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Auch die Kleinsten der Familie Steingässer erleben ein Abenteuer.
Auf den Spuren des Klimawandels

Eine Familie suchte die Folgen des Klimawandels

Auf den Spuren des Klimawandels: Eine Familie wollte die Folgen des Klimawandels mit eigenen Augen sehen und ist dazu um die ganze Welt gereist. Ihre Erlebnisse und atemberaubende Bilder zeigen sie bei mehreren Vorträgen.

Der Klimawandel ist real. Wer das angesichts von Unwettern und Hitzewellen noch immer nicht wahrhaben möchte, sollte sich einmal mit den sechs Mitgliedern der Familie Steingässer unterhalten – oder zu einem ihrer Vorträge kommen, die ab Mitte November in mehreren deutschen Städten stattfinden.

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Mit Schlittenhunden durchs ewige Eis

Gemeinsam mit ihren vier Kindern sind die Ethnologin Jana und der Fotograf Jens Steingässer, der für National Geographic arbeitet, auf den Spuren des Klimawandels um die Welt gereist. Los ging es in Grönland, wo 39 Schlittenhunde die Sechs durchs ewige Eis zogen und sie mit Versorgungsschiffen abgelegene Siedlungen besuchten. Nach Lappland, zur nächsten Station, gelangte die Familie mit einem Feuerwehroldtimer und begleitete dort samische Rentierhirten in die raue schwedische Bergwelt.

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Es folgten packende Erlebnisse in Marokko, Afrika und Australien, bei denen die Steingässers sich selbst und den Menschen, die sie unterwegs trafen, immer wieder die Frage stellten, ob wir es uns leisten können, heute nicht an die Zukunft unserer Kinder zu denken. Denn: Die Folgen des Klimawandels, die wir hierzulande in ihrem ganzen Ausmaß kaum überblicken können, waren auf der langen Reise der Familie immer wieder und teils auf dramatische Weise seh- und spürbar.

Die Faszination liegt im Verborgenen

Die Geschichte der Familie Steingässer handelt also auch davon, was es auf dieser Erde zu bewahren gilt und beweist, dass die Faszination unseres Planeten oft im Detail verborgen liegt. Davon erzählen die Weltreisenden bei sieben Vorträgen, die zwischen dem 14. und 21. November 2016 in Hamburg, Köln, Frankfurt, Dresden, Stuttgart, München und Berlin stattfinden werden. Die Besucher erwarten faszinierende Bilder und packende Geschichten über die Schönheit der Natur und nachdenkliche Erkenntnisse über die dramatischen ökologischen Veränderungen, die unmittelbare Folgen des Klimawandels sind.

Besonders spannend sind die unterschiedlichen Blickwinkel, die die Familienmitglieder auf ihre Erlebnisse haben, denn sie sehen die Welt nicht nur durch die Augen eines Fotografen und einer Wissenschaftlerin, sondern auch mit der Offen- und Unbekümmertheit von Kindern. Die Live-Reportage „Die Welt von morgen – Eine Familie auf den Spuren des Klimawandels“ ist Teil der neuen Vortragsserie von National Geographic, die ab Januar mit weiteren spannenden Reportagen fortgesetzt wird: Mehr Informationen dazu finden Sie hier: Vortragsserie zum Klimawandel.

Interview mit Jana und Jens Steingässer

ecowoman: Wie kamen Sie auf die Idee zur Weltreise?

Jana & Jens: Als unsere Zwerghenne Emma in einem sehr milden und sonnigen Dezember ihre ersten Eier legte und zu brüten begann, waren wir ziemlich überrascht. Beim Recherchieren fanden wir heraus, dass Tiere in ihrem Verhalten von den Folgen des Klimawandels beeinflusst werden können. Dann war klar: Daraus machen wir ein großes Reportage-Projekt. Aber nicht mit abstrakten Zahlen, sondern mit Geschichten, die beschreiben, wie sich das Leben auf unserem Planeten durch den Klimawandel und andere anthropogene Einflüsse verändert.

ecowoman: Was waren die größten Herausforderungen auf der Reise?

Jana: Die größte Herausforderung war neben der Logistik (besonders die Winterreise nach Grönland), das Erlebte, Gesehene und Gehörte zu verarbeiten. Das Thema ist kein einfaches, aber hat existenzielle Bedeutung. Manchmal hätten wir am liebsten einfach den Kopf in den Sand gesteckt und die Augen vor den Tatsachen verschlossen. Bis wir begannen, uns stärker auf die "Zukunftsgestalter" zu konzentrieren. Also die Menschen, die nicht einfach der Dinge harren sondern die Ärmel hochkrempeln und tatkräftig an einer "enkeltauglichen" Zukunft arbeiten.

Jens: Logistisch waren, wie Jana schon sagt, Grönland, aber auch die Alpenüberquerung große Herausforderungen. Unsere drei kleineren Kinder sollen sich unterwegs ja wohl fühlen. Unsere Kinderwagen leisteten dafür volle Dienste. Z.B. auf den tagelangen Hundeschlittenfahrten durch Ostgrönland. Ohne Räder auf die Schlitten verzurrt, wurden Sie zum windgeschützten Erste-Klasse-Abteil für die beiden Kleinsten - sogar der Mittagsschlaf war während der Fahrt möglich.

Auf der Alpenüberquerung schraubten wir an beide Kinderwagen Longboards mit Luftreifen dran. Bergauf konnten die Kinder auf- und abspringen und sich nach Bedarf ziehen lassen. Bergab saßen die Kinder vorne im Kinderwagen und wir Erwachsenen konnten Kräfte tanken, während wir auf den Longboards „mitrollten“. 

ecowoman: Was hat Sie am meisten beeindruckt? Und was Ihre Kinder?

Jana: Die Menschen, die sich für die Zukunft ihrer Kinder und Enkel und Ururururenkel einsetzen und über den Tellerrand hinaus schauen. Die Menschen, die Verantwortung übernehmen und dabei auch noch richtig Spaß haben. Nicht zuletzt haben mich unsere eigenen Kinder beeindruckt. Für unsere Kinder waren viele Erlebnisse sehr tiefgreifend. Mio ist besonders von den Wildtieren Afrikas fasziniert. "Artenschutz" interessiert ihn seitdem sehr. Hannah und Frieda waren natürlich auch von den Tieren beeindruckt, aber vor allem von ihren vielen neuen Freunden, die sie im Laufe der Reisen kennengelernt haben.

Jens: Alle unsere Kinder, auch Paula, sind die größten Grönland-Fans geworden. Sie wollten dort nicht mehr weg. Aber gerade dort waren sie auch von einigem Erlebtem eher negativ beeindruckt: Müll überall, um ein Beispiel zu nennen. Seitdem steuern wir langsam, aber sicher auf einen müllfreien Haushalt zu. Ist für uns Eltern erst mal eine Umstellung, aber es macht total Spaß, sich da reinzuarbeiten. Und auch hier gibt es ja tolle Beispiele von Menschen, die uns vormachen, wie es gehen kann.

ecowoman: War Ihnen schon vorher bewusst, welch große Auswirkungen der Klimawandel hat oder wurde Ihnen das im Laufe der Reise klar?

Jana: Relativ abstrakt war uns schon klar, welche Auswirkungen der Klimawandel hat. Aber das ist natürlich etwas anderes, als es selbst zu erleben. Hitze, der man nicht entkommen kann, die einem den Atem abschnürt (im nördlichen Südafrika). Hungrige Menschen und Tiere in Grönland, wenn die Jäger ohne Beute heimkommen (das war auch früher so, aber je weniger Meereisbedeckung, umso seltener können die Männer jagen mit Hundeschlitten). Versalzene Landflächen, auf denen früher einheimisches Buschland, dann Weizen wuchs und das jetzt unbrauchbar geworden ist (Australien), Gletscher, die mit weißen Tüchern abgedeckt werden, um eine helle Oberfläche zu schaffen, die eigentlich im Winter durch Neuschnee entstehen sollte, der aber immer öfter ausbleibt. Und dunkle Oberfläche absorbiert die Wärme stärker, was zu schnellerer Eisschmelze führt, deshalb wird weiße Oberfläche "simuliert" (Alpen)…

Das Ganze haben wir übrigens nach unseren Reisen noch mal extrem gut "simuliert" auch im  Klimahaus in Bremerhaven erlebt. Wer einmal mit allen Sinnen erleben will, wie sich die verschiedenen Klimazonen unseres Planeten anfühlen und wie das menschliches Leben beeinflusst, der kann das dort auf wirklich geniale Art und Weise und mit super viel Spaß erleben.

Jens: Wir haben aber auch gelernt, dass der Klimawandel nicht getrennt von anderen Themen wie Landnutzungsänderung, Bevölkerungsdruck et cetera gesehen werden kann. Der Klimawandel ist an vielen Stellen der Strohhalm, der dem Kamel das Kreuz bricht, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und nicht alle Menschen sehen ihn negativ, auch nicht in den am stärksten betroffenen Regionen, beispielsweise in der Arktis. Hier eröffnen sich durch die Eisschmelze neue wirtschaftliche Aspekte, und einige Menschen vor Ort hoffen, dadurch ein besseres Leben führen zu können. Von außen betrachtet ist so eine Haltung einerseits frustrierend, andererseits vollkommen nachvollziehbar. Alle Menschen denken zunächst an die Absicherung ihrer eigenen Bedürfnisse und die ihrer Kinder, bevor sie es sich leisten, für die Zukunft unbekannter Menschen Verantwortung zu übernehmen. Das Gemeine am Klimawandel ist ja, dass unser Handeln heute erst in Jahrzehnten Wirkung zeigt – im positiven wie im negativen Sinne.

ecowoman: Machen Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen in Ihrem Alltag bewusst etwas anders, seit Sie wieder in Deutschland sind?

Jana: Selbst wenn wir wollten, könnten wir gar nicht mehr so weiter machen wie zuvor. Dafür haben wir zu viel gesehen und erlebt. Und wir haben gesehen, dass Veränderungen „top down“, also auf politischer und globaler Ebene, genauso nötig sind wie „bottom up“, also aus der Bevölkerung, in kleinen Schritten und lokalen Zusammenhängen. Bei sechs Menschen in der Familie hat natürlich jeder seine Idee, wie das aussehen kann. Paula isst jetzt vegan, kauft Kleider second-hand, engagiert sich politisch, arbeitet sich in das Thema Permakultur ein.

Hannah und Mio und Frieda wollen müllfrei werden. Mio spart weil er sich einen Wald kaufen will, wo Tiere leben können ;-) – das Artensterben interessiert ihn momentan immens. Jens und ich waren vor allem genervt davon, wie viel wir Auto fahren im Alltag. Mit unseren journalistischen Reisen hinterlassen wir eh schon einen dicken Fußabdruck, den wir wenigstens im Alltag reduzieren wollen. Deshalb haben wir unseren Alltagsradius immens verkleinert und haben uns ein Elektrolastenrad gekauft.

Jens: Seitdem haben wir uns auf ein Auto reduziert, und auch dieses verbliebene bleibt fast nur noch auf dem Parkplatz. Außerdem haben wir beschlossen, die Ressourcen der Nachbarschaft besser zusammenzubringen. In unserem Dorf hat sich eine Gruppe zusammengetan, die eine kleine solidarische Landwirtschaft aufbauen will – zur Selbstversorgung. Genauso initiieren wir gerade ein Auto-Sharing, so dass diejenigen, die wie wir eigentlich nur noch ein „halbes“ Auto benötigen, sich zusammenschließen können.

All diese Veränderungen haben den schönen Nebeneffekt, dass sie Spaß machen, weil sie Gemeinschaft bilden. Ich wusste gar nicht, wie viele coole, nette Nachbarn wir hier haben, die am gleichen Strang ziehen ;-)

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Quellen: National Geographic, Bild: Jens Steingässer, Text: Ronja Kieffer