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Kinder in Jeans
Streit um Testergebnisse bei Kinderjeans

Kann man Öko-Test noch vertrauen ?

Das Magazin ÖKO-TEST hat 21 Kinderjeans untersuchen lassen. Getestet wurde, unter anderem, ob die Hosen gesund­heits­gefährdende Chemikalien enthalten. Ausgerechnet bei einigen nachhaltigen Textilmarken wurde ÖKO-TEST fündig. Doch der Verband der Naturtextilwirtschaft schlägt zurück.

Jeans sind praktisch, robust und zeitlos. Doch ihre Herstellung steht leider oft in engem Zusammenhang mit Ausbeutung, Umweltverschmutzung und gesundheitsgefährdenden Substanzen.

Wie wir bereits berichtet haben, wurden in der Januarausgabe des Magazins ÖKO-TEST 21 Kinderjeans unter die Lupe genommen. Darunter waren bekannte Marken und günstige Hosen von Textildiscountern, sowie Jeans von Versandhändlern und zertifizierten Naturtextilien. Neben den Produktionsbedingungen wurden die Kinderjeans auch auf Materialeigenschafen, Transparenz und gefährliche Inhalts­stoffe getestet.

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Das Test-Ergebnis

In der Kategorie Gebrauchseigenschaften schnitten die meisten Hosen gut ab. Um herauszufinden, wie es um die unternehmerische Verantwortung der Hersteller steht, mussten Fragebögen ausgefüllt werden, in denen Auskunft zu Lieferkette, sozialer Verantwortung und Arbeitssicherheit gegeben werden sollte. Nur wenige der Anbieter haben zur Zufriedenheit von Öko-Test geantwortet.

Beim Test auf schädliche Inhaltsstoffe, ließ Öko-Test auf Formaldehyd testen, das in keiner der Jeans gefunden wurde. Optische Aufheller hingegen, fand man in allen Hosen, bis auf einer. Halogenorganische Verbindungen, die Allergien auslösen und Krebs erzeugen können, wurden in 9 der 21 getesteten Produkte gefunden, Nonylphenol – ein Umweltgift – steckte in nur einer Jeans.

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In zehn der getesteten Kinderjeans wurde ein weiterer bedenklicher Stoff gefunden: Anilin. Anilin ist ein aromatisches Amin, das als Farbbaustein in Blue Jeans verwendet wird. Auch wenn man Anilin nicht als Substanz beim Färben einsetzt, kann es im Prozess durch Auseinanderbrechen von Molekülen entstehen. Obwohl es unter Krebsverdacht steht, gibt es derzeit keinen Grenzwert für Anilin in Gebrauchsgegenständen. Die bloße Nachweisbarkeit der Chemikalie veranlasste ÖKO-TEST daher, die Hosen um 4 Notenpunkte herabzusetzen. „Farbstoff­bestandteile, die unter Krebsverdacht stehen, haben nichts in Kinderkleidung verloren. Deswegen werten wir Anilin rigoros ab“, so die Aussage des Magazins.

ÖKO-TEST bedient sich falscher Testverfahren

Da in dem Test auch zertifizierte Na­tur­tex­ti­lien durchfielen, schlägt der Inter­natio­nale Verband der Na­tur­tex­til­wirt­schaft e.V. (IVN) zurück und behauptet, „Ökotest bediene sich falscher Testverfahren“.

Der Global Organic Textile Standard (GOTS) und der IVN BEST verbieten den Einsatz von Anilin vollständig. Allerdings wissen die Standardgeber auch, dass ohne den eigentlichen Einsatz der Chemikalie, Anilin-Rückstände in Produkten gefunden werden können. Grund dafür sind die bereits beschriebene Entstehung im Prozess, sowie unbeabsichtigte Verun­reinigungen.

Vor diesem Hintergrund setzen die beiden als anspruchsvoll bekannten Standards einen Grenzwert von 100 mg/kg. In diesem Grenzwert sehen beide Standards eine ausreichend strenge Begrenzung, um die Sicherheit der Verbraucher zu gewährleisten.

Die Öko-Tester legen jedoch offenbar eigene Maßstäbe an

Sie testeten weder auf freies Anilin, was bei Kinderjeans sinnvoll gewesen wäre, denn das ist die Form der Chemikalie, die sich auf die Gesundheit auswirken kann, noch auf die Menge des enthaltenen Anilins. Letztendlich bewertete ÖKO-TEST nur, ob sich Anilin überhaupt im Produkt befindet. Die Nachweisgrenze für Anilin liegt bei 5 mg/kg.

Dieses Verfahren wirft Fragen beim IVN auf: „Warum wurde ausgerechnet auf Anilin untersucht, da es doch einige andere Substanzen in Kinderjeans gibt, die als eindeutig krebserregend eingestuft wurden und nicht nur als potentiell krebserregend […] Zweitens führt diese Bewertung dazu, dass Produkte, die eigentlich mit gut oder sehr gut getestet wurden, wegen einer gerade eben so nachweisbaren Anilinbelastung mit mangelhaft abschneiden.“

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Spielt ÖKO-TEST der konventionellen Kindermode in die Hände?

Von der schlechten Bewertung betroffene Unternehmen, wie Hess Natur, ließen ihre Jeans in unabhängigen Laboren erneut untersuchen und konnten kein Anilin finden. Das spricht dafür, dass zuvor nicht auf freies Anilin getestet wurde.

Verärgert über den „eigenen Fantasiegrenzwert“, den ÖKO-TEST setzt, wirft die Naturtextilwirtschaft ÖKO-TEST vor, die Verbraucher mit solchen Grenzwerten zu verwirren und zu verunsichern: „Schützende Gesetze, vertrauenswürdige Standards und fundierte Grenzwerte werden in Frage gestellt. Anbietern von Kindermode, die seit vielen Jahren als nachhaltig und verbraucherorientiert bekannt sind, wird das Vertrauen entzogen und besorgte Eltern greifen lieber zur konventionellen Billighose, die möglicherweise noch schlimmer mit anderen gefährlichen Substanzen belastet ist und unter schlechten sozialen und Umweltbedingungen produziert wurde.“

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Quellen: Verband der Naturtextilwirtschaft, Bilder: Depositphotos/annanahabed, Text: Meike Riebe