. Berechnungen des Bundesverbands Erneuerbarer Energien zufolge steigt der reine Förderanteil der EEG-Umlage für Erneuerbare Energien zum Jahr 2013 nur um 0,2 Cent von aktuell 2,1 Cent auf 2,3 Cent pro kWh, während die gesamte EEG-Umlage von 3,59 auf über 5 Cent pro kWh ansteigen wird. Energie wird insgesamt teurer. Auch daran lässt sich ablesen, dass die fossilen Ressourcen endlich sind und der Umstieg auf Erneuerbare Energien wirklich nötig ist. Zum Beispiel stiegen in den letzten 12 Jahren die Heizöl-Preise für einen durchschnittlichen Haushalt um 120 Prozent, die Preise für Benzin um knapp 70 Prozent und die Preise für Strom ebenfalls um 70 Prozent. Wir müssen also auch überlegen, wie wir unseren Energieverbrauch generell eindämmen können. Zusammengefasst lässt sich sagen: Es muss auf jeden Fall noch viel geschehen, aber die Energiewende läuft und über kurz oder lang werden wir sie auf jeden Fall schaffen!

Interview von: Peter Rensch