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Alpenflüssen droht ökologischer Kollaps

Der Zustand vieler Wildwasserreservoire in den Alpen ist besorgniserregend. So das Ergebnis einer aktuellen Studie der Umweltorganisation WWF. Der Zustand der untersuchten Gewässer ist aus naturschutzfachlicher Sicht kritisch. Damit werden die Lebensräume vieler Pflanzen und Tiere akut bedroht. Gründe für den drohenden Umweltkollaps sind vor alle Eingriffe des Menschen. Nachhaltigleben.de informiert über die Folgen der Alpenkatastrophe.

Eines der wertvollsten Ökoregionen in Europa ist bedroht. Die Wildflüsse der Alpen pflegen einen ökologischen Kreislauf und strukturieren die Vielfalt von Arten und Lebensräumen. Die Flüsse wurden in der Vergangenheit aufgestaut, verbaut, begradigt oder eingedämmt und haben somit einen Großteil ihrer natürlichen Dynamik verloren. Für die Studie von WWF wurden Flüsse in der Schweiz, Österreich und in Deutschland untersucht. Bei der Untersuchung wurden verschiedene Kriterien methodisch bewertet. Unter anderem die Abflussführung, die Wasserqualität, die biologische Durchgängigkeit, das Vorkommen auetypischer Arten und Lebensräume sowie die Gewässermorphologie, also Verbauungen, Begradigungen etc. Die einzelnen Kriterien wurden in einer 4-stufige Skala bewertet:

  1. Sehr hoch: weitgehend naturnahe, dem Leitbild entsprechende Verhältnisse
  2. Hoch: Beeinträchtigungen vorhanden, aber Voraussetzungen für hohe Arten- und Strukturvielfalt gegeben.
  3. Mittel: starke Beeinträchtigungen mit deutlichen Auswirkungen auf die Arten- und Strukturvielfalt.
  4. Gering: Weitgehende Beeinträchtigungen mit nahezu vollständigem Verlust der ursprünglichen Funktionen im Gewässersystem.

Die Ergebnisse der Studie sind ernüchternd und machen deutlich, wie bedroht die Naturgewässer tatsächlich sind. Nur 10 Prozent der untersuchten Gewässer erreichte die Bewertungsstufe «Sehr hoch» und 35 Prozent «Hoch». Weit mehr als die Hälfte der Wildflüsse wurden den unteren Kategorien «Mittel» und «Gering» zugeordnet. Die höchste positive Bewertung konnte die Sense in der Schweiz erzielen. 95 Prozent ihrer Fließgewässerstrecken wurden mit «Hoch» und «Sehr hoch»bewertet. Am schlechtesten schnitt die Traisen ab, bei der 93 Prozent der Strecken mit «Mittel» und «Gering» bewertet wurden.

Staustufenketten stören die Gewässerdynamik

Positive Erkenntnis der Untersuchung ist die Tatsache, dass alle untersuchten Gewässer abschnittsweise eine hohe bis sehr hohe naturschutzfachliche Qualität aufweisen, jedoch handelt es sich teilweise nur noch um Fragmente der Arten- und Strukturvielfalt aus der Vergangenheit. Besonders bedenklich ist der Zustand der Iller im deutschen Lech sowie der Mangelfall und Traisen. Durch Staustufenketten, die jegliche Gewässerdynamik verhindern und Verbauungen wurden die Wildflüsse massiv gestört.

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Natürliche Wildwasserseen, wie in den Alpen, wird es in Zukunft immer seltener geben. Foto: © trochka - fotolia.com

Die Studie macht auch die große Bedeutung der Wildflüsse deutlich. Sie sind Lebensräume gefährdeter oder vom Aussterben bedrohter Tier- und Pflanzenarten. Das Potenzial für wertvolle Existenzräume ist besonders hoch. Durch die fehlende Wasserdynamik sind sie jedoch auf regelmäßige Pflegemaßnahmen angewiesen. Ansonsten droht eine Vernichtung der seltenen Tiere und Pflanzen. Die Umweltschutzorganisation hat zum Ergebnis der Studie für alle untersuchten Flüsse Maßnahmenkataloge erarbeitet, damit die Wildflüsse der Alpen vor dem Kollaps bewahrt werden.

Empfehlungen des WWF zum Schutz und zur Entwicklung der nordalpinen Wildflüsse

  • Dauerhafter Erhalt und Schutz der letzten natürlichen und naturnahen Wildflussabschnitte
  • Fachbehördliche Prioritätensetzung zugunsten von Renaturierung und Wiederherstellung der beeinträchtigten Wildflussabschnitte
  • Spezielle Ausweisung guter und sehr guter Wildflussabschnitte in Raum- und Sektorplanungen zum Schutz vor zukünftigen Eingriffen sowie – falls möglich – Ausweisung und Sicherung als Naturschutzgebiete
  • Sorgfältige Prüfung aller bereits beeinträchtigten Wildflussabschnitte daraufhin, ob Eingriffe deren Zustand und Potenzial zur Renaturierung erheblich beeinträchtigen. In dergleichen Fällen: Genehmigung von Eingriffen nur dann, wenn eine zu erwartende Verschlechterung von Zustand und Potenzial auf ein Minimum reduziert werden kann und Renaturierungsmaßnahmen in anderen, möglichst angrenzenden Flussbereichen – als Ausgleich und Ersatzmaßnahme – zu deutlicher Verbesserung führen. In seiner Gesamtwirkung muss die Renaturierungsmaßnahme den jetzigen Zustand erhalten, idealerweise verbessern. Die biologische Durchgängigkeit sollte dabei als Mindestmaß gewahrt bleiben.
  • Unterstützung der Politik und Behörden von Wasserwirtschaft und Naturschutz für Maßnahmen zum Schutz, zur Wiederherstellung und Entwicklung der Wildflüsse
  • Öffentlichkeitsarbeit zugunsten von Wildflusssystemen für ein Mehr an Akzeptanz und Verständnis
  • Wiederherstellung der biologischen Durchgängigkeit – auch innerhalb von Ortsbereichen
  • Entwicklung von Geschiebemanagementkonzepten für den Umgang des vom Fluss transportierten Kieses, Sands und Gerölls
  • Verbesserung der Datengrundlage über Zielarten und LebensgemeinschaftenBereitstellung notwendiger Flächen von Anliegergemeinden und Landwirtschaft zur Renaturierung der Wildflüsse.

Text: Ulrike Rensch