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Felix zu Löwenstein: «Auch die Politik muss mitarbeiten!»

Gerade hat die Weltbevölkerung die Sieben-Milliarden-Marke überschritten. Dies stellt die ganze Welt vor das Problem, wie können alle satt werden? Der Buchautor Felix zu Löwenstein behauptet, dass wir uns künftig entweder ökologisch ernähren werden – oder gar nicht mehr.

Ein wichtiger Faktor auf dem Weg zu einer ökologischen Ernährung ist nach Felix zu Löwenstein der Konsument: Also Sie, ich und er selbst natürlich auch. Lesen Sie im Interview, wie er das begründet!

Herr Löwenstein, Sie prangern in Ihrem Buch an, dass es immer heißt, die bald neun Milliarden Menschen auf der Welt wären nur mit einer massiven Produktionssteigerung durch eine industrielle Landwirtschaft satt zu bekommen. Inwieweit sind «wir» mitschuldig etwa an der aktuellen Ernährungskrise am Horn von Afrika?

Auch wenn die unmittelbare Ursache für diese Hungerkatastrophe eine schreckliche Dürreperiode und – vielleicht noch mehr – furchtbar ungerechte politische Verhältnisse sind, so gibt es doch auch einen Zusammenhang mit unserer Lebensweise: Die Häufung extremer Witterungsereignisse ist eine der Folgen des Kimawandels. An dem hat die konventionelle Landwirtschaft einen erheblichen Anteil, aufgrund des Energieverbrauchs bei der Herstellung von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln. Durch die Freisetzung von CO2 und den Abbau von Humus. Ebenso durch die Abholzung von Regenwäldern in Südamerika, damit dort Futter für unsere Massentierhaltung angebaut wird. Am ungerechtesten ist dabei, dass die Leidtragenden des Klimawandels vor allem die sind, die ihn nicht verursacht haben: die Länder des Südens. Dass wir so viel an Nahrung, Futtermitteln und Energiepflanzen verbrauchen, führt noch zu einem anderen Phänomen, von dem gerade im Zusammenhang mit Äthiopien in diesen Tagen die Rede war: «Land Grabbing»: Große Konzerne aus den Industrie- und Schwellenstaaten reißen sich fruchtbares Ackerland unter den Nagel und produzieren dort für unsere Märkte. Die äthiopischen Bauern werden dafür von ihrem Land vertrieben, stehen hungernd am Zaun und sehen zu, wie auf ihrem Acker Schnittblumen für Europa wachsen…. Zu behaupten, wir müssten mehr produzieren, damit die armen Menschen in Afrika mehr zu essen bekommen, ist in diesem Zusammenhang schon ziemlich zynisch!

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Wer sich ändern muss, fragt ein Kapitel Ihres Buches daher folgerichtig. Und die Antwort ist: «Sie. Und ich.» Was meinen Sie damit konkret?

Unsere Art der Ernährung beeinflusst die Art und Weise, wie Essen erzeugt wird. Das heißt im Umkehrschluss, jeder kann durch seinen eigenen Einkauf beeinflussen, wie die Landwirtschaft stattfindet. Das bedeutet: Wenn ich ökologisch einkaufe, fördere ich die ökologische Landwirtschaft – und damit weniger Input und weniger Kollateralschäden. Wer sich Bio-Fleisch kauft, isst weniger Fleisch, weil es deutlich mehr kostet. Das hilft seiner Gesundheit und das hilft der Welt. Wer darauf achtet, regionale Bioprodukte und die auch noch möglichst saisonal zu kaufen, hat schon sehr viel richtig gemacht. Aber es muss zugleich klar sein, dass das alleine das Ruder nicht herum reisst.

Wer kann denn noch dabei mitwirken?

Auch die Politik muss an der Transformation hin zu einer weltweit nachhaltigen Landwirtschaft mitarbeiten! Sie muss dafür sorgen, dass die Komplettkosten der Produktion dem Preis zugerechnet werden. Das ist einfacher gesagt als getan. Wenn jedoch Schluss wäre damit, dass ein Teil der Kosten in der Natur entsorgt wird, dann würde sich Vieles über den Preis der Waren regeln. So kommt wieder der Verbraucher ins Spiel: Politik kann nur das tun, wofür sie nicht an der Wahlurne bestraft wird. Das bedeutet ein Bewusstseinswandel in der Bevölkerung ist die Voraussetzung dafür, dass die Politik das Richtige tut.


Aus der Nestlé-Ernährungsstudie ging hervor, dass die Menschen immer öfter zeitlich flexibel und unterwegs essen, was dazu führt, dass immer mehr Convenience Food auf den Markt kommt. Viele kochen nicht mehr, wissen daher auch nicht, was sie aus einem Kürbis alles zaubern können. Wie soll nun bei der Lage sozusagen eine Umschulung zu naturbelassenen Lebensmitteln stattfinden und damit eine Veränderung der Nachfrage beim Konsumenten?

Das ist wirklich eine sehr wichtige Frage. Früher hätte ich gesagt, das ist Aufgabe der Familie. Aber Familie in der Form existiert immer weniger. Von daher müssen neue Weg gefunden werden, tradierte Kenntnisse und Erfahrungen über Ernährung weiter zu geben etwa über gemeinsames Kochen in Kindergarten und Schule oder sogar in Restaurants. Es gibt heutzutage für Städter so interessante Projekte wie Urban Farming. Da wird mitten in Berlin auf winzigen Flächen Gemüseanbau betrieben. So etwas schafft ein Bewusstsein für die Art und Weise, wie etwas produziert wird und wo es herkommt.

...zugleich hört man den deutschen Verbraucher immer sagen: Ach! Das ist aber teuer! Während unsere Nachbarn wie die Franzosen diese Frage beim Essen nicht stellen...

Wir geben heute nur noch ein Zehntel unseres Einkommens für Essen aus – insofern ist die Frage nach teuer oder nicht teuer bei der Ernährung eher eine Frage der Priorität.

Ich bin aber sicher, dass wir mit den nötigen Veränderungen nicht auf den Bewußtseinswandel der kompletten Bevölkerung warten können. Nehmen Sie das Beispiel Energiewende. Da ist längst akzeptiert, dass wir den Klimawandel nicht verhindern, indem einige Leute freiwillig Stand By Geräte abschalten oder Fahrrad fahren. Deshalb verteuert die Politik die Energie und regt so zum Sparen und gleichzeitig zur Entwicklung neuer Technologien an.

Interview: Sabine Letz

Lesen Sie das Interview in voller Länge auf: http://sabineletz.wordpress.com

Mehr zur Ernährung der Deutschen erfahren Sie in der Nestlé-Studie: http://www.nestle.de/

Buchtipp:

VonLoewenstein_180x240

Felix zu Löwenstein: Food Crash. Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr, Pattloch Verlag 2011.

Link zum Buch: http://www.droemer-knaur.de/buecher

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