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Blick aus dem Obergeschoss des imposanten Festsaals auf den Watzmann.
Natur-Tourismus

„Beieinandersein“ im Berchtesgadener Land

Auf dem weitläufigen Areal des geschichtsträchtigen Hotel „Geiger“ entstand 2021 der Kulturhof Stanggass – bestehend aus Hotel und Stadlhütten mit großen Glasfronten für einen freien Blick auf den Watzmann, Seminar- und Kreativräumen sowie einem weitläufigen Veranstaltungsraum. Drumherum befindet sich viel Grün für heimische Besucher und Gäste, die an überdimensionalen Holztischen im Biergarten beisammensitzen und den Tag in der Sauna oder im Naturteich ausklingen lassen.

Das Restaurant nimmt das Konzept der langen Tische auf und schafft so ein modernes und entspanntes Ambiente, das einhergeht mit der Holzbauweise des Kulturhofes und dessen Philosophie des „Beieinanderseins“. Und Holz ist hier präsent – sowohl optisch als auch olfaktorisch. Es stammt fast ausschließlich aus dem eigenen Wald des Visionärs und Inhabers des Kulturhofs, wie Ulrike Stöckle, Herausgeberin von ecowoman, im Interview mit Dr. Bartl Wimmer erfuhr. 

Ein neues Konzept für ein altehrwürdiges Areal

Dr. Bartl Wimmer

Visionär und Gründer des Kulturhof Stanggass Dr. Bartl Wimmer, Foto: © Whiteplate

Viele Jahre stand das „Geiger“, ein traditionsreiches denkmalgeschütztes Hotel in Bischofswiesen, einem Vorort von Berchtesgaden, leer. In seiner Blütezeit zählte das zur europäischen Luxusklasse gehörende Hotel zu den ersten Adressen der Region und wurde von zahlreichen Mitgliedern der Hochfinanz, des europäischen Hochadels und Stars wie Elvis Presley, Donna Summer, Robin Gibb oder J.F. Kennedy besucht. 1997 musste es wegen Insolvenz schließen und stand 20 Jahre leer. Es gab zwar immer wieder Nachnutzungskonzepte, von denen aber keines zur Umsetzung kam, bis das gesamte Areal vom Berchtesgadener Unternehmer und Grünen-Politiker Dr. Bartl Wimmer ersteigert wurde. Viel zu retten gab es nicht, die Zeit des Leerstands hatte ihre Spuren hinterlassen. Außerdem fehlte es dem Käufer an einem konkreten Konzept, wie man das weiträumige Areal bestmöglich nutzen könnte. Aber eins war von Anfang klar, es sollte anders werden, sich von klassischen Übernachtungskonzepten unterscheiden und ein Begegnungsort für Menschen aus nah und fern sein.

„Dabei war es ein Glücksfall, dass ich sehr früh in Kontakt mit dem Architekturbüro Arc aus Niederbayern kam. Die beteiligten Architekten, Manfred Brennecke und Stefan Kohlmeier, waren maßgeblich an der Entwicklung des Bebauungskonzepts beteiligt und eine große Hilfe bei der Gesamtentwicklung sowie Umsetzung“, so Dr. Bartl Wimmer. „Auch seitens der Bevölkerung gab es viele Ansprüche an das Areal, die ich in den Grundgedanken der Planung einbinden wollte. Meine Familie stammt von hier und es war nie ein Thema für uns, trotz meiner Firma in München, von hier wegzuziehen. Wir sind tief in der Region verwurzelt und möchten, dass das Berchtesgadener Land auch für die junge Generation attraktiv bleibt und wieder wird.“, so Wimmer weiter. Eine wichtige Vorgabe an die Architekten war ebenfalls, dass für die Gebäude, wenn möglich, vorwiegend heimisches Holz verwendet wird.

Doch wie vereint man diese unterschiedlichen Ansprüche, die bei einem privaten Grundstück gar nicht zur Debatte stehen, aber im Dialog dann zu einer besonderen Herausforderung werden? Aus „Begegnung“ wurde das Schlüsselwort „Beieinander“ – die Lösung ein 5-Säulen-Modell. „Beieinander bedeutet für uns, eine Vielfalt von Begegnungsorten zu schaffen. Unser Kulturhof wird daher von fünf Säulen getragen: Hotel, Kulinarik, Veranstaltung, Kreativ und Bewegung. Jeder dieser Bereiche hat hierfür besondere Räumlichkeiten und versteht sich als eine Einladung, um Gemeinschaft zu leben, sich auszutauschen, kennenzulernen und zu inspirieren. Eine Möglichkeit, sich selbst und anderen zu begegnen“, erläutert der Bauherr.

Festsaal (rechte Seite) und Hotelkomplex (links) mit Innenhof und freie Sicht auf den Watzmann.

Festsaal (rechte Seite) und Hotelkomplex (links) mit Innenhof und freie Sicht auf den Watzmann. Foto: © J. Unterhauser

„Bei der Architektur des Kulturhofs hat sich angeboten, die Typologie des in der Region bekannten Paar- oder Zwiehofs mit zwei giebelständigen Häusern neu zu interpretieren. Bei dieser Bauweise, die sich speziell für Hanglagen eignet, wird der Bauernhof mit Wohn- und Stallteil auf zwei Gebäude verteilt. Das Grundstück bietet einen gigantischen Ausblick auf Watzmann, Hochkalter, Reiter Alm oder den Hohen Göll. Geneigte Dächer oder weitestgehend den Baustoff Holz zu verwenden, sahen wir einfach als sinnvoll und nachhaltig an, aber natürlich kann man es auch traditionell nennen. In der speziellen Art der Anwendung lag der Reiz für uns darin, die richtige Spannung, aber auch die passende Balance zwischen Tradition und Moderne zu finden“, erläutern die Architekten Manfred Brennecke und Stefan Kohlmeier.

Der Kulturhof Stanggass entsteht

Nach langer Konzeptionsphase ging es an die Umsetzung, die zeitlich weitaus kürzer ausfiel, trotz Einschränkungen durch Lockdown und Lieferkettenengpässe. Hier bewährte es sich, dass auf heimische Baumaterialien und Firmen gesetzt wurde. So stammt fast das gesamte Holz aus dem privaten Baumbestand und konnte in der nahegelegenen Schreinerei zugeschnitten werden. Bei den Materialien, die im Erdreich verbaut wurden, konnte der Bauschutt vom alten Hotel „Geiger“ verwendet werden. Oberhalb der erdberührten Bauteile, also ab der ersten Erdgeschoss-Decke, wurden Wände, Decken und Dach in Holzbauweise errichtet, die Dämmung in den Holzwänden besteht aus recyceltem Altpapier. Alle Holzarbeiten wurden von einer regionalen Zimmerei in Perfektion ausgeführt und termingerecht geliefert. Die markanten überdimensionalen Tische im Außenbereich wurden von einem jungen Schreinerbetrieb speziell für den Kulturhof angefertigt.

Blick aus der Sauna über den Naturteich auf den Watzmann.

Blick aus der Sauna über den Naturteich auf den Watzmann. Foto: © J. Unterhauser

Vor einer beeindruckenden Bergkulisse ist so ein wunderschönes Hotel mit Gasthof, einem beeindruckenden Festsaal, Biergarten, Sauna mit Naturteich sowie Bewegungs- und Kreativbereich mit Yogastudio, Co-Working-Space und Seminarräumlichkeiten entstanden. Dieser Ort der Begegnung vereint Tradition und Moderne auf ganz unaufgeregte Weise. Die Zimmer sind von einer entschleunigten Klarheit, die Einrichtung auf das Minimale reduziert. Durch den durchgängigen Einsatz von Naturmaterialien herrscht ein gesundes und wohltuendes Raumklima. Jedes Zimmer hat seinen eigenen Namen zur Orientierung und die vielen Zu- und Eingänge bilden zusammen eine Familie.

Interieur der Hotelzimmer.

Interieur der Hotelzimmer. Foto: © Whiteplate

„Durch die Aufteilung in unterschiedliche Gebäude und die Wegbeziehungen dazwischen kommt es zu Begegnungen, die Wege kreuzen sich, es entstehen informelle Treffpunkte, ohne dass sie konkret definiert sind. Besonders wichtig war uns dabei, eine leichte Orientierung zusammen mit der Ablesbarkeit der Bausteine zu realisieren. Bei der Diskussion um Gasthof und Restaurant waren wir uns schnell einig, dass es neben den üblichen 2-er oder 4-er Tischen auch eine lange Tafel mit Platz für bis zu 25 Personen geben sollte. Das lädt ein, sich einfach dazuzusetzen, neue Menschen kennenzulernen und sich auszutauschen, eine Einladung zur Gemeinschaft sozusagen“, erläutern die Architekten weiter.

Die Natur schafft die einfachste Form der Nachhaltigkeit

Interessierte Besucher können auf der Webseite des Kulturhof lesen: „Wir sind ein Ort der Begegnung, der Vielfalt und des Austauschs. Für kleine Auszeiten und große Feste. Im Einklang mit Mensch und Natur. Wir glauben nicht nur, dass man Dinge anders machen sollte. Wir machen sie anders“, Das kann ich nach meinem Aufenthalt im Kulturhof nur bestätigen. Selten konnte ich in so kurzer Zeit so viel Energie und Kraft schöpfen, meine Seele baumeln und mit Blick auf den Watzmann den Sonnenuntergang in der behaglichen Sauna genießen.

Stadlhütten mit großer Glasfront und Blick auf die imposante Bergwelt.

Stadlhütten mit großer Glasfront und Blick auf die imposante Bergwelt. Foto: © J. Unterhauser

Am meisten jedoch imponierte mir die Umsetzung eines Nachhaltigkeitskonzepts, wie ich es so bisher noch in keinem Hotel gefunden habe. Weder auf der Webseite noch in der Außenkommunikation wird damit kokettiert, es ist einfach selbstverständlich und Ausdruck dessen, wie Familie Wimmer Leben und Gastfreundschaft versteht, lebt und ein Stück weit auch zelebriert. Wer sich mit Nachhaltigkeitsmanagement beschäftigt, wird jedoch schnell feststellen, dass hier nichts dem Zufall überlassen wird. Das gesamte Energie- und Ressourcenkonzept ist wohldurchdacht, regenerativ und nahezu klimaneutral. Zuständig dafür ist Sohn Florian, der auch die Geschäftsleitung des Kulturhofs verantwortet. Unnötige Verpackungen für Hygieneartikel gibt es hier nicht, Shampoo und Seife werden zum Beispiel aufgefüllt. Von Plastik ganz zu schweigen, weder auf dem Frühstücksbuffet noch im gesamten Wohnbereich – sogar die Hotelzimmerkarte ist aus Holz gefertigt, wie auch die gesamte Objektinnengestaltung, die von Tochter Miriam betreut wird.

Hotelzimmer, Sauna (rechtes Gebäude) und Außenbereich mit Kräutergarten und großen Tischen.

Hotelzimmer, Sauna (rechtes Gebäude) und Außenbereich mit Kräutergarten und großen Tischen. Foto: © J. Unterhauser

In Zusammenarbeit mit dem Alpenvorland Projekt „Apfel.Birne.Berge“ baut der Kulturhof auf eigenen Streuobstwiesen alte Sorten von Birnen und Äpfeln an, das Gemüse wird in eigenen Hochbeeten gezogen und frische Bio-Kräuter stammen direkt aus dem Gewächshaus oder aus dem Kräutergarten. Das Restaurant besticht durch eine abwechslungsreiche Karte mit hervorragenden Zutaten aus der Region und einem feinen Frühstücksbuffet, das gerne auch von Einheimischen besucht wird. Und die sind nicht nur stolz auf ihren Kulturhof, sondern kommen gerne auf ein kühles Bier im Biergarten oder zum „Beieinandersein“ am Abend vorbei.

Weitere Informationen zum Kultuhof finden Sie unter: www.kulturhof.bayern

Quellen: Titelbild: © J. Unterhauser,  Text: Ulrike Stöckle