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Urban Gardening, nachhaltiges Konzept macht Andernach zur essbaren Stadt
Urban Gardening

Urbane Landwirtschaft, oder die essbare Stadt ist eine Perspektive

Frisches Gemüse selbst anbauen und ernten, das ist wieder im Trend. Doch der Städter hatte es meist schwer sein eigenes Grün zu ziehen. Das könnte sich nun ändern. Gemeint sind aber nicht die vielen Urban Gardening Projekte, sondern die urbane Landwirtschaft, in der das ganze Stadtgelände zum Gemüsebeet wird. So wie in Andernach, der essbaren Stadt am Rhein.

Frische Tomaten ernten für den sommerlichen Salat, dazu die passenden Zwiebeln, knackige Bohnen, Kartoffeln oder buntstieligen Mangold – es geht nichts über frisches Gemüse, erst Recht, wenn es regional und damit nachhaltig angebaut wird. Der Traum vieler Städter. Nicht mehr so im 30.000 Einwohner zählenden Andernach, der rheinlandpfälzischen Stadt am Rhein, in unmittelbarer Nähe zur schönen Vulkaneifel. Denn dort ist ein Traum für viele Bürger wahrgeworden: Raus vor die Tür gehen und frisches, noch dazu unbelastetes Gemüse ernten. Denn Andernach hat ein zunächst vages Vorhaben umgesetzt, welches, zunächst viel diskutiert, heute jeden Bürger begeistert. Denn heute heißt es anstatt „Betreten verboten“, „Pflücken erlaubt“; direkt in den städtischen Grünanlagen und auf etwa 4 Hektar Stadtfläche. Jeder Andernacher darf die Gemüsebeete betreten und es ist ausdrücklich erlaubt dort auch zu ernten, was völlig bedenkenlos ist, wird auf Pflanzenschutzmittel komplett verzichtet.

Urbane Landwirtschaft – Ein Konzept mit Vorbildcharakter

„Mit verschiedenen Maßnahmen arbeitete die Stadt Andernach an einem nachhaltigen Baukastensystem der kommunalen Grünraumplanung, wobei es das Ziel war, gleichermaßen ökologische, ökonomische und soziale Aspekte zu integrieren,“ erklärt Lutz Kosack, Diplom Geoökologe und Mitbegründer der Wesentlich GmbH, dem Beratungsbüro für urbane Pflanzkultur, den Grundgedanken der essbaren Stadt am Rhein.

Ein wesentliches Element hierbei sei die Integration der urbanen Landwirtschaft in ein nachhaltiges Begrünungskonzept der modernen Stadt. „Natürlich Andernach“ heißt das Konzept, mit dem seit 2010 einige Preise abgeräumt wurden, unter anderem gelang mit diesem urbanen Landwirtschafts-Konzept der Sieg beim Wettbewerb „Lebenswerte Stadt“ der Deutschen Umwelthilfe. 

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Leeren Gemeindekassen begegnen und dem Bürger Mehrwerte schaffen

Gerade in Zeiten einer schwierigen Finanzlage in vielen Gemeinden ein gutes Konzept, von dem einfach jeder profitiert. Nicht zuletzt die Stadtkasse. Denn: Die Pflege der städtischen Grünanlagen und deren jahreszeitliche Bepflanzung kostet in Deutschland im Schnitt 60 Euro pro Quadratmeter. Indes kostet die Bepflanzung mit Tomate, Zucchini, Gurke und Co. nur 12 Euro auf gleicher Fläche. Ein nachhaltiges Konzept von dem einfach jeder profitiert und bei dem der Begriff „Lebensmittel“-Punkt, erhält eine völlig neue, strenggenommen aber eine ganz alte Bedeutung zurück. Lebensmittel, vor allem Gemüse, zum Greifen nah und frisch vor der Haustür angebaut.  „Anfangs gab es Bedenken, ob es nicht im Chaos enden würde, wenn den Bürgern es erlaubt ist, Lebensmittel in haushaltsüblichen Mengen zu ernten“, erklärt die Gartenbauingenieurin Heike Boomgaarden, die zudem als Pflanzenexpertin für Sendungen des SWR und ZDF arbeitet. Doch das Chaos blieb aus, genauso wie der befürchtete Vandalismus.

Urban Gardening, nachhaltiges Konzept macht Andernach zur essbaren Stadt

Die essbare Stadt Andernach bringt urbane Landwirtschaft in die Innensadt. Hier werden Beete inmitten des alten Burggrabens vorbereitet. (c) Wesentlich GmbH

Urbane Landwirtschaft sichert Biodiversität und schafft Mehrwerte

Viele ältere Menschen verbinden den Gemüseanbau auf städtischen Flächen mit Not und Elend. Denn in der Nachkriegszeit war dies eine durchaus gängige Methode, um die Städter mit wichtigen Grundnahrungsmitteln zu versorgen. Letztlich ist diese Zeit die Wiege der modernen urbanen Landwirtschaft, die heute, mehr denn je an Aktualität gewonnen hat. Noch dazu, zumindest in Andernach, trägt solch ein Konzept zur Biodiversität bei. Denn jedes Jahr spielt eine andere Pflanzengattung in den Beeten der Stadt eine Hauptrolle. So wurden beispielsweise 2010 über 101 verschiedene Tomatensorten angebaut, meist fast vergessene, sehr alte Sorten. Gefolgt wurde dieser Anbau durch das Pflanzen unzähliger Bohnensorten in 2011 und vielen verschiedenen Zwiebelsorten 2012. 2013 haben sich die Planer der vielfältigen Kartoffel gewidmet, ein Grundnahrungsmittel in Deutschland, von dem im Supermarkt vielleicht noch ein halbes Duzend Sorten erhältlich sind.  

Neben dem jährlichen Schwerpunkt auf dem Anbau einer Gemüsesorte werden viele weitere Gemüsesorten angebaut, Beeren- oder Spalierobst sowie Küchenkräuter und unzählige Schnittblumen, an denen sich jeder Bewohner der essbaren Stadt gerne bedienen darf. In der Kombination mit einer periurbanen Permakulturanlage, der Nutztierhaltung und dem Futteranbau für diese, hat sich die urbane Landwirtschaft auf insgesamt 13 Hektar Land in Andernach fest etabliert. Nicht minder nachhaltig: Lebensmittel, die nicht von den Bürgern abgeerntet werden, werden verarbeitet und in einem Fairregioladen verkauft. Ein Konzept, welches in vielen Belangen Sinn macht, nicht nur aufgrund neuerlicher Lebensmittelskandale.

Urbane Landwirtschaft: Ein Konzept setzt sich durch

Einen großen Anteil an der Planung und Umsetzung dieses ökologisch wie sozial sehr wertvollen Konzeptes hat die Wesentlich GmbH, das wohl einzige Planungsbüro für urbane Landwirtschaft. Entwickelt wurde das Konzept von Lutz Kosack, dem Vermarktungsspezialist Andreas Görner und Heike Boomgaarden, den Gründern der Wesentlich GmbH. Und der Erfolg gibt dieser Geschäftsidee Recht. Mittlerweile wurde das ganzheitliche Konzept urbaner Landwirtschaft in 50 deutschen Städten vorgestellt und findet schon heute zahlreiche Nachahmer, wenn auch in meist kleinerem Maßstab. Daneben berät die Wesentlich GmbH unter anderem in Fragen der essbaren Schule – das Motto hierbei heißt „natürlich klug“ - und Firmen bei der Einführung des essbaren Unternehmens.

Die essbare Stadt Andernach ist zum wahren Vorbild für das Urban Gardening avanciert. Die Potenziale der hier umgesetzten, modernen urbanen Landwirtschaft werden vom 13.6 – 14.6.2013 auf dem Kongress „Urban Green Card – die Essbare Stadt Andernach“ ausführlich präsentiert und diskutiert.

Ein TV-Beitrag der Deutschen Welle zu essbaren Stadt Andernach und einem einmaligen Projekt der urbanen Landwirtschaft:

Quelle: www.wesentlich-gmbh.de, Text: Jürgen Rösemeier

Urban Gardening, nachhaltiges Konzept macht Andernach zur essbaren Stadt

Bohnenvielfalt im öffentlichem Raum und für Jedermann. (c) Wesentlich GmbH

Urban Gardening, nachhaltiges Konzept macht Andernach zur essbaren Stadt

Gemüsevielfalt wo man hinschaut und im Hintergrund wachsen Trauben. Alles natürlich und unbehandelt. (c) Wesentlich GmbH

Urban Gardening, nachhaltiges Konzept macht Andernach zur essbaren Stadt

Doch nicht nur Gemüse und Obst findet der Andernacher und die vielen Touristen in den Beeten; Hier ersetzen pflegeleichte Präriestauden die teuren, jahreszeitlich bepflanzten Wechselbeete. (c) Wesentlich GmbH