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1986 gründete Karl Ludwig Schweisfurth die Schweisfurth-Stiftung.

Die von Schweisfurth aufgebauten Hermannsdorfer Landwerkstätten wurden mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2011 in der Kategorie «Deutschlands nachhaltigste Zukunftsstrategien» geehrt. Foto: privat

Vom Wurstfabrikanten zum Biobauer

Ihm gehörte Herta, die größte Wurstfabrik Europas. Aber bereits Anfang der 80er-Jahre verkaufte Karl Ludwig Schweisfurth den Familienbetrieb und gründete einen Biobauernhof. «Weil das System Tiere und Fleisch jede Würde und Moral verlor.» Die ARD zeigt im Tatort «Tödliche Häppchen» die dubiosen, verbrecherischen Machenschaften mit der Ware Tier. Endlich ist das Thema in der Gesellschaft angekommen. Aber ist das tatsächlich so?

Tatort zeigt Verbrechen auf Schlachthof.

Szene aus dem Tatort vom 02.01.2012 «Tödliche Häppchen» , 20.15, ARD.  Foto: ARD/© SWR/Dirk Guldner

Er ist Visionär und begeisterter Verfechter der ökologischen Lebensmittelverarbeitung. Karl Ludwig Schweisfurth hat mit den Herrmannsdorfer Landwerkstätten eine Symbiose von nachhaltiger Landwirtschaft, ethisch-moralischer Tierhaltung, handwerklicher Lebensmittelverarbeitung und regionaler Zusammenarbeit geschaffen. Herrmannsdorf ist der Mittelpunkt eines Netzwerkes von etwa 70 ökologisch wirtschaftenden Bauern und Herstellern in der Region. Die Verarbeitung und Vermarktung der ökologisch erzeugten Pflanzen und Tiere in Metzgerei, Käserei, Bäckerei und Brauerei in höchster Qualität stehen im Mittelpunkt. Durch die Nähe zu den Orten, an denen die Pflanzen wachsen und Tiere gehalten werden, sind kurze Wege zwischen den Verarbeitungsstufen gewährleistet. Getragen wird der Verbund von einem Leitbild des achtsamen Umgangs mit allem Leben und Lebensnotwendigkeiten.

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Im Jahre 1897 eröffneten Ludwig Schweisfurth und seine Frau Wilhelmine eine Metzgerei in Herten/Westfalen. 20 Jahre später beschäftigte das Unternehmen bereits mehr als 50 Mitarbeiter. Sohn Karl Schweisfurth baute das Unternehmen aus und übergab es nach dem Zweiten Weltkrieg an seinen Sohl Karl Ludwig, den Gründer der Herrmannsdorfer Landwerkstätten. Er entwickelte das Familienunternehmen zu dem modernsten Fleischunternehmen in Europa. Als Anfang der 80iger Jahre seine drei Kinder dem Unternehmer klar machten, die Firma nicht übernehmen zu wollen, kamen bei Karl Ludwig Schweisfurth erste Zweifel auf. «Ich spürte, das System Tiere – Fleisch verliert jede Würde und Moral. Ich konnte mein großes Unternehmen nicht umwandeln. Die Alternative war: neu anfangen und möglichst aus dem System aussteigen», erklärt Karl Ludwig Schweisfurth. Er verkaufte sein Unternehmen Herta und suchte nach einem neuen Projekt, mit dem er seine Vision von einer neuen und nachhaltigen Agrar- und Ernährungskultur in die Tat umsetzen konnte. Mitgetragen wurde die Idee von allen Kindern.

1986 wurde aus der Vision Wirklichkeit. Karl Ludwig Schweisfurth gründete in München die Schweisfurth-Stiftung und erwarb in Herrmannsdorf bei Glonn ein Gut, auf dem die Landwerksstätten aufgebaut wurden. Seitdem gelten die Landwerkstätten als Vorbild für die ökologische und nachhaltige Herstellung von Lebensmitteln. Neben der artgerechten Tierhaltung sowie der nachhaltigen Backwaren- und Wurstherstellung stehen Verbraucheraufklärung ebenso im Mittelpunkt wie die Erhaltung seltener Nutztierrassen, wie zum Beispiel die fast vergessenen Schwäbisch-Hallischen Landschweine. Nachhaltigkeit wird auch bei der Stromversorgung großgeschrieben: er wird komplett aus regenerativen Quellen gewonnen; entweder durch den Zukauf regenerativ erzeugter Energie, die Kleegras-Biogasanlage oder mit Hilfe der Photovoltaikanlage.

1996 übernahm Sohn Karl Schweisfurth das Unternehmen. Der Diplom-Agrar-Ingenieur leitet das Unternehmen mit 120 Mitarbeitern und hat unter anderem die Filialisierung in München und Umgebung vorangetrieben sowie das bundesweite Vertriebsnetz mit Fleisch- und Wursttheken in mehreren Städten aufgebaut. Sozial ist auch der Umgang mit Mitarbeitern und Geschäftspartnern: mit Bauern aus der Region werden langfristige Partnerschaften eingegangen und die Mitarbeiter am Unternehmenserfolg beteiligt.

In diesem Jahr wurden die Herrmannsdorfer Landwerkstätten neben Siemens und Vaude mit dem Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie «Deutschlands nachhaltigste Zukunftsstrategien (KMU) 2011» ausgezeichnet. «Die Hermannsdorter Landwerkstätten sind seit vielen Jahren als Trendsetter für die ökologisch und sozial nachhaltige Herstellung von Lebensmitteln bekannt», heißt es in der Begründung der Jury.

Karl Ludwig Schweisfurth ist mehr als ein Visionär, er hat seine Ideen und Träume in die Tat umgesetzt. Gefragt nach seinen Zielen für die nächsten Jahre antwortet er: «Das System Tiere – Fleisch ist total heruntergekommen. Da wird Moral und die Würde von Mensch und Tier völlig missachtet. Ich helfe Leuchttürme zu bauen, die zeigen, wie es ganz anders geht.»


Wegen seinen Visionen wurde Schweisfurth oft als Träumer bezeichnet.

Visionär Karl Ludwig Schweisfurth achtet darauf, «glückliche Schweine» zu züchten. Foto: privat

Was kann der Verbraucher tun, damit die Wertschätzung für Lebensmittel wieder steigt?

Nachdenken, wie das Steak oder die Salami entstanden sind.

Wie kann die Politik Ihre Gesetzgebung in diesem Bereich verbessern?

Schärfere Gesetze zum Schutz der Tiere gegen die Ausbeutung der Natur erlassen.

Zu Ihrer Person und ihrer Vision: Was waren die Gründe für Ihren Verkauf der Herta-Wurstfabrik und die Gründung des Ökoparadieses in Herrmannsdorf?

Ich spürte, das System Tiere – Fleisch verliert jede Würde und Moral. Ich konnte mein großes Unternehmen nicht umwandeln. Die Alternative war: neu anfangen und möglichst aus dem System aussteigen.

Welche Widerstände mussten Sie überwinden?

Immer für verrückt erklärt zu werden, als Spinner, als Träumer.

Warum sind Ökofleisch und Ökowurst gesünder als herkömmliches Fleisch?

Weil beides nach den Regeln des Ökolandbaus «im besseren Einklang mit der Natur» erzeugt wird.

Sie achten darauf, «glückliche» Schweine zu züchten. Wie gelingt das und warum ist das für Sie wichtig?

Glückliche Schweine brauchen Bewegung in frischer Luft. Sie müssen wühlen können, um im «lebendigen» Boden das zu finden, was ich ihnen im Stall nicht geben kann.

In Herrmannsdorf arbeitet man im besseren Einklang mit der Natur.

Nachhaltig einkaufen in Herrmannsdorf. Foto: privat

Welche Menschen arbeiten in Herrmannsdorf: Idealisten, Visionäre, Tierliebhaber?

Handwerker, die stolz darauf sind, in einem «vernünftigen» Unternehmen zu arbeiten.

Ein paar Worte zu Ihrer Stiftung: Welche Ziele verfolgen Sie und welche Projekte werden gefördert?

Leben und Arbeiten im besseren Einklang mit der Natur. Wie wollen wir in Zukunft leben?

Welche Ziele und Visionen möchten Sie in den nächsten Jahren umsetzen?

Das System Tiere – Fleisch ist total heruntergekommen. Da wird Moral und die Würde von Mensch und Tier völlig missachtet. Ich helfe Leuchttürme zu bauen, die zeigen, wie es ganz anders geht.

Haben Sie ein Lebensmotto, das Sie formulieren können?

«Mäßigt Euch», sonst fresst Ihr ganz schnell die Erde kahl.»

Tatort «Tödliche Häppchen»

Der Tatort vom Sonntag, 02. Januar 2012, 20.15 Uhr, ARD, ist eine SWR-Produktion mit dem Ermittlerduo Lena Odenthal und Mario Kopper.

Die ARD schreibt dazu: «Bei diesem Odenthal-Tatort im Umfeld eines fleischverarbeitenden Betriebs kann einem fast der Appetit vergehen. Das Ludwigshafener Ermittlerduo wird in der Fleischfabrik mit 10.000 geschlachteten Schweinen, über 70.000 Liter Blut pro Woche und entsprechendem Geruch konfrontiert. „Für jemanden, der alle zwei Wochen frische Medaillons isst und dazu ein Glas Rotwein trinkt, ist das der völlig falsche Ort“, stellt Kopper fest und stellt auf vegetarische Kost um.»

Hier gehts zum Trailer. Der Tatort kann in der Mediathek der ARD nachträglich angeschaut werden.

Interview: Ulrike Rensch