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Nachhaltige Mode

Gütesiegel für nachhaltige Mode: Eine Übersicht

Der Weg zu wirklich ökologisch produzierter Kleidung ist offenbar ein steiniger – und ein sehr weiter. Immerhin hat sich in den letzten Jahren einiges in dieser Richtung getan, dem wachsenden Nachhaltigkeitsbewusstsein der Verbraucher und Initiativen wie der Detox-Kampagne von Greenpeace sei Dank. Trotzdem bleibt es für die Kunden mitunter schwer, nachhaltige und „saubere“ Kleidung zu erkennen. Denn selbst die vielen Gütesiegel sind nicht immer hilfreich.

Die Problematik: Unverträglich für Mensch und Umwelt

Es ist, zugegeben, keine Neuigkeit, dass die Kleidung, die wir alltäglich tragen, mit großer Wahrscheinlichkeit Teil eines Umweltproblems ist. Und zwar eines recht weitreichenden. Allein ein Blick auf die italienische Region Prato gibt schon einen kleinen Eindruck davon, wie schwerwiegend die Thematik der Schadstoffbelastung durch die Textilbranche weltweit sein kann. Dazu kommen schlechte Arbeitsbedingungen bei der Herstellung und der Rohstoffgewinnung. Im Grunde genommen betrifft das Problem also jeden einzelnen Schritt in der Produktionskette:

·         Die Rohfaser-Herstellung

Eigentlich ist es fast egal, welche Art Faser gewonnen wird, als problematisch können sich nämlich sowohl Naturfasern als auch Chemiefasern erweisen. Bei der Produktion von Baumwolle oder ähnlichen Materialien sorgen der Einsatz von genmanipuliertem Saatgut, von giftigen Agrarchemikalien und die oftmals gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen für Schäden an Mensch und Umwelt. Da synthetische Fasern vorwiegend aus Rohöl und unter Einsatz von Chemikalien gewonnen werden, ist die Belastung hier nicht minder groß.

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Die Verarbeitung

Chemikalien sind auch eines der Hauptprobleme im Verarbeitungsprozess: Sie finden beim Bleichen, Färben und Imprägnieren Verwendung. Besonders die nach wie vor weit verbreiteten per- und polyfluorierten Chemikalien (PFC) sind als kritisch betrachten. Sie finden sich vor allem in Outdoor-Bekleidung, der Schutz vor Umwelteinflüssen ist dabei allerdings ein Bumerang – die Chemikalien können nämlich nicht nur während der Herstellung in die Natur gelangen.

Das zweite große Thema bei der Verarbeitung: Die Arbeitsbedingungen, unter denen Veredelungen und Näharbeiten vorgenommen werden. Lange Arbeitszeiten zu niedrigsten Löhnen und minimale Vorkehrungen hinsichtlich des Gesundheitsschutzes und der allgemeinen Sicherheit sind keine Seltenheit.

Die Verarbeitung in der Textilindustrie ist nach wie vor viel zu häufig von schlechten Arbeitsbedingungen geprägt.

Die Verarbeitung in der Textilindustrie ist nach wie vor viel zu häufig von schlechten Arbeitsbedingungen geprägt.

Das Endprodukt

Die Verbraucher sind im Übrigen, wenn auch kaum in dem Maße wie all jene, die an der Produktion beteiligt sind, ebenfalls von den Schädigungen durch die Textilindustrie betroffen. Denn natürlich verschwinden die Chemikalien, die bei der Verarbeitung eingesetzt wurden, nicht beim Kauf. So können giftige Substanzen beim Tragen in den Organismus gelangen, wo sie unter anderem das Immunsystem beeinträchtigen können. Darüber hinaus dünsten die per- und polyfluorierten Kohlenwasserstoffe in die Luft aus oder werden vom Regen ausgewaschen.

Wenig hilfreich ist für den Endverbraucher die Vielzahl von Gütesiegeln, die den Kleidungsstücken in manchen Fällen lediglich ein nachhaltigeres Image geben sollen. Für die Konsumenten ist es aber oft schwierig, die Glaubwürdigkeit solcher Label richtig einzuschätzen. Gerade die äußerst unterschiedlichen Schwerpunkte und Beurteilungskriterien führen nicht selten dazu, dass die Hersteller in erster Linie sogenanntes „Greenwashing“ betreiben, ohne tatsächlich für mehr Nachhaltigkeit zu sorgen.

Die Hilfestellung: Gütesiegel in der Textilbranche

Ärgerlich ist dieses Vorgehen besonders für Kunden, die beim Klamottenkauf explizit auf derartige Gütesiegel achten – in der festen Annahme, damit wirklich zu mehr Nachhaltigkeit beitragen zu können. Dass die Label zahlenmäßig immer mehr zunehmen und teilweise direkt von den Herstellerfirmen, ohne unabhängige Prüfungsinstanzen, ins Leben gerufen werden, erleichtert die Orientierung auch nicht gerade. Dennoch gibt es einige seriöse Siegel, die durchaus als Leitfaden zurate gezogen werden können. Die unterschiedliche Gewichtung von ökologischen und sozialen Kriterien bleibt aber auch dabei zu beachten.

Gütesiegel für Sozialstandards

Fairtrade Certified Cotton

Eines der vielleicht bekanntesten Gütesiegel überhaupt ist das Fairtrade-Label. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass die Aktivitäten der Nationalen Fairtrade Organisationen sich auf den weltweiten Handel erstrecken und dabei branchenübergreifend angelegt sind. Die Zielsetzung umfasst hauptsächlich die Förderung der sozialen, ökologischen und ökonomischen Entwicklung in den Rohstoff-produzierenden Ländern. 

Das Fairtrade-Label garantiert zumindest die Einhaltung sozialer Mindeststandards bei der Gewinnung von Baumwolle für die Textilindustrie.

Das Fairtrade-Label garantiert zumindest die Einhaltung sozialer Mindeststandards bei der Gewinnung von Baumwolle für die Textilindustrie.

Deshalb steht das Label unter anderem für faire Arbeitsbedingungen und langfristige Handelsbeziehungen. Ein fester Mindestpreis zur Deckung der Kosten einer nachhaltigen Produktion, Prämien für gemeinschaftliche Projekte, das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit sowie von Diskriminierung gehören ebenso zum Maßnahmenkatalog wie bestimmte Umweltstandards. Hier geht es zum einen um die Durchsetzung von Preisaufschlägen für biologisch angebaute Produkte und eine Einschränkung bzw. ein Verbot von Chemikalien und gentechnisch veränderten Saaten. Maßgebend für die Standards ist die Dachorganisation Fairtrade International.

All das gilt natürlich auch für die Baumwollproduktion, das Label für Klamotten gibt es in Deutschland seit 2008. Der Fokus liegt dabei zwar vor allem auf der Unterstützung der Baumwollproduzenten, allerdings überprüfen lokale Audit-Teams auch die weiterverarbeitenden Betriebe.

Fair Wear Foundation (FWF)

Die verarbeitenden Betriebe sind hingegen der Aufgabenbereich der Fair Wear Foundation, die 1999 in den Niederlanden gegründet wurde. Hierbei handelt es sich um eine Kooperation bestehend aus Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften sowie Wirtschafts- und Handelsverbänden. Durch den Anschluss verschiedener Unternehmen gehören zahlreiche namhafte Marken (unter anderem Jack Wolfskin, Vaude oder Hess Natur) zu dieser Arbeitsgemeinschaft. Daneben werden lokale Organisationen in die Zusammenarbeit mit eingebunden.

Dadurch versucht die FWF eine Verbesserung der sozialen Bedingungen in den Nähfabriken, den Subunternehmen und bei den Lieferanten zu erreichen. Die Grundlage hierfür ist der „Code of Labour Practices“, also ein Leitfaden für die Arbeitsprozesse. Der wiederum beruht auf den Forderungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Die wurden zu acht verbindlichen Punkten zusammengeführt:

·         Freie Wahl des Arbeitsplatzes

·         Keine Diskriminierung bei der Beschäftigung

·         Keine ausbeutende Kinderarbeit

·         Versammlungsfreiheit und das Recht auf Tarifverhandlungen

·         Zahlung eines existenzsichernden Lohnes

·         Begrenzung der Arbeitszeit

·         Sichere und gesunde Arbeitsbedingungen

·         Rechtsverbindlicher Arbeitsvertrag

Das Label für Kleidungsstücke wird nur dann vergeben, wenn ein Unternehmen länger als ein Jahr der FWF angehört und bei der Überprüfung in die beste Kategorie eingestuft wurde.

Gütesiegel für Ökostandards

Ökostandards dienen der Überprüfbarkeit der Chemikalien, die beispielsweise bei Outdoorbekleidung für wasserabweisende Oberflächen sorgen.

Ökostandards dienen der Überprüfbarkeit der Chemikalien, die beispielsweise bei Outdoorbekleidung für wasserabweisende Oberflächen sorgen.

Bluesign

Der Bluesign Standard kommt aus der Schweiz und vereint Wissenschaft, Politik, Industrie, Handel sowie Verbraucher- und Umweltschutzorganisationen. Das Label selber setzt auf Ganzheitlichkeit bei der Erfüllung der Standards. Das heißt, der Einsatz gilt unter anderem auch den sozialen Bedingungen: Hauptsächlich werden Schulungen bezüglich des richtigen Umgangs mit gefährlichen Schadstoffen werden angeboten, einige Aspekte der Arbeitssicherheit gehören aber zugleich in die Kategorie möglicher Umweltauswirkungen (beispielsweise die Lagerung von Gefahrenstoffen).

Die ökologischen Faktoren des Produktionsprozesses, bei dem verschiedene Verarbeitungsebenen berücksichtigt werden, stehen ohnehin im Fokus von Bluesign. Hier geht es um eine ressourcenschonende Herstellung, sowohl hinsichtlich des Energieaufwands und des Materialeinsatzes. Zu diesem Feld gehören aber auch Vorgaben bezüglich des Ausstoßes von CO2-Emissionen und eine Einschränkung der Verschmutzung der Gewässer. Zu diesem Zweck werden Richtlinien für die eingesetzten Chemikalien ausgegeben, die immer an allen Produktionsstandorten überprüft werden.

Global Organic Textile Standard (GOTS)

Die internationale Arbeitsgruppe, die hinter dem Global Organic Textile Standard steht, wurde 2006 durch einen Zusammenschluss des Internationalen Verbands der Naturtextilwirtschaft (Deutschland), der Soil Association (England), der Organic Trade Association (USA) und der Japan Organic Cotton Association ins Leben gerufen. Wie der Name des Standards schon andeutet, sollte damit eine größere Übersichtlichkeit und Vereinheitlichung geschaffen werden. Der frühere „IVN zertifiziert“-Standard lieferte die Vorlage für den GOTS.

Das Siegel wird in zwei unterschiedlichen Abstufungen vergeben:

·         Für das „GOTS organic“ muss ein Kleidungsstück zu mindestens 95 Prozent aus Fasern aus zertifiziertem Bio-Anbau stammen oder aus einem Anbau, der sich in der Umstellung auf Bio befindet.

·         Beim „GOTS made with X % organic materials“ ist immer noch ein Anteil von 70 Prozent Bio-Fasern vorgesehen, bei den restlichen 30 Prozent darf der Anteil der synthetischen Fasern allerdings nicht über 10 Prozent liegen.

Einziger Kritikpunkt: Bei der Veredelung sind bestimmte Chemikalien erlaubt, beispielsweise Natronlauge, mit der das Baumwollgarn zum Glänzen gebracht wird.

Neben den ökologischen Standards haben die Textilunternehmen ebenfalls eine betriebliche Strategie zur sozialen Verantwortung vorzuweisen. Als Richtlinien dienen hier in weiten Teilen die Vorgaben der Internationalen Arbeitsorganisation.

„Blauer Engel“ für Textilien

Schon seit 1978 gibt es mit dem Blauen Engel ein staatliches Umweltlabel, der entsprechende Textilstandard wurde 2011 eingeführt. Die Vergabe des Siegels ist an umfassende Kriterien gebunden, die Berücksichtigung von Umweltfaktoren alleine ist hierfür nicht ausreichend, die Arbeitsnormen gemäß der Internationalen Arbeiterorganisation müssen ebenso eingehalten werden.

Ansonsten enthält der Blaue Engel-Standard sowohl für Naturfasern als auch für Synthetikfasern vergleichsweise strenge Regelungen. So sind zum Beispiel alle Detox-Chemikalien verboten, eine Vielzahl der Einzelsubstanzen ist im Sinne einer besseren Überprüfbarkeit ausdrücklich angeführt. Leider sind nicht für alle Chemikalien Grenzwerte hinterlegt bzw. könnten diese im Vergleich mit anderen Gütesiegeln noch niedriger angesetzt werden. Der Grund hierfür liegt möglicherweise darin, dass es seit der Einführung des Standards keine Erneuerung mehr gab, weswegen die Angaben in mancherlei Hinsicht schon nicht mehr der aktuellen Situation entsprechen.

Ein weiterer großer Nachteil: Nach wie vor gibt es keinen Lizenznehmer, folglich sind bislang auch noch keine Produkte mit dem Blauen Engel ausgezeichnet.

Die Aussichten: Die langsame Entwicklung zu nachhaltiger Textilproduktion

Das Problem mit dem Kauf (oder zumindest dem Wunsch danach) nachhaltiger Kleidung können leider auch die Gütesiegel nicht befriedigend lösen. Das liegt vor allem an den uneinheitlichen Standards, die hinter den einzelnen Labeln stehen. Eine Garantie für restlos schadstofffreie Textilien gibt es daher für die Verbraucher nicht.

Besser auf Schnäppchen verzichten: Kinderbekleidung vom Discounter ist auffallend oft mit giftigen Schadstoffen belastet.

Besser auf Schnäppchen verzichten: Kinderbekleidung vom Discounter ist auffallend oft mit giftigen Schadstoffen belastet.

Noch dazu sind gerade die vermeintlichen Schnäppchen der Discounter am ehesten mit Chemikalien belastet. Betroffen sind dadurch aber nicht allein die Kinder, die diese Kleidung tragen, sondern alle unmittelbar Beteiligten entlang der textilen Kette – von der Umwelt ganz zu schweigen. Immerhin, das oben genannte Beispiel von Prato und die Bemühungen der Outdoor-Bekleidungsbranche (die in dieser Hinsicht ohnehin unter verschärfter Beobachtung steht) zeigen einen Trend hin zu einer umweltverträglicheren Produktion. Die Zeiträume zum Erreichen dieses Ziels dürften aber gerne kürzer sein.

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Bilder:  fotolia.com © malp, © Kzenon, © photocrew, © gpointstudio, © TravelPhotography, Text: red