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Wie wir uns glücklich spazieren
Waldbaden auf Rezept?

Waldbaden: Wie wir uns glücklich spazieren

Wir müssen nicht gleich in eine Hütte im Wald ziehen, wenn alles zu viel wird. In den Wald zu gehen, ist dennoch eine wirklich gute Idee. Das sehen auch Wissenschaftler so.

Unter den Füßen Tannennadeln und raschendendes Laub statt Kaugummiflecken und Zigarettenkippen. Der Wald ist das Gegenprogramm zur hektischen Großstadt – auch wenn der Wald mitten in der Großstadt liegt. Waldbaden nennt sich der Trend, bei dem Glück und Gesundheit in der Natur gesucht werden.

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Die Sprache des Waldes

Waldbaden ist Baden ohne sprudelnde Brausetabletten oder blumig duftenden Zusätze. Waldbaden ist Baden in Moosen, Buchen und Haselsträuchern. Dabei geht vor allem unsere Nase baden: Forscher vermuten, dass Bäume über bestimmte Botenstoffe miteinander kommunizieren oder mit ihnen Tiere abwehren, die ihre Blätter anknabbern wollen. Diese Botenstoffe, sogenannte Terpene, stehen bei Forschern wie dem japanischen Waldforscher Qing Li hoch im Kurs: Denn die ätherischen Öle, die die Bäume in die Luft abgeben, sollen unser Immunsystem stärken.

Terpene können wir nicht bewusst riechen, dafür sind unsere menschlichen Nasen zu plump. Chemische Moleküle können wir dennoch aufnehmen und sie können auch ohne unsere bewusste Wahrnehmung wirken. Quing Li nimmt an, dass wir Terpene über unsere Haut und unsere Lungen aufnehmen. Um deren Effekt zu untersuchen, ließ er einige Probanden waldbaden – im Schlaf.

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Langer Waldspaziergang für eine starke Gesundheit

Lange Baden für eine starke Gesundheit

Während sie sich in seinem Labor aufs Ohr legten, ließ er sie mit Terpenen einnebeln. Am nächsten Morgen nahm er ihnen Blut ab und stellte fest: Die Anzahl der Killerzellen in ihrem Blut war deutlich angestiegen. Da Killerzellen von Krankheitserregern befallene Zellen oder Krebszellen erkennen und bekämpfen, ist Quing Li Ergebnis eine kleine, nach Wald duftende Sensation.

Und wer einen ganzen Tag im Wald verbringe, der habe für eine ganze Woche mehr Killerzellen. Außerdem helfe Waldbaden gegen Ängste, Depressionen und Wut, da beim Waldbaden Stresshormone abgebaut würden. Und vielleicht ist es auch nur die Ruhe und der Abstand zum ständigen Hupen hektischer Autofahrer, fernab von zugeparkten Radwegen und E-Rollern auf dem Bürgersteig, die uns aufatmen lassen.

Waldbaden auf Rezept

Terpene hin oder her: Der Wald tut uns gut. Deshalb gibt es in Japan Waldbaden nun auf Rezept. Sattes Grün statt Tabletten satt. Shinrinyoku nennen die Japaner das: Wald(luft)bad. Schon 1982 regte das japanische Landwirtschaftsministerium an, dass Ausflüge in den Wald ein Teil einer gesunden Lebensführung sind. Deshalb gibt es in Japan Waldgebiete, die zu Waldtherapiezentren ernannt wurden. Der nationale Erholungswald in Akasawa lockt mit seinen angelegten Wegen jedes Jahr bis zu fünf Millionen Besucher. Auch in Südkorea gibt es mittlerweile offizielle Parks für das staatlich geförderte Waldbaden.

Auch auf Usedom können Erholungssuchende durch die 180 Hektar des ersten europäischen Kur- und Heilwalds Deutschlands streifen. Auch die mecklenburg-vorpommerische Kleinstadt Bad Doberan will mit einem Heilwald auf den Trend aufspringen. Die Chance auf kontrolliertes Waldbaden soll neue Touristen anziehen, die mit vollen Taschen und leerem Blick völlig gestresst und überarbeitet aus den Großstädten an die Ufer der Waldbäder gespült werden. Auch die Berliner Charité denkt mittlerweile über einen Waldbadepfad in der Nähe des Wannsees nach.

Bislang stapfen Waldbadegäste in Europa noch ohne Rezept durch die Wälder. Ob sie dabei auch denselben positiven Effekt genießen, untersuchen Forscher derzeit. Denn bislang ist unklar, ob die Baumarten in den asiatischen Wäldern andere Stoffe ausschütten als deutsche Buchen oder holländische Birken.

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Licht aus, Wald an

Waldmedizin

Feststeht: Der Mensch ist einfach nicht dafür gemacht, den ganzen Tag drinnen zu sitzen: Vom Bett mit dem Auto ins Büro, von dort vielleicht ins Fitnessstudio, in eine Bar und wieder nach Hause auf die Couch: Wir leben in Räumen, in Autos, wir leben ohne Luft – und oft auch ohne Natur.

Die Atmosphäre, das gedämpfte Lichte, die sachten Geräusche des Waldes: Das alle trägt zur Genesung bei. Tief füllen sich die Lungen, als würden sie sich mit frischem Leben füllen. Und auch die Hörsäle füllen sich mit frischem Leben, denn seit 2012 gibt es an mehreren japanischen Universitäten Forschungszweige, die sich Waldmedizin nennen. Die Studierenden und Wissenschaftler untersuchen, warum uns das Bad im Wald so guttut.

In Japan, dem Ursprungsland des Waldbadens, könnten die Kontraste zwischen Stadt und Land kaum größer sein. Qing Li, der Waldbadenforscher, lebt In Tokio, einer Megametropole, wo man vor lauter Häusern den Wald nicht sieht. Wo die Nacht schriller leuchtet als der Tag und selbst im Garten nichts dem Zufall überlassen wird. Auch in Europa wünscht sich manch einer zurück zur Natur. Das zeigt sich auch daran, dass Magazine wie Landlust vor allem unter Städtern reißenden Absatz finden. Doch statt sich durch gute Bilder in Hochglanzmagazinen zu blättern, setzt Waldbaden auf das echte Naturerlebnis mit allen Sinnen. In seinem Buch „Die Medizin des Waldes“ rät Quin Li dazu, das künstliche Licht abzuschalten und einfach mal rauszugehen

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Waldbaden für Anfänger

In seinem Buch erklärt Quing Li auch, wie man ein Bad im Wald nimmt:

  • Die Farbe der Bäume aufmerksam betrachten

  • Tief atmen

  • Dem Rauschen der Blätter lauschen

  • Ausruhen, verschnaufen

  • Trinken

Und ohne Wald? Dann reiche auch ein Garten aus, schreibt Quing Li. Die Hauptsache sei, wieder in Kontakt mit dem Natürlichem, dem Lebendigen zu kommen. Denn Waldbaden ist vielmehr ein Frischluftbaden, das Baden in der Natur: Und die muss nicht groß sein, um unsere Aufmerksamkeit von uns und unseren Alltäglichkeiten wegzulenken und uns einfach im Hier und Jetzt ankommen zu lassen. Waldbaden klärt die Gedanken, macht den Kopf frei und die Lunge voll mit frischer Luft.

Kleiner Spaziergang, große Wirkung

Waldspaziergänge machen glücklich

Dass sogar schon eine halbe Stunde Bewegung an der frischen Luft und ein ähnlich kurzer Ausflug ins Grüne signifikante Effekte auf die Stimmung haben, weisen Wissenschaftler seit Jahrzehnten immer wieder nach. Sogar leichte Formen der Depression ließen sich mit Bewegung im Wald behandeln, und das auch bei bedecktem Himmel. Wir müssen dafür noch nicht mal durch den Wald joggen oder uns auf eine andere Weise verausgaben: Spazieren reicht. Wandern Im freien statt Step-Arobic in der schweißschwangern Luft eines überfüllten Fitnessstudios, Jahresringe statt Augenringe: Das ist Waldbaden. Weiterlesen…

Quellen: Bilder: Depositphotos/AntonioGuillemF, PetarPaunchev, mreco99, monkeybusiness, Text: Ines Maria Eckermann

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