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Nachhaltigleben.de Kommentar: Wulff, Hoeneß, Profalla: Transparenz und Anstand in Fußball und Politik?

Wird der kleine Steuerzahler anders behandelt als ein Fußballweltmeister? Was haben ein Ex-Bundespräsident, Ex-Kanzleramtschef und Ex-Fußballprofi gemeinsam und warum werden ihre Fettnäpfchen so unterschiedlich bewertet? Sind Transparenz, Ehrlichkeit, Moral und Ethik in unserer Gesellschaft überhaupt noch vorhanden?

Der „kleine Mann“ ist größer geworden. War es dem gemeinen Bürger in den Vor-Internetzeiten kaum möglich auf den Putz zu hauen und seine Meinung einer Masse mitzuteilen, kann er heute twittern, posten, mailen und ein wahres Gewitter im Netz entfachen. Social Media hat die Gesellschaft offener gemacht und die Selbstdarstellung in Facebook & Co. gleicht einer prostitutionsähnlichen Darstellung. Liebesbeziehungen, Krankheiten, Arbeitslosigkeit, Familienstreits, Mobbing, Kinderkriegen, Sitzenbleiben, nahezu alles wird den „Freunden“ mitgeteilt und im Äther des Webs verbreitet. Erinnern Sie sich noch an die Zeiten, in denen gegen die Volkszählung auf die Barrikaden gegangen wurde? Im Gegensatz zu den Daten, die damals abgefragt wurden, ist der tägliche Lebens-Striptease auf Facebook eine Kleinigkeit. Offenheit, Transparenz und „Ehrlichkeit“ heißen die Werte im Netz. Wer offen ist, verlangt dies auch von den anderen, egal, um wen es sich handelt. Lügen werden verachtet wie Hexen im Mittelalter und wer gegen die ungeschriebenen Gesetze in einer völlig vernetzten Gesellschaft verstößt, wird so lange bombardiert bis er den Schwanz einzieht.

Rückzug aus familiären Gründen?

Gegen das Gesetz der Ehrlichkeit und Transparenz hat Ex-Kanzleramtschef Profalla verstoßen. Rückzug aus familiären Gründen lautete sein „ehrenwertes“ Argument als er sein Amt zur Verfügung stellte. Doch dann platzte die Wahrheitsbombe. Der Vertraute von Angela Merkel kehrt dem Berliner Politik-Apparat nicht wegen seiner jungen Lebensgefährtin den Rücken, sondern die Bahn macht ihm den Weg frei zu einer Karriere und einem Vorstandsjob mit Millionensalär. Das stinkt vielen aus zwei Gründen: Warum die Unehrlichkeit beim Ausscheiden und darf es sein, dass ein einflussreicher Politiker, der in seiner Amtszeit stets Pro-Bahn war, nun als vermeintlichen Dank so ein Job-Geschenk annimmt? Die letzte Frage muss jeder für sich beantworten. Aber: Profalla war gegen Ex-Bundeskanzler Schröders Eintritt ins Wirtschafts-Business. Nun geht er den gleichen Weg.

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Der Bonzen-Bonus, Vorteile der Reichen

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Hoeneß und der Fußball gehören zusammen. ©Getty Images Entertainment/ Sascha Baumann

Einen Bonzen-Bonus wollte Ex-Bundespräsident Wulff in Anspruch nehmen, als er beim Chefredakteur der BILD anrief und Berichterstattungen verhindern wollte. Damit schaufelte er sein eigenes Grab. Die Presse nagelte ihn an die Wand wie ein Geweih und freute sich darüber den Pressefeind Wulff mit aus dem Amt gehoben zu haben. Ein leichtes Spiel, denn die Parteikarriere von Wulff war gepflastert mit Ungereimtheiten. Eine Einladung da, ein Urlaub dort und oft mit Personen, die davon Nutzen zogen. Wulff verstand das Spiel der Transparenz kein bisschen. Hätte er frühzeitig Fehler eingestanden und Offenheit gezeigt, der Super-GAU seiner Karriere hätte verhindert werden können. Bonzen-Bonus adé. Wer zu lange an der Unwahrheit festhält und am Posten klebt, fällt tief und später will ihn keiner mehr sehen. Übrigens, alle vorgenannten Personen und auch die nachfolgende haben eines gemeinsam: Sie haben sich nach oben gekämpft, waren auf dem Gipfel und dann riss die Sicherungsleine und sie fielen schneller als sie aufgestiegen waren.

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Fehler zugeben wird von der Community gerne gesehen

Vom Image her fiel auch Uli Hoeneß ins Loch. Steuerhinterziehung! Für kleine Unternehmer ein Vergehen, das sie in den Ruin treiben kann: Steuerbehörden sind gnadenlos, wenn es darum geht Steuerschulden einzutreiben. Hoeneß hat vieles falsch gemacht. Er hat zu lange mit der Selbstanzeige gewartet, doch eines hat er verstanden: Wenn nichts mehr geht, dann hilft nur noch ein Outing: Ich bereue, ich habe Fehler gemacht. Das liest die digitale Gesellschaft gerne. Wenn die Presse dann auch noch die Leistungen eines Fußballgotts in den Fokus rückt, ihn als Hero einer Fußballnation darstellt, kommen auch die Bürger ins Grübeln und können sich einen Bayern-Macher nicht hinter Gittern vorstellen. Da zieht wieder der Bonzen-Bonus. Wenn die Karten gut verteilt sind und der Blätterwald nicht bereit ist einen Promi fallen zu lassen, dann stehen die Chancen gut für eine Rehabilitation. Öffentlichkeit will Transparenz. Der Rechtsstaat nur Gesetze einhalten. Doch bleibt die Frage, ob Richter wirklich immun sind gegen die Wucht der Internetgemeinde und sogenannte „Shitstorms“? Vielleicht sollten wir Internetnutzer uns die Frage stellen, ob wir wirklich zu jedem „Shit“ eine Meinung abgeben müssen und nicht einfach mal neutral bleiben können. Das gilt für Promis ebenso wie für Facebookfreunde.

Text: Peter Rensch