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Upcycling Deutschlandschal
Neue Lieblingsstücke

Upcycling-Design aus Lieblingsstücken: Bis es mir vom Leibe fällt aus Berlin

„Bis es mir vom Leibe fällt“ ist halb Fashionlabel, halb politisch-soziale D.I.Y.-Instanz und nimmt seit Jahren eine Ausnahmeposition in der modeversierten Upcycling-Szene rund um Kleider ein. Wer hinter dem Berliner Veränderungsatelier steckt, was für Kunden das sind, die ihre alten Lieblingsstücke zur Umgestaltung in neuem Design freigeben und warum das Thema Wissenstransfer im eigenen Selbstverständnis eine so große Rolle spielt, hat ecowoman.de im Interview geklärt.

Nachhaltigleben.de: Wann und von wem wurde das Veränderungsatelier ‚Bis es mir vom Leibe fällt’ gegründet und welche Idee steckt dahinter?

Bis es mir vom Leibe fällt: Elisabeth ‚Lisa’ Prantner, die Gründerin von "Bis es mir vom Leibe fällt" betreibt seit über 20 Jahren das Berliner Modelabel ‚Lisa D.’. Teil des Projekts war immer Geschichten rund um die Mode zu erzählen – lustvoll, performativ und eigentlich immer auch mit einem Bezug zu den politisch-sozialen Gegebenheiten der Branche. In den letzten zehn Jahren ging es vor allem um das Phänomen des ‚Green Washing’, beispielsweise im Rahmen der ‚Dry Clean Show, sowie um die Produktionsbedingungen im textilen Bereich mit all ihren Widersprüchen. Nach diesen Shows war Lisa klar, dass sie, um eine Veränderung zu erreichen, ins Leben musste – raus aus dem Kunstraum, runter von der Bühne, weg von der reinen Kritik und hin zu den Menschen. Bei dieser Neuausrichtung standen folgende Fragen im Vordergrund:

  • Wie kann ich Menschen dazu bringen, Handarbeit wieder eine größere Wertschätzung entgegenzubringen?
  • Wie gewinne ich Handlungsfähigkeit und Definitionsmacht über die Mode wieder?
  • Wie kann ich große Strukturen umgehen und ökologisch produzieren?
  • Wie kontrolliere ich meine Produktionskette?
  • Wie mache ich aus Konsumenten Mitgestaltern?
  • Wie definiere ich meine Herangehensweise an das Thema Design neu?
  • Wie umgehe ich die kostenintensiven und immer schneller werdenden Kollektionszyklen?

Die Antwort auf all diese Fragen gibt das Veränderungsatelier ‚Bis es mir vom Leibe fällt’.

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Upcycling Pullover

Die Besitzerin dieses Pullovers hat mit dem neuen Design wieder gut lachen. ©Bis es mir vom Leibe fällt

Aus Alt mach Neu

Entsteht das Neue aus dem Alten ausschließlich im Kundenauftrag oder bietet Ihr auch reguläre Upcycling-Styles an? Fungieren Eure beiden Berliner Dependancen dabei eher als Shops oder als Ateliers?

Um die Läden ansprechend zu gestalten und den KundInnen einige Upcycling-Ideen präsentieren zu können, gibt es bei uns natürlich auch Styles zu sehen und zu erwerben, die keine Maßanfertigungen sind. Die beiden Shops sind dabei sowohl Atelier als auch Geschäft. Auch die Arbeitsplätze, an denen die ‚Veränderungen’ ausgeführt werden, befinden sich in den Räumlichkeiten. Der Kunde sieht also auch, wo und wie sein Lieblingsstück wachgeküsst wird.

Inwieweit integriert Ihr den Kunden mit in den Designprozess?

Es ist uns sehr wichtig, dass sich die KundInnen in den Designprozess mit einbringen können. Schließlich geht es ja um Lieblingsstücke. Die besten Ideen und Entwürfe entstehen meistens während der Besprechung mit den KundInnen. Hier wird dann festgelegt, was verändert werden soll und mit welchen Materialien gearbeitet wird.

Jeansjacke Bis es mir vom Leibe fällt

Auch dieser Jeansjacke wurde neues Leben eingehaucht. © Bis es mir vom Leibe fällt

Arbeitet Ihr dabei ausschließlich mit Stoffen, die Euch von Kunden zur Verfügung gestellt werden?

Wir verwenden nicht nur die von den KundInnen mitgebrachte Stoffe, sondern auch Materialspenden, die wir mittlerweile immer häufiger bekommen. Zudem werden auch Restposten aus den alten Lisa D. Kollektionen verarbeitet.

Eure Unikate haben sicherlich ihren Preis. Wie tief muss man als Kunde in die Tasche greifen, um ein echtes ‚Bis es mir vom Leibe fällt’-Piece zu erstehen?

Die Preise der Veränderungen richten sich nach Arbeits- und Materialaufwand. Je nach Größe des Auftrags hatten wir Preise von 3 bis 500 €. Einen typischen ‚Bis es mir vom Leibe fällt’-Träger gibt es eigentlich nicht. Unsere KundInnen sind zwischen 7 und 95 Jahre und mal männlich, mal weiblich. Meist wird bereits bei der Abholung des neuen/alten Lieblingsstücks ein neuer ‚Problemfall’ mitgebracht. Eine Entwicklung, die natürlich toll ist. Im Laufe der letzten drei Jahre haben wir einen Kundenstock von circa 1.500 Menschen aufgebaut.

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Upcycling Bis es mir vom Leibe fällt

Bei Bis es mir vom Leibe fällt wird alten Klamotten der Kampf für ein neues Leben angesagt. ©Bis es mir vom Leibe fällt

Upcycling liegt im Trend

Ihr seid für Eure Arbeit schon mit diversen Preisen ausgezeichnet worden. Helfen Preisverleihungen dabei das Thema Re- und Upcycling weiter nach vorn zu schieben?

In den letzten Jahren hat sich in puncto Upcycling wirklich einiges getan. Im Ethical Showroom, einer Messe, die im Rahmen der Berlin Fashion Week stattfindet, präsentieren beispielsweise verschiedenste Label ihre Upcycle-Designs und natürlich tragen auch die ausgelobten Preise, etwa der Eco Design Award, der Recycling Design Award, der Deutsche Nachhaltigkeitspreis oder der ZEIT WISSEN Mut-zur-Nachhaltigkeit-Preis, erheblich zur Verbreitung des Upcycling-Gedankens bei. Das Interesse wächst, aber die Idee nachhaltig zu arbeiten und zu leben ist dennoch noch lange nicht in allen Bereichen der Gesellschaft angekommen. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns und es ist gut zu wissen, dass wir ihn nicht allein gehen.

Neben den alltäglichen Arbeiten am Stoff setzt Ihr auch auf Vorträge und Wissenstransfer. Wie werden Eure Workshops und Vorträge angenommen?

In der Vergangenheit haben wir vor allem mit verschiedenen Festivals und Messen zusammengearbeitet und dort Vorträge gehalten bzw. Workshops organisiert. Auffallend ist diese Skepsis mit der man sich erst einmal auseinandersetzen muss und interessant, wie schnell und spielerisch Ideen in Fluss kommen, wenn man erst einmal einige grundlegende Dinge zum Thema erklärt hat. In den kommenden Monaten planen wir in Berlin einige Workshops im kleineren Rahmen und zu verschiedenen Aspekten des Upcyclings.

Vielen Dank für das Interview. Gibt es noch etwas zu sagen?

Gern geschehen. UP-geht’s!

Interview: Andreas Grüter